Geheimsache Ghettofilm

Erst filmen, dann vernichten – Yael Hersonskis Dokumentarfilm zeigt, wie sich die nationalsozialistische Propaganda ein Zerrbild ihrer Opfer schuf. 

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Es gehört zu den Perfiderien der zahlreichen Verbrechen des „Dritten Reichs“, dass die Täter ihre Opfer nicht nur in der Tat auslöschten, sondern auch im Bild zu erniedrigen versuchten. Davon zeugen die vom „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ unter Joseph Goebbels in Auftrag gegebenen Propagandafilme, die von SS-Männern in den Lagern oder bei Vernichtungsaktionen angefertigten Fotos, die privaten Aufnahmen von Wehrmachtsverbrechen – und auch das Filmmaterial, das in den Ghettos entstand. So drehte ein mehrköpfiges Team im Auftrag der NS-Propaganda im Mai 1942 im Warschauer Ghetto. Der geplante Titel des unvollendeten Films ist nicht bekannt, und die Filmrollen sind schlicht unter dem Schlagwort „Ghetto“ archiviert. Von dem Material sind eine rund 60-minütige stumme Rohschnittfassung ohne Vor- und Abspann, einige Outtakes sowie zusätzlich entstandene Szenen erhalten. Bestimmte Bilder hat jeder durchschnittliche TV-Zuschauer wohl schon einmal gesehen: Das sind die völlig abgemagerten, bettelnden Kinder auf den Gehsteigen, die skelettartigen Leichen zu Füßen der Passanten und deren Bestattung, oder vielmehr brutale Entsorgung über eine Rutsche in ein Massengrab. Aber wie entstanden diese Aufnahmen und zu welchem Zweck? Geheimsache Ghettofilm (Shtikat Haarchion) rekonstruiert ihre Geschichte.

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Yael Hersonski zeigt zum einen große Teile des Materials, das sonst nur sehen kann, wer sich selbst ins Archiv begibt. Zum anderen legt die israelische Dokumentarfilmerin den Herstellungsprozess der Aufnahmen offen. Um die Lebens- und Sterbensbedingungen im abgesperrten Wohnbezirk für die Nachwelt festzuhalten, führten zahlreiche Bewohner Tagebuch. Autoren wie Adam Czerniaków, der Vorsitzende des Ältestenrates des Warschauer Ghettos, Emanuel Ringelblum, der Leiter des Untergrund-Archivs mit Zeugnissen des Ghettos, und andere schilderten auch die Dreharbeiten. Durch ihre Berichte, die in Geheimsache Ghettofilm eingesprochen werden, wird deutlich, wie das erhaltene Material inszeniert wurde. So konstruiert der Propagandafilm einen möglichst scharfen Gegensatz zwischen einer vermeintlich sorglos im Luxus lebenden jüdischen Oberschicht und den Armen des Ghettos, die auf den Straßen verhungern. Im Rahmen dieser Dialektik filmten die Deutschen einen Champagnerball oder ein edles Festmahl mit Gans und Likör. Die Tagebuch-Aufzeichnungen halten fest: Für die eigens herbeigeschafften Leckereien musste die jüdische Ghettoverwaltung zahlen, und die Restaurantgäste waren von den Filmemachern nach ihrem Äußeren ausgewählt worden. Sie sollten einen möglichst wohlgenährten Eindruck machen und gut angezogen sein.

Für eine weitere Szene beorderte das Filmteam einige abgemagerte, Lumpen tragende Kinder vor das Restaurant. Mit ausgestreckten Händen mussten sie dort an den „Reichen“ vorübergehen – ohne einen Pfennig zu erhalten. Von der jüdischen Gesellschaft sollten, bevor man sie ermordete, Bilder von Verschwendung und Mitleidlosigkeit zurückbleiben. Die Opfer wurden zu Statisten einer Propaganda instrumentalisiert, die ihre Vernichtung begleitete und rechtfertigte. Dementsprechend notierte Goebbels am 23. August 1942 in sein Tagebuch: „Einige grauenhafte Filmstreifen werden mir aus dem Ghetto in Warschau gezeigt. Dort herrschen Zustände, die überhaupt nicht beschrieben werden können. Das Judentum zeigt sich hier in aller Deutlichkeit als eine Pestbeule am Körper der Menschheit. Diese Pestbeule muss beseitigt werden, gleichgültig, mit welchen Mitteln, wenn die Menschheit nicht daran zugrunde gehen will.“ Dass die Deutschen die Ghetto-Insassen in ebenjene grauenhaften Zustände zwangen, unterschlägt der Propagandaminister.

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Neben den Überlieferungen der Ermordeten kann Geheimsache Ghettofilm das NS-Material durch die Aussagen von fünf Überlebenden kontextualisieren. Yael Hersonski führt ihnen die Propagandabilder vor und filmt sie währenddessen. Als eine Szene, die erneut den Arm-Reich-Gegensatz unterstreichen soll, einen pompösen Leichenzug mit würdevoller Zeremonie inszeniert, kommentiert eine Frau: „Aber Juden werden doch gar nicht im Sarg begraben!“ Als schließlich die abgemagerten Toten und deren Massenbestattungen zu sehen sind, bedecken mehrere der Überlebenden ihre Augen. „Ich kann mir das nicht mehr anschauen. Ich bin dagegen nicht mehr immun“, erklärt eine von ihnen. Damals habe man abstumpfen müssen, um im Ghetto existieren zu können: „Heute kann ich weinen. Ich bin glücklich, dass ich heute weinen kann. Ich bin ein Mensch.“

Kritisch anzumerken ist, dass Geheimsache Ghettofilm weder die Tagebuch-Autoren noch die interviewten Zeugen durchgängig mit Namen benennt. Wessen Stimme gerade zu hören ist, bleibt oft unklar. Aber gerade ein Film, dem es um Quellenkritik geht, sollte seine eigenen Quellen deutlich ausweisen. Auch von einem der damals beteiligten Kameramänner, Willy Wist, sind Aussagen zu den Dreharbeiten protokolliert. Um sie zu integrieren, inszeniert Hersonski eine Verhörsituation mit Rüdiger Vogler als Willy Wist im Dokudramastil nach. Da sonst nur reale Zeugen auftreten, ist diese Nachgestaltung irreführend, und der Film hat sie auch nicht nötig. Die Stärke von Geheimsache Ghettofilm besteht darin, dass das Publikum, dem die Pseudo-Dokumente der Nazis sonst nur als Bildschnipselchen in Geschichtskompilationen begegnen, die Filmrollen erstmals wirklich wahrnehmen kann.

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Dabei entlarvt sich das Material immer wieder selbst. Plötzlich sind NS-Kameraleute im Bild zu sehen und Szenen werden mehrmals wiederholt, bis sie am ehesten dem antisemitischen Stereotyp entsprechen. Die Vielschichtigkeit der erzwungenen Bilder wird sichtbar – zwischen Propagandakonstruktion und filmischem Zeugnis des Ghettos, zwischen Demütigung und letzter Selbstbehauptung derjenigen, die in die Kameras ihrer Mörder blicken.

Trailer zu „Geheimsache Ghettofilm“


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