Ein russischer Sommer

„Krieg und Frieden“ im Intrigantenstadl:  Michael Hoffman adaptiert Jay Parinis Roman The Last Station über das letzte Lebensjahr des Literaturgranden Tolstoi als Biopic.

Ein russischer Sommer

Sommer 1910. Tolstoi (Christopher Plummer) ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. Im Ausland geehrt, in Russland geächtet, lebt der 81-jährige Greis auf seinem ziemlich heruntergekommenen Landsitz Jasnaja Poljana. Der abstinente Vegetarier trägt mit Vorliebe Bauernkleider und schwadroniert, umringt von fanatischen Anhängern, über Vermögensverzicht, Titelabschaffung, Pazifismus und – von ihm selbst nie praktiziert – sexuelle Enthaltsamkeit. Zudem plant der Weltverbesserer sein literarisches Werk samt Verwertungsrechten dem russischen Volk zu vermachen. Dieses Ansinnen entsetzt die mit dem Genie seit 48 Jahren verheiratete Gräfin Sofia Andrejewna Tolstaya (Helen Mirren) zutiefst, fühlt sich doch die Mutter von Tolstois 13 Kindern, langjährige Vertraute und Mitarbeiterin (sie schrieb Krieg und Frieden sechs mal ab) zurückgesetzt und missachtet.

Hinter all dem Ungemach steckt sicher Chertkov (Paul Giamatti), Tolstois Vertrauter. Der ist Gründer der Tolstojaner, einer christlich-anarchistisch-vegetarischen Pazifistenbewegung, die zwei Wegstunden entfernt ihre nach Tolstois Lebensweisheiten geformte Modellsiedlung errichtet hat, wo mit religiösem Eifer Landbau und zölibatäres Leben gepflegt werden. Von all dem nichts ahnend tritt Valentin Bulgakov (James McAvoy), ein jungfräulicher Tolstojaner, den Dienst als Privatsekretär des Genius an und gerät als Spielball zwischen die Fronten des Ehe- und Ideologiezwists.

Ein russischer Sommer

Was wie eine klassische Komödienkonstellation anmutet, ist durchaus ernst gemeint. Regisseur Michael Hoffman (Club der Cäsaren, The Emperor’s Club, 2002) adaptiert Jay Parinis biografischen Roman über Tolstois letztes Lebensjahr, The Last Station von 1990, als eine Kombination aus Biopic, historischem Gesellschaftsporträt und Ehedrama, aus Coming-of-Age-Story und Beziehungskomödie. Aus der Sicht des jungen Privatsekretärs enthüllt der Film die Streitstände und Positionen der verschiedenen Parteien: Tolstois, dessen frenetischer Jünger, und seiner zornigen Ehefrau. Der Disput schwelgt von energischer Salonkonversation mit zunehmend bröckelnder Contenance bis hin zu fliegendem Hausrat. Parallel hinzu kommt noch Bulgakovs sexuelle Initiation: Masha (Kerry Gondon) heißt die alsbald Heißgeliebte, die es als Tolstojanerin jedoch mit der Keuschheit nicht so ernst nimmt und eher den Prototyp der modernen, sexuell selbstbestimmten Frau markiert. Daneben gibt es reichlich Seitenhiebe auf Starkult, fanatisch-pseudoreligiöses Protohippietum, technischen Fortschritt und Medienschelte à la 1910.

Ein russischer Sommer

Natürlich macht der Film schnell klar, für wen hier die Sympathien zu entwickeln sind, weshalb wenig Spannungsraum für die entwicklungsarmen Charaktere entsteht. Jedoch kann sich Hoffman nicht entscheiden, wo die Akzente seines konventionell erzählten Kostümfilms liegen sollen, sodass sich Ein rusischer Sommer (The Last Station) sichtlich schwer tut, die unterschiedlichen Genreversatzstücke unter den Hut einer ausbalancierten Gesamtdramaturgie zu bringen: Manche Dispute geraten zu Klamauk, dramatische Überhöhungen zu Kitsch, und Bulgakovs Coming-of-Age-Story im Dunstkreis des Intrigantenstadls wirkt recht funktionell konstruiert. Am Ende ist man sich nicht sicher, ob man nun lachen oder weinen soll.

Wohltuend für eine offiziell deutsch-russische Koproduktion ist jedoch, dass sie – anders als der deutsche Titel befürchten lässt – ohne die hierzulande beliebten Klischees von der russischen Seele auskommt. Sebastian Edschmids Kamera versucht die Drehorte in Sachsen-Anhalt nicht in russische Weite umzudeuten, wodurch ein durchweg intimer Blick auf das Geschehen gelingt. In diesem beschaulichen Setting ist es vor allem das Verdienst der Schauspieler, dass Ein russischer Sommer in Erinnerung bleibt.

