I am Love
…und das ist ein Versprechen, das allein die Hauptdarstellerin einlöst.
Ein Film mit dem größenwahnsinnigen Titel I am Love (Io sono l'amore), der sich traut, den Natursex seiner Protagonisten mit Aufnahmen von Insekten und bestäubten Blumen zu bebildern, vor dessen Mut muss man erstmal den Hut ziehen, selbst wenn es nur der Mut zur Lächerlichkeit ist. Dass das Gesicht von Hauptdarstellerin Tilda Swinton (The Limits of Control, 2009) in manchen Momenten das einer schönen Heuschrecke gleicht, macht Lady Chatterleys Expedition ins Tierreich umso bizarrer.
Auf der Berlinale lief das Werk des italienischen Autors und Regisseurs Luca Guadagnino sehr passend in der Kosslick-Kreation „Kulinarisches Kino“, was es neben ausgiebig gefilmten Dinnerpartys wohl nicht zuletzt einem weiteren Orgasmus verdankte, den die Hauptfigur Emma Recchi in einem Restaurant bei dem Verzehr von Garnelen erlebt, die ihr zukünftiger Liebhaber Antonio (Edoardo Gabbriellini) für sie zubereitet hat. Allein Swintons Spiel sorgt dafür, dass diese Harry und Sally-Variation in Großaufnahme haarscharf die Balance zwischen Sinnlichkeit und Groteske hält. In Guadagninos vorherigem B-Movie Melissa P. (2005), der pseudofeministischen Coming-of-Age-Geschichte einer promiskuitiven Schullolita, gab es den Orgasmus an der Turnstange, und dagegen ist sein Emanzipationsmelodram einer Vorzeigehausfrau aus der Mailänder Oberschicht wahrlich ein Meisterwerk des exquisit aufgetischten und ausgeleuchteten Geschmacks, auch wenn sein Inhalt unter der eleganten Oberfläche näher am Groschenroman ist oder an Tom Fords A Single Man (2009) als an Flauberts Madame Bovary (1857), mit der Emma ihren Vornamen und die langweilige Ehe teilt.
Der Name ihres Mannes Tancredi (Pippo Delbono) soll ebenfalls vielsagend sein und entstammt Viscontis Gesellschaftsporträt Der Leopard (Il gattopardo, 1963), während der Filmtitel auf die Tom-Hanks-Schmonzette Philadelphia (1993) anspielt. Dazu kommt eine Portion Douglas Sirk (Solange es Menschen gibt, Imitation of Life, 1959) und etwas Michelangelo Antonioni (Liebe 1962, L’éclisse, 1962), um, wie Guadagnino meint, „ein grand cinema wiederaufleben zu lassen, das heute nicht mehr existiert“. Grand sind hier aber in erster Linie Schauplätze, Ausstattung und Kostüme, die Charaktere bleiben mit Ausnahme von Swintons Interpretation der Emma überwiegend leblos und modellhaft. Der Regisseur verweist mit Setting, Handlungselementen und Kameraeinstellungen zwar unmissverständlich auf Der Leopard und möchte wie Sirk die Kluft zwischen Gesellschaftszwang und Gefühlswelt bloßlegen, im Vergleich zu den Vorbildern wirken Guadagninos opulenter Inszenierungsstil und seine Haltung zu den Protagonisten jedoch oberflächlich und unmotiviert, die Bildgestaltung erscheint allzu manieriert. Trotz seines größeren Budgets, eines fähigeren Kameramannes (Yorick Le Saux, Julia, 2008) und Darstellerteams demonstriert I am Love kaum Unterschiede zum teils unentschlossenen, teils unstimmigen Erzählton von Melissa P.
Die erste Hälfte des Melodrams nimmt sich reichlich Zeit, Emma im goldenen Käfig der patriarchalischen Modedynastie Recchi auszustellen. Wie sie in edlen, aber eintönigen Designerklamotten, mit ungesunder Gesichtsfarbe und einem unsicheren Lächeln Haushalt und Festlichkeiten organisiert, bevor sie dem Freund ihres Sohnes begegnet und mit dem jungen Koch raus aus dem verschneiten Mailand, der kühlen Villa und der festgefrorenen Ehe in die sonnige Natur flüchtet. Mit Garnelen- und Blümchensex entdeckt Emma außerdem ihre russische Abstammung wieder und trägt wie ihre lesbische Tochter (Alba Rohrwacher) fortan die Haare kurz, damit auch das Klischee vom emotional bedeutsamen Friseurbesuch nicht fehlt. Zu den überdeutlichen Kontrasten der Schauplätze und Figuren gesellt sich eine oftmals plumpe Bildsymbolik in Form von gefangenen Tauben oder weinenden Statuen. Der Klassenunterschied zwischen Emma und Antonio wird ähnlich stereotyp gezeichnet wie in dem thematisch verwandten Drama Die Affäre (Partir, 2009), die Einblicke in das Milieu der Oberschicht sind ungefähr so tiefsinnig wie eine Vogue-Homestory.
