Emmas Glück
Diagnose: Krebs im Endstadium. Die Nachricht wirft den Mittdreißiger Max (Jürgen Vogel) völlig aus der Bahn. Seine letzte Reise soll in Mexiko enden, tatsächlich landet er nach einem Autounfall auf einem Bauernhof im Bergischen Land.

Es gibt eine Szene in Sven Taddickens Liebesgeschichte Emmas Glück, die einen bis ins Mark erschüttert. Eine solche Erkenntnis relativ nüchtern im Nachhinein zu formulieren, verwundert schon, arbeitet der Film bereits mit den ersten Aufnahmen ganz eindeutig auf diesen einen Moment hin. Unausweichlich scheint sich die Handlung wie im Autopilotmodus auf diesen dramaturgischen wie emotionalen Fixpunkt zuzubewegen. Wenn Max in den Armen seiner geliebten Emma (Jördis Triebel) verstirbt, kurz nachdem sie ihn von seinen unerträglichen Schmerzen erlöst hat, muss man als Zuschauer schwer schlucken, so sehr hat man zuvor am Schicksal dieser beiden Anteil genommen.
Als dem Autoverkäufer Max die Nachricht ereilt, er habe Krebs im Endstadium und somit nicht mehr lange zu leben, sieht er den Tod wie einen Geisterfahrer auf sich zurasen. Die Zeit, die ihm noch bleibt, erhält von einer Sekunde auf die andere ein ganz anderes, viel höheres Gewicht. In einer Kurzschlussreaktion klaut Max das Geld seines einzigen Freundes, schnappt sich dessen Auto und rast davon. In einer Kurve kommt er von der Fahrbahn ab und landet nach mehreren Überschlägen auf Emmas Hof. Die junge Frau betreibt auf dem baufälligen Anwesen eine kleine Schweinezucht. Sie nimmt den bewusstlosen Max bei sich auf, verbindet seine Wunden und pflegt ihn wieder gesund. Jedenfalls denkt sie, dass Max nur unter einigen äußerlichen Blessuren zu leiden hat.

Regisseur Taddicken entschied sich, seiner eskapistischen Tragikomödie, welche von Emmas und Max’ Ausreißertum auf eine erdachte einsame Insel handelt, eine klare, einfache Struktur zu geben. Die ruhige Kamera wechselt vornehmlich zwischen Totalen der ländlichen Idylle und sehr fokussierten Nahaufnahmen. Immer wieder fällt so der Blick des Objektivs auf Emmas Hände, welche zunächst dreckig und rau, später dann viel weicher und sanfter erscheinen, und so stellvertretend die durch Max plötzliches Erscheinen ausgelöste Wandlung und zunehmende Offenheit ihrer Person beschreiben. Die sparsam und effektiv eingesetzte Filmmusik unterstützt ebenso wie die natürliche, warme Lichtsetzung die zurückgenommene Inszenierungsweise. Damit führt Taddicken auf stilistischer Ebene nur das fort, was den Kern dieser intimen Geschichte ausmacht. Es galt, einen geradlinigen Plot möglichst unverfälscht und ohne Schnörkel zu erzählen.
Aber auch in der Umsetzung kleiner Geschichten liegen viele Fallstricke verborgen. Einer betrifft die intellektuelle Überfrachtung des Plots. Indem Taddicken beispielsweise auf einen expliziten Diskurs der heiklen Sterbehilfethematik verzichtet und Emmas eingangs beschriebene Handlung als konsequenten Liebesbeweis an Max schildert, bezieht er inhaltlich eindeutig Stellung, ohne sich in einer sorgsam ausgewogenen und womöglich langweiligen Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten ergehen zu müssen.

Emmas Glück stellt auf erfrischende Art und Weise die immer noch vorherrschenden Rollenbilder auf den Kopf. Während Emma selbstbestimmt ihre Sexualität ausleben will, ist es Max, der durch seine Krankheit geschwächt, Schutz und Halt sucht und beides dank Emma schließlich auch findet. Jördis Triebel gibt ein überzeugendes Kinodebüt. Burschikos und zupackend wie Fances McDormand als schwangere Polizistin Marge Gunderson in Fargo (1995) lässt sie Emma mit Leichtigkeit zu einer verschrobenen Sympathieträgerin avancieren. Vogel ist ohnehin bereits eine Institution in der deutschen Filmlandschaft. Dass er sich für seine Rollen in regelmäßigen Abständen im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib kotzen muss, schreckt ihn nicht ab. Das zeigt exemplarisch auch seine ähnlich gelagerte Darstellung eines Leukämiekranken im Fernsehfilm Scherbentanz (2001).