Ein russischer Sommer

Allen voran gelingt es den beiden Hauptdarstellern Helen Mirren und Christopher Plummer, ihre Figuren mit tragikomischen Nuancen zu versehen, wodurch sich unterhaltsame Schauwerte einstellen: Helen Mirren verleiht ihrer Gräfin eine glaubhafte Verzweiflung ob des Beziehungs- und Kontrollverlusts über ihren störrischen Gatten, die sich zwischen beherrschter Wut und völliger Hysterie entäußert. Christopher Plummers Tolstoi gewinnt seinen tragikomischen Gestus aus dem Bewusstsein, ein Genie zu sein, dem die frenetische Akklamation seiner Jünger derart die Sinne vernebelt, dass er sich selbst für ein fleischgewordenes höheres Wohl hält, ohne Sinn für die vermeintlich erbärmlich-irdischen Nöte seiner Frau.

Ein russischer Sommer

Frei von Überzeichnungen gewinnen die Figuren ihren Humor aus der anrührenden Verbissenheit, mit der sie ihren dramatischen Konflikt austragen. Das gilt auch für den als fiesen Intriganten typisierten Paul Giamatti (Chertkov) oder für den jungfräulich-naiv wirkenden James McAvoy (Bulgakov). Beide Charaktere entfalten in ihren Stereotypen vor allem humoristische Wirkung aufgrund ihrer Beständigkeit. So könnte Ein russischer Sommer allein als Lustspiel funktionieren, wären da nicht die anderen Ziele, an denen der Film recht unentschlossen vorbeidriftet.

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Kommentare


Peter Sedlmayr

Leider - der Film ist eine schwere Enttäuschung! Absolut nicht sehenswert! Holzhammerpsychologie. Der Regisseur sollte sich doch eher mit amerikanischen Fernsehserien sein Geld verdienen. Wieso wird so etwas gefördert? Sorry - den Frust mußte ich mir von der Seele schreiben.


ein Kinogänger

Langweiligster Film des Jahres!
Nach spätestens einer halben Stunde irrt der Film im Kreis, was durch die schier endlos langen Kameraeinstellungen nicht gerade gebessert wird.
Dazu kommen ewig gleiche leere Dialoge und man weiß auch am Ende nicht: Was macht Tolstois Schaffen eigentlich aus. Es kann doch nicht nur Liebe und Freiheit sein, wie uns im Film suggeriert wird. Das wäre ein bißchen dürftig um sich in die Weltliteratur einschreiben zu können.


Olena

Der Film ist wierklich sehr grosse Entäuschung! Amerkanere können kein Rissische Filme machen. Sie zeigen nur eigene amerikanische, primitive Kultur und Gedanken.
Die Darstellungen der russischen Charaktere, Helden (russischen Frauen, Männer, Sozialisten) waren nicht richtig,es war total Falsch. Diese Mascha ist keine russische Frau. Diese Gespräche über sex und vulgäre Sache waren unmöglich in dieser Zeit!!! Das weiss und versteht jeder aus Russland. Aus der Film geht hervor, dass sie wissen nichts über Russland und sie möchten nicht wissen. Sie beobachten nur eigene arme, vulgär Verfassung über das Leben.
Es gab nur die Bilder, keine Seele, keine Liebe. Die Geschichte war zu arm. Und sie versuchte viele Episode mit Streiten (bzw. mit der Pistole), schönen Bilder der Natur zu zeigen. Aber das ist nicht genug.
Ich empfehle diesem Film nicht zu glauben.
Das tut mir sehr Leid.


Olena

Der Film ist wirklich sehr grosse Enttäuschung! Amerkanere können kein Rissische Filme machen. Sie zeigen nur eigene amerikanische, primitive Kultur und Gedanken.
Die Darstellungen der russischen Charaktere, Helden (russischen Frauen, Männer, Sozialisten) waren nicht richtig,es war total Falsch. Diese Mascha ist keine russische Frau. Diese Gespräche über sex und vulgäre Sache waren unmöglich in dieser Zeit!!! Das weiss und versteht jeder, der aus Russland ist order Tolstois Werke gelesen hat. Aus der Film geht hervor, dass sie wissen nichts über Russland und sie möchten nicht wissen. Sie beobachten nur eigene arme, vulgär Verfassung über das Leben.
Es gab nur die Bilder, keine Seele, keine Liebe. Die Geschichte war zu arm. Und sie versuchte viele Episode mit Streiten (bzw. mit der Pistole), schönen Bilder der Natur zu zeigen. Aber das ist nicht genug.
Ich empfehle diesem Film nicht zu glauben.
Das tut mir sehr Leid.






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