Endstation der Sehnsüchte

Nach Full Metal Village (2006) ist Sung-Hyung Cho erneut ein besonderer Heimatfilm gelungen. Diesmal über ein deutsches Dorf in Südkorea: mit roten Ziegeldächern, Eichenschrankwänden und selbst gemachten Bratwürsten – aber ohne Gartenzwerge, denn die lassen die Koreaner immer mitgehen.

Endstation der Sehnsüchte

Ludwig wartet ungeduldig auf die Verwandten seiner koreanischen Frau Woo-Za. Die sollen zum Kaffeekränzchen ins deutsche Dorf kommen, sind aber mal wieder zu spät. „Es gibt so viel Schönes in Korea“, lobt der Pensionär seine neue Heimat. Schiebt dann aber verständnislos hinter:  „Warum muss man das kaputt machen? Durch Unpünktlichkeit“. Weil Ludwig in einigen Szenen fast schon zu stereotyp ist, um wahr zu sein, könnte er leicht als Musterbewohner des deutschen Dorfes „Dogil Maeul“ durchgehen, das seit 2003 auf der südkoreanischen Halbinsel Namhae existiert. Koreanische Touristen bestürmen die kuriose Siedlung wie einen Freizeitpark und bestaunen ihre Bewohner ein bisschen wie exotische Zootiere. Für die Kinder ist Ludwig der „Langnasen-Opa“.

Dabei ist das Dorf gar nicht in erster Linie für ausländische „Langnasen“ gebaut worden, sondern für Südkoreaner, die in den 60er und 70er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gingen. Einige der etwa 10.000 Krankenschwestern und 8.000 Bergarbeiter konnten nach über 30 Jahren zu einer späten Rückkehr motiviert werden. Manche von ihnen sind mit Deutschen verheiratet, auch die drei Protagonistinnen von Endstation der Sehnsüchte. Vollkornbrot und Vorgartenidylle sollen das schwierige Einleben in einer fremd gewordenen Heimat erleichtern. Gleichzeitig kurbelt „Little Deutschland“ den Tourismus in der Gegend an, die gerade die junge Bevölkerung vermehrt für Arbeit in den Großstädten verlässt und die einen wirtschaftlichen Aufschwung benötigt.   

Endstation der Sehnsüchte

Auch die Mutter der in Südkorea geborenen Regisseurin Sung-Hyung Cho war als Krankenschwester in Deutschland. Obwohl die Filmemacherin seit zwanzig Jahren hier lebt, sagt sie, es bleibe „das Gefühl der Fremdheit“ und das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Kulturen. Bereits in ihrer mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichneten Dokumentation Full Metal Village ging es ihr deshalb auch weniger um die Konfrontation zwischen norddeutschen Dorfbewohnern und internationalen Heavy-Metal-Fans anlässlich des „Wacken Open Air“ Musikfestivals, sondern vielmehr um eine Definition von Heimat und Identität.

Trat Sung-Hyung Cho in ihrem Debüt noch vereinzelt als bewusst naive Interviewerin ins Bild, beschränkt sie sich in ihrer aktuellen Heimatdokumentation verstärkt auf das präzise Beobachten der drei porträtierten Rentnerpaare in ihrem Alltag. Wie in Full Metal Village gelingen ihr dabei immer wieder surreal anmutende und herrlich lakonische Momentaufnahmen, teils durch ungewöhnliche Kameraperspektiven, teils durch das geduldige Fokussieren von Gesichtern. War es im Vorgänger unter anderem der konsternierte Ausdruck einer alten Dame, als neben ihr zu Blasmusik geheadbangt wurde, ist es in Endstation der Sehnsüchte die ebenso vielsagende Mine von Protagonist Willi, wenn sich seine Frau Chun-Ja am Kaffeetisch mit einer Freundin auf koreanisch unterhält und er nichts davon versteht.

Endstation der Sehnsüchte

Alle drei Männer sprechen kein koreanisch und scheinen auch nicht vorzuhaben, es zu lernen. Englisch beherrschen sie nur in Bruchstücken, also müssen ihre Frauen für sie übersetzen. Eine von ihnen meint einmal, wer die Sprache des Landes, in dem er lebe, nicht beherrsche, der sei „kein vollständiger Mensch“. Die Kommunikations- und Integrationsprobleme der „unvollständigen“ Herren, speziell Ludwigs Begegnungen mit asiatischen Bräuchen, führen zu einer Reihe skurriler Situationen. Allerdings auch zu einer Szene, die offenbart, was manche Koreaner von dem mangelnden Sprachinteresse der Dorfbewohner halten: Willi sitzt mit drei Männern aus der Nachbarschaft beim Essen. In seiner Anwesenheit beschweren sie sich darüber, dass sich die Deutschen offenbar überlegen fühlen würden. Der Pensionär scheint zwar zu ahnen, dass über ihn geredet wird, versteht aber wieder nur Bahnhof und flüchtet sich in ein verlegendes Grinsen.

Von den Biografien der Männer erfährt man sehr wenig. Da sie wiederholt für Situationskomik und zotige Sprüche zuständig sind, läuft die Inszenierung manchmal Gefahr, sie als Karikaturen darzustellen, die stolz ihre deutsche Betonmischmaschine vorführen, auf koreanischen Tanzveranstaltungen aus dem Takt geraten oder beim Autofahren den unfreiwillig komischen Chauvie geben, der sich über die Invasion des Straßenverkehrs durch das weibliche Geschlecht auslässt. Die persönlichen Erzählungen der Frauen, von denen zwei ihre Kinder in Südkorea zurücklassen mussten, als sie nach Deutschland auswanderten, bilden den emotionalen Kern von Endstation der Sehnsüchte und sorgen dafür, dass er eine Balance zwischen Witz und Ernst hält.

Endstation der Sehnsüchte

Der Film schließt mit einem melancholischen Lied über Sehnsucht. Es scheint so, als hätte die Heimatsuche der Protagonisten ihre Endstation noch nicht erreicht.

Trailer zu „Endstation der Sehnsüchte“


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