Invictus - Unbezwungen

Im Juni 1995, ein Jahr, nachdem Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt worden war, gewann Südafrika die Rugby-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Clint Eastwood erzählt in Invictus - Unbezwungen, wie Mandela den Sport nutzte, um sein gespaltenes Land wenigstens im Stadion und vor den Fernsehern zu einen.

Invictus - Unbezwungen

Während der 134 Minuten beschleicht einen immer wieder dasselbe Gefühl, dem die Assistentin Mandelas im Film mehr als einmal Worte verleiht: Hat der erste schwarze Präsident eines Staates, in dem bis vor kurzem noch Rassentrennung herrschte, nichts Wichtigeres zu tun, als sich für Rugby zu interessieren? Immer wieder baut Eastwood humorvolle Szenen ein, in denen Mandela Sitzungen und diplomatische Treffen verlässt, um am Fernseher den Fortgang eines Spiels zu verfolgen. Ob sein sportliches Interesse politischer Natur sei, fragt ihn die Assistentin schließlich. Nein, es sei menschlich, antwortet Mandela, grandios gespielt von Morgan Freeman.

Der ehemals berühmteste Häftling der Welt schlug sofort nach der Abschaffung der Apartheid einen Kurs der nationalen Versöhnung ein („Die Regenbogennation beginnt hier. Versöhnung beginnt hier. Vergebung beginnt hier.“) und verstand es, die Rachegelüste weiter Teile der schwarzen Bevölkerung einzudämmen. Das geschah durch die Einrichtung der Wahrheits- und Versöhnungskommission auf politischer Ebene, und es geschah durch die Heraufbeschwörung eines geradezu unwahrscheinlichen Gemeinschaftsgefühls. Was wäre für so etwas besser geeignet als der Sport?

Invictus - Unbezwungen

Invictus beginnt mit der Amtseinführung Mandelas und der Aneinanderreihung der auseinanderstrebenden Kräfte in Südafrika. Die neuen schwarzen Personenschützer des Präsidenten müssen mit den weißen Kollegen aus der Vorgängerregierung zusammenarbeiten; das schwarze Hausmädchen der weißen Familie wirkt leise im Hintergrund, während der Familienvater die Zukunft in düsteren Farben ausmalt; schwarze Kinder und weiße stehen sich hinter Drahtzäunen gegenüber, die einen jubelnd (Mandelas Autokorso fährt vorbei), die anderen verwirrt, verschlossen. Auf dieselbe schematische Weise werden die Konflikte aufgelöst. Am Schluss spielen die Bodyguards in einer Pause gemeinsam Rugby und können die Spannung beim Endspiel kaum ertragen, das schwarze Hausmädchen darf mit ins Stadion, und draußen auf der Straße hört ein schwarzer Junge gemeinsam mit weißen Polizisten das Spiel im Radio.

Man könnte Eastwood, der hier das Buch „Playing the Enemy“ von John Carlin verfilmt hat, für naiv halten, eine so komplexe Erzählung wie den Weg Südafrikas nach der Apartheid auf ein Sportdrama zu reduzieren. So etwas mag bei Einzelschicksalen gerade noch so funktionieren, wie in dem im März anlaufenden Film The Blind Side, in dem Sandra Bullock als sozial engagierte Mutter einen schwarzen, sportlich äußerst begabten Jugendlichen aufnimmt. Aber als Analogie für ein ganzes Land? Ein Film wie Schande (Disgrace, 2008) bietet sicher eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit der südafrikanischen Gesellschaft. Aber an Details ist Eastwood auch nicht sonderlich interessiert.

Invictus - Unbezwungen

Er ist interessiert an einem großen Bogen, der die menschliche und moralische Größe des Individuums und die Kraft der gemeinschaftlichen Erfahrung umspannt. Das Begriffspaar Individualität und Masse wird dabei nicht als Gegensatz verstanden, sondern als sich gegenseitig bedingende Teile eines Prozesses. Mandela und sein Volk werden eins, und das schließt die Weißen mit ein. Es ist der Präsident allein, der die erstaunliche Entwicklung, von der der Film berichtet, ermöglicht. Der Sport, seit jeher ein großer Gleichmacher, steht dabei symbolisch für größere Zusammenhänge. Von Rückschlägen erzählt er nichts, so wie sich eine Nation stets nur an ihre Siege erinnern will.

Es ist klar, dass eine solche zentrale Rolle, die alles zusammenhalten muss, nur von einem überragenden Schauspieler gespielt werden kann. Dass jemand anders als Morgan Freeman sie übernehmen könnte, scheint kaum vorstellbar, so sehr verkörpert er diesen Mann. Er hat lange Jahre darauf gewartet, seit Mandela einmal selbst seinen Namen als ideale Besetzung für einen künftigen Film nannte; für Freeman ist es die Rolle, nicht aber der Film seines Lebens.

Invictus - Unbezwungen

Leider verlässt Eastwood sich nicht auf den gegenwärtigen Mythos des Freiheitskämpfers und auch nicht vollständig auf den Hauptdarsteller, sondern er fügt eine überdeutliche Szene ein, in der Francois Pienaar, der Kapitän der südafrikanischen Rugby-Mannschaft (Matt Damon), Mandelas Gefängniszelle auf Ellis Island besichtigt. Da erscheint dem weißen Mann dann in einer kurzen Vision der in seiner Zelle kauernde Häftling, und der Blick durch die Gitterstäbe auf den Hof fällt auf kauernde Männer, die mit einem Hammer Steine bearbeiten müssen.

Invictus ist Subtilität wesensfremd. Der Film führt, in Fortsetzung der kulturellen Annäherungen, die der Regisseur in Gran Torino (2008) beschrieben hat, zu einem Mischmasch irgendwo zwischen Banalität und Ergriffenheit – und somit zu ziemlich demselben Gefühl, das ein Sieg der eigenen Mannschaft erzeugen kann. In diesem Jahr ist Südafrika Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft, insofern kommt der Film zur rechten Zeit.

Trailer zu „Invictus - Unbezwungen“


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Kommentare


Yngo Gutmann

Ein wunder-voller Film. Es geht um Charakter, Integrität, Vergebung, Veränderung und Kraft durch Inspiration.
Dieser Film ist Inspirierend durch und durch. Besonders in der heutigen Zeit des Chaos und der vielen Veränderungen ist Charakter, Integrität, Inspiration und Vergebung so wichtig. Schaut selbst... und lasst euch ergreifen von etwas großartigem- was eben in jedem Menschen steckt!!
Viel Spaß!

Yngo Gutmann






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