Wenn der Tod über ein junges Leben so unerwartet hereinbricht, bahnt er sich im Kino meist einen von zwei extremen Wegen. François Ozon inszenierte Die Zeit die bleibt (Le temps qui reste, 2005) mit einem nüchternen, fast schon distanzierten Blick. Vor allem weigerte er sich, seinen todkranken Protagonisten zu heroisieren. Dass dieser ein hoffnungsloser Egoist und Hedonist war, machte eine Identifikation schwierig. Mein Leben für dich (My Life, 1993) von Bruce Joel Rubin setzte auf die tränenreiche und dabei allzu sentimentale Dekonstruktion eines Lebens in einzelne Videobotschaften, die als das Vermächtnis eines Vaters an sein noch ungeborenes Kind eingesetzt wurden. Sven Taddicken versucht dagegen, die Balance zwischen einer Beobachterrolle wie bei Ozon und einem Gefühl der Empathie zu wahren. Das Ergebnis beeindruckt. Emmas Glück ist ein nachdenklicher, aber zu keiner Zeit weinerlicher Film über das Sterben geworden. Erhaben und rücksichtsvoll lässt er uns als Zuschauer daran teilhaben.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 05.07.2006
Kommentare zu Emmas Glück
Daniel 10.08.2006 04:08
Der Film ist eine gelungene Komodie, ein packendes Drama und ein wunderschöner Liebesfilm. Obgleich nicht ganz klar scheint, welchem Genre man diesen Film zuordnen soll - alles in allem ein wirklich herzerfrischender und außerordentlich gut gelungener deutscher Film mit ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen.
junari-san 26.09.2006 14:38
ich persönlich finde es immer wieder schrecklich wenn ein so hervorragendes Buch verfilmt wird.Erst recht wenn die Schauspieler äußerlich überhaupt nicht in meine Vorstellung passen.Am besten das nächste mal die Finger von den guten Büchern lassen,damit wird nur meine Vo0rstellungskraft beleidigt!!
mfg JUnari-san
Nic 27.09.2006 15:42
Ich habe den Film gestern gesehen und bin hin und weg, nicht nur weil ich die Gegend sehr gut kenne wo der Film gedreht wurde, sondern auch weil ich die Schauspieler sehr gut fand.
Sandra 26.11.2006 21:15
Es gibt sehr, sehr wenige Filme, die mich emotional derart mitreißen, dass ich mir am Ende die Tränen aus dem Gesicht wischen muss -"Emmas Glück" ist einer von ihnen. Ohne in irgend einer Art und Weise theatralisch zu wirken, nimmt der Film den Zuschauer automatisch ein. Dazu haben natürlich die Darsteller Jürgen Vogel und Jördis Triebel enorm beigetragen.
Absolut sehenswert! Einer der besten Filme, dich gesehen habe (und ich bin sehr oft im Kino).
Gaby Schröder 01.02.2007 07:54
Ich habe den Film erst gestern an einem Filmkunsttag in unserem Kino gesehen und ich muß schon sagen, das war das beste, was ich seit langem gesehen habe. Ein ganz toller Film! Hervorragende schauspielerische Leistungen!
Wolli 30.07.2007 01:35
junari-san schrieb sehr vernichtende Worte. Es ist IMMER ein Problem, wenn ein Buch einen Film in meinem Kopf erzeugt hat: "Der Name der Rose" war nach Lektüre des Buches sehr eindeutig in MEIN Gedächtnis eingebrannt: Aber trotzdem habe ich dem Film -als total eigene Interpretation- Achtung gezollt! Warum eine gute, der in diesem Fall: Geniale! - Interpretation diffamieren?? Jeder Pianist spielt Tschaikowsky anders, jeder Dirigent interpretiert Mozart anders.
Und?? Schadet dies den Künstlern???
????????????????????
