Hwal – Der Bogen

Plötzlich gilt das Lächeln des jungen Mädchens nicht mehr ihrem Zukünftigen, dem großväterlichen Beschützer. Ein junger Mann ist an Bord ihres Bootdomizils getreten und möchte das Unrecht beseitigen. Doch der alte Wahrsager hält die Karten in der Hand und Pfeil und Bogen bereit zum Schießen.

Hwal - Der Bogen

Nach Fischhaken (Die Insel, Seom, 2000), Steinen (Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling, Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom, 2003), Fäusten (Samaria, 2004) und Golfschlägern (Bin-jip, 2004) kommen nun Pfeil und Bogen zum Einsatz. Es ist inzwischen die zwölfte Regiearbeit des 45-jährigen Koreaners, der auf den großen europäischen Filmfestivals heimisch geworden ist. Fast jedes Jahr liefert Kim Ki-duk einen Film ab, immer wieder ruft er dabei Kontroversen hervor und spielt mit den Extremen von poetischer Ruhe und grausamer Gewalt. Innerhalb eines durchkomponierten Gefüges aus Metaphern um Moral, Liebe, Sex, Initiation und Macht variiert er die Konstellationen und die einprägsamen Mittel zur Gewaltausübung.

Es ist ein ruhiger Alltag, in dem ein Mädchen und ein alter Herr auf einem Boot leben. Von Zeit zu Zeit holt er Männer ab, die ihn bezahlen, um von dem auf Anker gelegten Boot aus fischen zu können. Doch der Besuch wird dem Alten zunehmend lästig. Denn das zur jungen Frau reifende Mädchen zieht vermehrt Blicke auf sich und Handgreiflichkeiten an. Die platten Avancen weiß er mit Pfeil und Bogen in Zaum zu halten. Seine gezielten Warnschüsse wirken allerdings nur, solange das Mädchen zu ihm hält. Als sie dem Charme eines jungen Mannes erliegt, scheint das Ringen des Alten, der sie an ihrem nahenden siebzehnten Geburtstag zur Frau nehmen möchte, bald aussichtslos - plötzlich befindet er sich auf der Seite des Unrechts.

Hwal - Der Bogen

Kim führt in der Sprachökonomie sein bisheriges Werk fort und zieht vornehmlich die Nebenfiguren für die Situierung heran, soweit es überhaupt einer bedarf. Die für die Handlung zentralen Informationselemente, wie die geheimnisvolle Herkunft des Mädchens, das der Alte vor zehn Jahren gefunden hat, und die nahende Hochzeit, werden von den kurzzeitig auftauchenden Bootsgästen gestreut. Kim vertraut auf die Grundkonstellation und lässt die Dramatik der Geschichte sich daraus entwickeln.

Die Filmwelt Kim Ki-duks zeichnen wiederkehrende Metaphern aus, schlichte Symboliken und klare Interpretationsmöglichkeiten. Konsequent setzt er auf eine einfache Filmsprache, reduziert die Narration und entrollt dabei existenzielle Fragen nach Selbstbestimmung, Unterordnung, erzwungener Liebe und Freiheit. Dass er Gewalt als gleichberechtigten und notwendigen Lösungsansatz neben der Diplomatie stehen lässt, trägt womöglich zur Faszination seiner Werke bei. Daneben tragen Elemente des Mystischen, die unterschiedliche Gewichtungen in Kims Filmen erfahren, und insbesondere Frühling, Sommer, Herbst, Winter und… Frühling dominierten, zur Gestaltung der innerfilmischen Welt bei. In Hwal – Der Bogen sind es vor allem die Wahrsagerei mit Pfeil und Bogen, sowie das vielerseits kritisierte Ende, die emblematisch für die Möglichkeit des Übersinnlichen und des geistlichen Danachs stehen.

Hwal - Der Bogen

Pfeil und Bogen werden nicht nur fürs Schießen und Wahrsagen gebraucht, sie dienen von Anfang an auch als Musikinstrument. Bereits in den ersten Minuten erklingen die fernöstlichen Klänge asynchron zum Spiel des Darstellers und vermischen sich zunächst mit orientalischem Gesang, nach und nach auch mit einer Gitarre und leisem Klavier zum Soundtrack des Films. Die vielen wortlosen Szenen werden von den redundanten Kompositionen in einen Rhythmus gezwängt und zu einem mystischen Brei verwoben. So wirkt ein Großteil des Films wie eine nachdenkliche Abschlusssequenz, in der die Handlung und die Gefühle mit stimmungsvollen Bildern durch den Schnitt verdichtet und zusammengefasst werden, ohne die Geschichte voranzubringen. Mit langen Einstellungen, wiederholten Handlungen und bedeutungsschwangeren Blicken erscheint Hwal beispielhaft für die Kehrseite der Reduzierung auf einen Handlungsort und -strang. So dominiert vor lauter Einfachheit und Kohärenz der Eindruck von Leere - und der Balanceakt führt zum Fall.

Von Abscheu bis Bewunderung gab es bisher eine weite Spanne an Reaktionen auf Kims Filme, die in ihrer Radikalität stark voneinander abweichen. Hwal dürfte dagegen auf Gleichgültigkeit treffen.

 

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Kommentare


Martin Z.

Dieses Mal hat der große Magier der Bilder wohl nicht gezaubert. Er erzählt nur ein symbolträchtiges Märchen. Vom alten Mann und dem jungen Mädchen. Beide sind sonderbare Figuren, die sowohl namenlos als auch wortlos sind. Sie flüstern nur manchmal, leben auf einem Schiff, wo der Alte etwaige Nebenbuhler unter den Angelgästen abwehren muss. Das tut er mit Hilfe seines Bogens. Ein junger ’Prinz’ erobert ihr Herz. Es läuft auf eine Kraftprobe zwischen den beiden Männern hinaus. Es siegt letztlich die Tradition. Bei der angedeuteten hochzeitlichen Vereinigung des Alten mit dem Mädchen wird der Pfeil zum Penisersatz, die Defloration farblich unterlegt. Das Ende ist bewusst nicht klar erkennbar, nur das nachgereichte Motto kann eine Erklärung sein: „Stärke und ein wunderschöner Klang, so wie er von einem angespannten Bogen kommt. So will ich bis zu meinem Tode leben.“ Der titelgebende Bogen ist also sowohl todbringende Waffe als auch ein wohlgefühl-lieferndes Musikinstrument. Und während man noch über den Ausgang der Geschichte nachdenkt, stellt man fest, Kim Ki-duk hat uns doch wieder verzaubert.






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