Firewall

Der Computerexperte Jack Stanfield wird erpresst, an einem Bankraub mitzuwirken. Firewall ist gleichzeitig ein spannender Genrefilm und ein Diskurs über Technik und Männlichkeit.

Firewall

Jack Stanfield (Harrison Ford) ist als Sicherheitsexperte einer Bank normalerweise damit beschäftigt, Hackerangriffe abzuwehren. Als der Gangster Bill Cox (Paul Bettany) Jacks Frau Beth (Virginia Madsen) sowie ihre Kinder Sarah (Carly Schroeder) und Andy (Jimmy Bennett) als Geisel nimmt, wird er jedoch gezwungen, bei einem Bankraub behilflich zu sein. Bill erweist sich als äußerst gut informiert über das Privatleben der Stanfields und vereitelt mühelos die ersten Versuche Jacks, einen Ausweg aus der Notlage zu finden.

Brüche mit den Konventionen

Auf den ersten Blick ist Firewall nicht mehr als ein Starvehikel unter vielen. Das Drehbuch ist ganz auf Harrison Ford zugeschnitten, obwohl dessen Rollengeschichte und Ausstrahlung ihn nicht unbedingt als Idealbesetzung für einen IT-Experten erscheinen lassen. Schließlich wurde Ford durch typisch maskuline, körperbetonte Machorollen in Krieg der Sterne (Star Wars, 1977) oder der Indiana Jones-Trilogie (1981-1989) bekannt. Auch optisch entspricht der großgewachsene, breitschultrige ehemalige Handwerker nicht dem herkömmlichen Rollenbild eines Computerfreaks.

Firewall

Genau in diesem vermeintlichen Ungleichgewicht wird eine der großen Stärken des Films sichtbar. Denn ebenso wie Harrison Ford in seiner Rolle die Erwartungen zu enttäuschen scheint, bricht Firewall auf unaufdringliche Weise mit einigen anderen Konventionen einer großen Zahl jüngerer Hollywoodfilme, die sich mit moderner Technik auseinender setzen. Zwar spielen elektronische Medien und andere Technologien eine überaus große Rolle im Handlungsgefüge, Richard Loncraines Film hält sich jedoch fern von allen technofuturistischen Tendenzen. Wurden etwa in Science Fiction Filmen wie Der Rasenmähermann (The Lawnmower Man, 1992) oder Vernetzt (Johnny Mnemonic, 1995), aber auch in tendenziell realistischeren Werken wie Passwort: Swordfish (Swordfish, 2001), Hackerangriffe durch dreidimensional animierte Grafiken dargestellt, begegnet Jack in Firewall dem alltäglichen Windows-Interface. Zwar ist die anfangs allgegenwärtige Technik stets State of the Art, im Haushalt der Stanfields finden sich Ipods, Flachbildschirme und moderne Überwachungssysteme, doch diese Gerätschaften passen sich wie selbstverständlich ein in den Alltag des Familienlebens.

Ideologiefreie Technik

Problematisiert wird die scheinbar selbstverständliche Technisierung erst in dem Augenblick, in welchem die Illusion einer gesicherten bürgerlichen Existenz schlagartig in sich zusammenbricht. Hier zeigt Loncraine eindrucksvoll, dass Technik grundsätzlich ideologiefrei ist und auf verschiedenste Art und Weise genutzt werden kann. Die Überwachnungskameras, eigentlich zum Schutz vor Einbrechern installiert, können genauso gut dazu dienen, die Stanfields in ihren eigenen vier Wänden gefangen zu halten. Und es gibt kein Computernetzwerk, das nicht mit den geeignteten Mitteln geknackt werden könnte. Ebenso ist es möglich, einzelne Geräte zweckentfremdet zu nutzen, und beispielsweise mithilfe eines Spielzeugautos eine Überwachungsanlage außer Gefecht zu setzen. Überraschend ist vor allem, dass der Film auch die kompliziertesten maschinellen Konstrukte, die im Verlauf der Handlung eingeführt werden, vollkommen uneuphorisch präsentiert.

Firewall

Firewall entwickelt sich so, parallel zur soliden Thrillerhandlung, zu einer Auseinandersetzung über die technologische Kompetenz des Einzelnen im Zeitalter der digitalen Medien. Bill Cox etwa überwacht mithilfe unterschiedlichster Geräte einen komplexen virtuellen Bankraub, scheitert jedoch an der Bedienung eines gewöhnlichen Fernesehgerätes. Die ersten zwei Drittel des Films entwerfen so ein differenziertes Bild der Situierung des Individuums in der modernen, urbanen Lebenswelt, in der es kaum möglich ist, sich zu bewegen, ohne unterwegs wahlweise optische oder digitale Fingerabdrücke zu hinterlassen. Nur konsequent erscheint vor diesem Hintergrund, dass das Finale des Films eine Technologie nach der anderen ausblendet und schliesslich in einer atavistisch anmutenden Auseinandersetzung zweier auf ihre Physis reduzierte Individuen mündet.

Ein traditionsreicher Thriller

Denn Firewall handelt nicht nur von Technik, sondern auch, und hier macht die Besetzung Harrison Fords tatsächlich Sinn, von Männlichkeit. Von einer Männlichkeit nämlich, die sich im Großstadtdschungel nur noch über den sozialen Status definiert und ständig Gefahr läuft, in komplexen maschinellen Anordnungen ihrer genuin körperlichen Beschaffenheit beraubt zu werden. Die einzige Möglichkeit für Jack und Bill, in ihrer Auseinandersetzung, die deutlich sexuell aufgeladen ist, was sich vor allem im Verhalten Bills gegenüber Jacks Kindern zeigt, voranzukommen, besteht darin, alle technischen Hüllen abzulegen und den Kampf Mann gegen Mann zu suchen. Zuerst verlassen die beiden nach und nach die Sphäre der digitalen Medien, am Ende müssen sie selbst auf orthodoxere Technologien wie Automobile und Pistolen verzichten. Die Waffe, die das Duell letzten Endes entscheidet, ist in ihrer Archaik ein radikales Statement.

Firewall endet in einem klassischen, auf den ersten Blick reaktionär anmutenden Schlussbild und ist leicht als überkonventionalisierter Thriller zu lesen, der von nichts anderem als von der Verteidigung der bürgerlichen amerikanischen Familie spricht. In der Tat steht Loncraines Werk in einer langen Tradition amerikanischer Filmgeschichte, von Hitchcocks zahlreichen Paranoia-Klassikern bis zu David Finchers Panic Room (2002). Der Regisseur maßt sich nicht an, das Rad neu erfinden zu wollen. Stattdessen fertigte er einen äußerst soliden, spannungsreichen Genrefilm, der bei näherer Betrachtung um einiges gehaltvoller ist, als das Gros des amerikanischen Qualitätskinos oder auch der europäischen Arthausproduktion. Firewall ist genau die Art von Film, die derzeit leider immer seltener wird.

 

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