Viele nette Grüsse
an ALLE
vom WOLLI
Gerlind 12.08.2007 14:44
danke für dieses buch und diesen film, einfach irre. ich sehe jetz einige dinge in einem leben etwas anders. bin echt froh das es doch noch solch ein buch und den film dazu gibt. bitte noch mehr davon.
sollte man mich aus meinem tiefschlaf holen und fragen: "nenne deinen lieblingsfilm", wär meine Antwort: "emmas glück"
Lydia Riedel-Tramsek 27.08.2007 20:27
ich bin mit Emma fast identisch, deshalb ich sehe es nicht gerne, wenn einer Bäuerin, die ihre Tiere schlachtet, unterschoben wird, sie könne auch Menschen schlachten, wenngleich aus Liebe. Da hat mir die Aussage des Bertolucci-Films "1900" besser gefallen, in der auf der einen Seite der Kommunist für sein Dorf völlig aggressionsfrei ein Schwein schlachtet, der ethisch überzogene, vegetarische (Vorsicht! nicht umgedreht verstehen) Faschist in einem aggressiven Rausch ein Kind umbringt.
Und wenn man je im Leben so etwas aus Mitleid doch tut, dann geht hinterher nicht ein träumerischer Blick in die Ferne, sondern dann ist die eigene Seele zerworfen und gequält. Das locker-flockige Ende ist unerträglich, außerdem in Deutschland undenkbar, hätte sofort eine Anklage zur Folge.
Gerd Lindlar 18.11.2007 23:29
dieser film ist eine bezaubernde symbiose aus leichtigkeit, skurrilität, melancholie und märchen: großártig!
Syzygy 25.05.2008 01:44
Ein hervorragender Film, den leider viel zu wenige Menschen verstehen. Man muss eigene Erfarungen mit Liebe, Verzweiflung, Existenzangst und Tod haben, um zu verstehen, warum das Ende ist wie es ist. Und es könnte nicht besser sein. Eine makellose Handlung aus purer Liebe, eine stille Übereinkunft zweier Menschen, setzt jegliche Moralvorstellungen und Prinzipien der Gesellschaft ausser Kraft. Und das ist gut so. Niemandem steht zu, über dies Ende zu 'richten', weshalb es auch im Film niemand tut. Sehenswert!
Axel Schulz 12.06.2010 20:37
Habe den Film leider erst heute gesehen.
Bin männlich, 48 Jahre alt, verheiratet, eine Tochter, eigentlich ganz normal...
Habe mich in Emma verliebt,
habe um Max geweint,
und Hochachtung vor seinem Chef empfunden!
Bin ich noch normal????
Roger Stahn 17.08.2010 19:49
Sehr geehrter Herr Schulz
Habe diesen meisterhaften Film gerade erst Gestern -per Zufall- im Fernsehen das Erste Mal gesehen.
Ich bin tief beeindruckt, wie die Realisation dieser Begebenheit (Geschichte) u.a. auch gerade im Nonverbalen viele wichtige essentielle und daher evidente Lebenssituationen aufzeigt.
Als Antwort auf Ihre Frage, kann ich getrost attestieren, dass Sie nicht normal sind, denn der Wahnsinn der Normalität,
verliebt sich nicht in Emma,
weint auch nicht um Max
und hegt auch keinerlei Hochachtung gegenüber Max's einzigem Freund,
sondern der Wahnsinn der Normalität klagt Emma des Mordes an und bringt Sie lebenslänglich hinter Gitter und versteht nicht das Geringste, um was es tatsächlich geht.
Seien Sie also dankbar, dass Sie nicht normal sind.
Mir selbst geht es wie Ihnen und nach meinem Empfinden, handelt es sich hier bei diesem Film schlichtweg um ein Gesamt- Meisterwerk sondergleichen (nicht Hollywood,Komerz, Trivial und pseudo Happy End's usf.)
Einer der Besten Filme, welchen ich seit langem gesehen habe und ein aufrichtiges Kompliment an die Schauspieler, Regie und Autor!
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Emmas Glück
Deutschland 2006
Laufzeit: 99 Minuten
Regie: Sven Taddicken
Drehbuch: Ruth Toma, Claudia Schreiber
Produktion: Ralph Schwingel, Stefan Schubert, Hejo Emons
Darsteller: Jördis Triebel, Jürgen Vogel, Hinnerk Schönemann, Martin Feifel, Karin Neuhäuser, Nina Petri, Arved Birnbaum
Kinostart: 17.08.2006
DVD-Angaben
Titel: Emmas Glück
Vertrieb: Al!ve AG
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DD 2.0/DS)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 99 Minuten
Extras: Audiokommentar; Deleted Scenes mit Audiokommentar: Interviews; Outtakes; Kurzspielfilm: „Schäfchen zählen!“
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 05.03.2007
Copyright Emmas Glück
Fotos: © Pandora
BERLINALE 2012

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