Lila Lili

Schwanger und allein. Was Marie Vermillard mit dieser Ausgangsituation macht, entzieht sich konsequent gängigen Erzählkonventionen. 

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Micheline (Alexia Monduit) gehört nirgendwo wirklich dazu. Im Frauenhaus, wo die junge Frau mit den schwer zu bändigenden Haaren, dem schlampigen Kleidungsstil und dem immer etwas feindseligen Blick lebt, hat sie mit Nadège (Geneviève Tenne) zwar eine Freundin gefunden, schleicht die meiste Zeit aber fast unmerklich zwischen den anderen Bewohnerinnen herum. Im Handballverein zeichnet sich ihre Außenseiterposition noch stärker ab. Dort sitzt sie die ganze Zeit auf der Auswechselbank, obwohl sie wegen ihrer Schwangerschaft ohnehin nicht spielen kann.

Die Protagonistin in Marie Vermillards zweitem Spielfilm ist ebenso verschlossen wie mitteilungsbedürftig, schroff wie sensibel und bleibt dem Zuschauer immer ein wenig fremd. Denn Lila Lili versucht seine Hauptfigur nicht zu erklären, sondern vermittelt einen Zustand. Die zeitliche Klammer des Films wird von Michelines Schwangerschaft markiert. Die Handlung setzt ein, kurz nachdem sie davon erfahren hat, und endet damit, dass die Geburtswehen einsetzen und Micheline Namensvorschläge für ihr Kind in die Welt schreit. Zuletzt die beiden aus dem Filmtitel.

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In einer Szene besucht Micheline ihre Großmutter und läuft den Korridor eines Krankenhauses entlang. Für einen kurzen Augenblick nimmt die gerade noch objektive Kamera den nervösen, umhersuchenden Blick der Hauptfigur an. Und auch an anderen Stellen zeigt Vermillard die Welt durch die Augen Michelines, jedoch ohne ihr Innenleben dabei nach außen zu stülpen. Die junge Frau ist zweifellos Dreh- und Angelpunkt des Films, in seiner tristen Welt aber sicher nicht die Einzige mit Problemen.

Immer wieder entfernt sich die Kamera für einige Zeit von Micheline und verharrt beispielsweise bei einem gescheiterten Selbstmörder, einem Mädchen mit Nasenbluten oder einer Mitbewohnerin, die einen wütenden Monolog über ihre bevorstehende Abtreibung hält. Dabei sind solche kleinen Episoden nie bloße Pointen, sondern lassen stets einen gewissen Deutungsspielraum.

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Häufig definiert sich der Film, ähnlich wie seine Protagonistin, über eine Anti-Haltung, also eher über das, was er nicht ist, als das, was er ist. Lila Lili ist kein Melodram, kein Liebesfilm und folgt auch nur bedingt den Konventionen eines Sozialrealismus. Wenn Micheline etwa Simon (Simon Abkarian) kennenlernt und sie feststellen, dass beide viel Zeit in der Pariser U-Bahnstation „Opéra“ verbringen – sie als Ansagerin, er als Herumtreiber –, scheint der Weg frei zu sein für eine Romanze.

Doch stattdessen fängt Simon etwas mit Nadège an, und weil Micheline das ziemlich egal ist, will sich aus Lila Lili auch kein Eifersuchtsdrama entwickeln. Vermillards Protagonistin ist zwar weit davon entfernt, glücklich zu sein, ein fehlender Mann ist aber offenbar ihr geringstes Problem . Und so ergründet der Film weder, wer der leibliche Vater des Kindes ist, noch schickt er Micheline auf die Suche nach einem neuen. Sobald ihr ein Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts blöd kommt, wird er erst einmal derart rüde zurechtgewiesen, dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

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Auf den ersten Blick lässt sich Vermillards Stil wohl am ehesten als ungeschminkter Realismus beschreiben. Dafür spricht die nüchterne Schilderung prekärer Lebensverhältnisse – etwa Momentaufnahmen wie die Massenabfertigung beim Frauenarzt – oder der vereinzelte Einsatz von Laiendarstellern, etwa unter den Bewohnerinnen des Frauenhauses. Doch ganz will Lila Lili nie Abbild der Wirklichkeit sein. Dafür ist er streckenweise dann doch zu stilisiert und surreal. Besonders gegen Ende werden die Szenen immer länger und ihre narrative Funktion immer rätselhafter. So gibt es etwa ein ausgedehntes Picknick am Fluss, das vom restlichen Film seltsam losgelöst wirkt. Irgendwann fährt ein gläsernes Ausflugsschiff ohne Passagiere vorbei, aus dem Mozarts „Requiem“ tönt. Wenig später erscheint Micheline in einer Kirche ein Hirsch.

Vermillards Film bewegt sich irgendwo zwischen unsentimentaler Milieuschilderung, schwarzem Humor und hier und da einem Anflug von Transzendenz. Und auch wenn er dabei teilweise so spröde daherkommt wie seine Protagonistin, ist Lila Lili doch gerade deshalb ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine starke Frauenfigur darstellen lässt, die frei ist von Klischees und den Beschränkungen durch gängige Erzählmuster.

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