Sämtliche Schwächen des Films ändern allerdings nichts daran, dass er dank der Präsenz von Tilda Swinton nur selten langweilt, die ihn gemeinsam mit dem Regisseur auch produziert und sieben Jahre vorbereitet hat. Wie einst in Sally Potters Orlando (1992) verkörpert sie in I am Love eine Figur, die sich über traditionelle Geschlechterrollen und die Erwartungen der Gesellschaft hinwegsetzt und die wie die Frauen in Trügerische Stille (The Deep End, 2001), Michael Clayton (2007) oder Julia (2007) einer emotionalen Zerreißprobe ausgesetzt ist. Guadagninos Hang zu befremdlichen Großaufnahmen können Swintons feiner Mimik nichts anhaben, und selbst die Dialogplattitüde „Glück ist ein Wort, das einen traurig macht“ erhält durch ihr mitreißendes Spiel noch einen wahren Kern.
Filmkritik von Birte Lüdeking
Veröffentlicht am 21.08.2010
Kommentare zu I am Love
Thomas 21.12.2010 00:29
Birte Lüdeking scheint in ihrer Kritik das gute alte Namedropping vieler Filme und deren Schaffende wichtiger zu sein, als das Werk selbst und genau da wird nicht "I Am Love" zur Groteske, sondern die Kritik.
Es mag nicht jedem liegen, sich und sein Wissen zurück zu nehmen, sich im Kinosessel zurück zu lehnen und sich einzufühlen. Möglicher Weise ein Zeichen kurzatmiger Kontakte, die sich in Sinnlichkeiten, die nicht pornös sind, nicht zurecht finden. Das Sirren und Wegtreten der Protagonisten zwingt den Zuschauer dazu, mit zu fühlen. Dieser Film ist kein Konsumartikel, er ist eine Oper.
Der Plot sekundär, vorhersehbar, weil er hinter die Emotionen tritt, wo er hingehört.
Brillant!
Brigitte 26.12.2010 18:49
Ich muss der Rezensentin völlig recht geben, ich würde die Kritik sogar noch schärfer formulieren. Erfreulich, dass sich hier jemand von dem platten Ästhetizismus des Films nicht benebeln lässt. Der Film setzt Klamotten, Schmuck, Möbel und Essen in Szene, aber keine Charaktere, keine wirkliche Geschichte und erst recht keine Sinnlichkeit. Ein Film aus dem Zeitalter der Kochshows, der von Klischees und platter Symbolik lebt.
Anna 17.03.2011 00:00
Es stimmt, dass der Film sehr platt die sozialen Verhältnisse darstellt. Allerdings finde ich die Kritik enttäuschend. Thomas hat es richtig beschrieben, dass der Kritikerin das "Namedropping vieler Filme und deren Schaffende wichtiger zu sein [scheint], als das Werk selbst". Der Film legt tatsächlich zu viel Gewicht in die Ästhetik und die Charaktere besitzen nicht die Tiefe, die ich mir wünschen würde, aber er gibt mehr her, als in dieser arroganten Kritik gesagt wird.
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Film-Angaben
Titel: I am Love
Originaltitel: Io sono l'amore
Alternativer Titel: Ich bin die Liebe
Italien 2009
Laufzeit: 120 Minuten
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Luca Guadagnino, Barbara Alberti, Ivan Cotroneo, Walter Fasano
Produktion: Luca Guadagnino, Tilda Swinton, Alessandro Usai, Francesco Melzi D’Eril, Marco Morabito, Violante Placido
Bildgestaltung: Yorick Le Saux
Montage: Walter Fasano
Musik: John Adams
Darsteller: Tilda Swinton, Flavio Parenti, Edoardo Gabbriellini, Alba Rohrwacher, Pippo Delbono, Marisa Berenson, Maria Paiato, Diane Fleri
Kinostart: 28.10.2010
DVD-Angaben
Titel: I Am Love
Vertrieb: Ascot Elite
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Italienisch (DD 5.1), Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 120 Minuten
Extras: Trailer & Trailershow; Interview Tilda Swinton
Verleih ab: 21.02.2011
Verkauf ab: 15.03.2011
Copyright I am Love
Fotos: © MFA+
BERLINALE 2012

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