Ich seh, Ich seh

Das verstörende Spielfilmdebüt von Veronika Franz und Severin Fiala ist ein eigenwilliges, doppelbödiges Spiel mit der Wahrnehmung.

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Veronika Franz war als Drehbuchautorin an fast allen Filmprojekten ihres Ehemanns Ulrich Seidl beteiligt. Zusammen mit ihrem Kollegen Severin Fiala, mit dem sie schon die Dokumentation Kern, der Film (2012) realisierte, hat sie sich nun auch an ein erstes eigenes Spielfilmprojekt gewagt. Umrahmt wird Ich seh, ich seh von dem allseits bekannten Schlaflied „Guten Abend, gute Nacht“, das im Zusammenhang mit dem anfänglich gezeigten Filmmaterial der singenden Trapp-Familie sinnbildlich für ein in seiner Reinheit und Harmonie beängstigendes Familienidyll steht. Auf narrativer Ebene lässt das Regieduo denn auch das Vertrauensverhältnis zwischen den Zwillingen Elias und Lukas (Elias und Lukas Schwarz) und ihrer alleinerziehenden Mutter (Susanne Wuest) bröckeln, als die beiden neunjährigen Jungen nach der Rückkehr der Mutter von einer Schönheitsoperation deren Identität anzweifeln. Ihre Skepsis und ihre fordernden Fragen motivieren bald eine Gewaltspirale, die irgendwann eine brutale Geschwindigkeit erreicht. Ich seh, ich seh atmet dabei die angespannte Stimmung der Werke Michael Hanekes, zeigt Tendenzen zu Seidls besonderem Hang zum Absurden und kombiniert diese Facetten mit Elementen des Horrorgenres. Aus dieser Verbindung entsteht ein fordernd-unbehagliches Debütwerk.

Radikale kindliche Skepsis

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Inspiriert wurde der zentrale Clou des Films ausgerechnet durch das Reality-Format eines Privatsenders, in dem Frauen mindestens acht Wochen von ihren Familien getrennt werden, um mittels chirurgischer Schönheitseingriffe und vollständiger optischer Typ-Überarbeitung endlich so auszusehen, wie sie es sich immer erhofft haben. Von den fragenden, manchmal ängstlichen Gesichtern der kleinen Kinder ausgehend, die auf ihre rundum erneuerte Mama zumeist eher geschockt und distanziert reagieren, radikalisieren Franz und Fiala das Motiv der kindlichen Skepsis: Die Zwillinge halten stoisch an der Annahme fest, dass es sich bei der zurückkehrenden Frau mit Gesichtsverband um jemand anderen als die leibliche Mutter handelt. Denn nach der Rückkehr ist die eigentlich so liebevolle Mutter, die den Jungen einst eine Kassette mit einem Gute-Nacht-Gruß aufgenommen hat, mit ihrer nun streng-herrischen Attitüde auch charakterlich kaum wiederzuerkennen. Zudem geht sie gänzlich unterschiedlich mit den beiden unzertrennlichen Brüdern um: Während sie auf Elias immer wieder einzureden versucht, lässt sie Lukas links liegen, als ob sie ihn für etwas Zurückliegendes mit Gleichgültigkeit strafen wollte. Die Dekonstruktion der kleinen Familie entwickelt sich in Ich seh, ich seh zu einem perfiden Wahrnehmungsspiel, in dem das Regieduo genüsslich unterschiedliche Fährten legt.

Eine Bauhaus-Villa in der Provinz

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Das äußerst durchdachte Setdesign in dem kühlen, von klaren Linien und Materialien bestimmten Gebäude, findet seinen Ausdruck vor allem im gekonnten Spiel mit Licht und Schatten – das auch die an den Wänden hängenden Kunstwerke mit einbezieht, die bedrohliche und kaum identifizierbare weibliche Schattenfiguren zieren. Zugleich verweisen diese undurchsichtigen Gemälde auf die zentralen Motive des Films: die Verschränkung von Realität und Vorstellung, verborgene Intentionen und die Frage, was eine Mutter-Kind-Bindung eigentlich auszeichnet. Im Zusammenspiel mit der wabernden musikalischen Untermalung und den eingeflochtenen Alptraumszenen generiert das unterkühlte Setting der Villa dabei eine permanente Grundspannung und eine Dringlichkeit, die wahren Hintergründe der sich beständig in Richtung Horrorkino bewegenden Ereignisse freizulegen. Der Kontrast, den die unpersönliche moderne Villa gegenüber dem sie umgebenden sonnendurchfluteten ländlichen Idyll bildet, trennt die immer dunklere Töne anschlagende innere Familienwelt effektiv von einer Außenwelt, die von dem familiären Drama hinter den gläsernen Baustrukturen nichts mitbekommt. Die Nähe zu den Werken Ulrich Seidls, der den Film mitproduziert hat, ist dabei weniger in Bezug auf die Protagonisten als eher in der besonderen Zeichnung der Außenstehenden spürbar, die mit der weitestgehend abgeschotteten kleinen Familie in Verbindung treten. In Ich seh, ich seh ist die österreichische Provinz denn auch nicht Schauplatz für grobschlächtigen Horror, sondern für dosiert kredenzte Schreckensszenen in gediegenem Arthouse-Horror-Ambiente.

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Vor allem das junge Alter der beiden scheinbar unschuldigen, aber von ihren düsteren Phantasien eingenommenen Protagonisten lässt die zunehmend drastischen Ereignisse umso grausamer wirken: Kindliche Spiele wandeln sich in Ich seh, ich seh in ihrer konsequenten Umsetzung zu grausamen Instrumenten des sich entfaltenden Horrors, und auch die kindliche Faszination für Getier aller Art findet ihren Weg in die psychologische Ebene des Kammerspiels. Die expliziten Szenen erinnern dabei eher an B-Horror-Filme als an Hanekes unerbittliche, aber zumeist im Verborgenen stattfindende Gewalt. Doch genau diese Verbindung aus leisen Ahnungen und den vereinzelt plastischen Horrorszenen macht die besondere Atmosphäre dieses verstörenden Films aus.

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Kommentare


T. Ebert

Habe den Schluss leider nicht verstanden. Was meint die Mutter damit: Elias du kannst nichts dafür, dass Lukas verunglückt ist.
Wer kann mir das erklären? Warum so brutale Szenen, soll es die Brutalität von Schönheits-Ops. zeigen? Fand den Film einerseits gut, andererseits frag ich mich schon, weshalb dieser Film?


ender

***SPOILER***

Weil Lukas tatsächlich nicht (mehr) existiert. Elias ist Schizophren.






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