Die Tragödie der Belladonna

Die Hexe als Kämpferin der Frauen und Ärztin des Volkes. Im Rahmen seiner Wiederveröffentlichung japanischer Klassiker erinnert der Verleih Rapid Eye Movies an ein in Vergessenheit geratenes Meisterwerk des Animationsfilms.

Die Tragödie der Belladonna

Die Tragödie der Belladonna (Kanashimi no Beradona, 1973) beginnt mit einer trügerischen Idylle: Das keusche Liebespaar Jeanne und Jean ist überglücklich miteinander und möchte den Bund fürs Leben schließen. Als der geldgierige Fürst dem mittellosen Pärchen eine horrende Hochzeitssteuer abverlangt, setzt die titelgebende Tragödie ein: Jean wird aus dem Schloss gejagt und seine jungfräuliche Frau zur Hure gemacht. Am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen, erscheint Jeanne schließlich der Teufel in Phallusform und verspricht, sie von ihrem Leid zu befreien. Von nun an sabotiert die Gepeinigte im Auftrag des Teufels die herrschende Ordnung, schützt das Volk vor Armut und Pest und propagiert die freie Liebe.

Leblose Zeichnungen, dynamische Zooms

Die Tragödie der Belladonna

Eiichi Yamamoto verarbeitet in Die Tragödie der Belladonna auf sehr freie Weise Elemente aus dem Leben der Jeanne d’Arc und dem Buch Die Hexe (La sorcière, 1862), in dem der Historiker Jules Michelet die Hexenverfolgung als Unterdrückung von Frauen interpretiert und die Hexe zur „Ärztin des Volkes“ stilisiert. Herausgekommen ist dabei ein psychedelischer Bilderrausch voller sexueller Symbolik, den der überwiegend auf poppiges asiatisches Gegenwartskino spezialisierte Verleih Rapid Eye Movies über dreißig Jahre nach seiner Entstehungszeit in Deutschland herausbringt. Yamamoto ist bereits mit der Fernsehserie Kimba, der weiße Löwe (Janguru taitei, 1965-67) und dem Film Cleo und die tollen Römer (Kureopatora, 1970) als versierter Anime-Regisseur in Erscheinung getreten. Ein klassischer Zeichentrickfilm ist Belladonna jedoch nur bedingt.

Die Tragödie der Belladonna

Während das Animationskino meist durch eine Aneinanderreihung von Einzelbildern eine fließende Bewegung simuliert, besteht Belladonna zu großen Teilen aus unbewegten Zeichnungen. Zwar werden immer wieder Teile des Bildes – wie etwa Haare, einzelne Körperteile oder Rauch – animiert, in erster Linie werden Bewegungen aber durch die Kamera vollzogen und die leblosen Zeichnungen mithilfe von Fahrten, Überblendungen und langsamen Zooms dynamisiert. Die Bilder selbst vereinen dabei eine Vielzahl unterschiedlicher Gestaltungsformen. Neben dem zwischen dreidimensionalen Konstruktionen und rein flächigen Hintergründen wechselnden Raumverständnis erweist sich Belladonna auch in seiner Farbgebung, Maltechnik sowie seinem künstlerischen Stil als ausgesprochen heterogen. Bei den meisten Bildern handelt es sich zwar um Aquarelle, jedoch finden daneben auch Anleihen aus der Kunstgeschichte sowie eine konventionellere Anime-Ästhetik Einzug. Die aus filigranen Linien gezeichnete Hauptfigur etwa ist mit ihrem feingliedrigen Gesicht, den in die Länge gezogenen, nur partiell ausgemalten Formen deutlich der Ästhetik des europäischen Jugendstils entlehnt.

Ganz ein Kind seiner Entstehungszeit

Die Tragödie der Belladonna

Zwar wirkt der bunte Stil-Mix ebenso wie das Statische der Bilder zunächst noch ein wenig holprig, aber hat man sich erst einmal eingesehen, verbinden sich die scheinbar widersprüchlichen Elemente zu einem faszinierend flirrenden Ganzen. Einer der Hauptgründe für diese alles miteinander verschmelzende Wirkung ist der erstklassige Soundtrack von Masahiko Satô. Erst kürzlich wurden Satôs Klangwelten, die hypnotischen Psychedelic-Rock mit wildem Free-Jazz vereinen, in Julian Copes Buch Japrocksampler (2008) für den Westen wiederentdeckt. Der Soundtrack des Films bedient sich sogar eines noch größeren Spektrums unterschiedlicher Stile: Schlager, wie das dramatisch gestöhnte Titellied, gehen wie selbstverständlich in lässige Improvisationen oder sakrale Anklänge über. Den Höhepunkt bilden aber jene Sequenzen, in denen sich Satô einer Musik widmet, die von den engen Strukturen des Rock befreit ist und im Gegensatz zu den konventionellen Liedern steht, in denen der Gesang die Funktion der Erzählerstimme einnimmt. An diesen Stellen löst sich der Film mehrmals von der Handlung und verliert sich in einem kontemplativen Bilderrausch aus bunten Farben, stroboskopischen Effekten und assoziativen Morphings. In solchen Momenten zeigt sich, dass Belladonna zwar im 18. Jahrhundert spielt, dabei aber ganz ein Kind seiner Entstehungszeit bleibt. Wie zahlreiche Filme aus den 1970er Jahren versucht er durch entrückte Bilder und Klänge wie aus einer anderen Welt die Wirkung halluzinogener Drogen nachzuempfinden.

Belladonna 2

Ganz so ernst nehmen sollte man deshalb auch die feministische Botschaft nicht, die der Film vor sich herträgt. Yamamoto zeigt nicht nur, wie Jeanne nach ihrem Feuertod in sämtlichen Frauen weiterlebt, sondern führt den Erfolg der Französischen Revolution auch auf die hohe weibliche Beteiligung zurück. Zwar handelt Belladonna tatsächlich von einer Frau, die sich gegen die Obrigkeit auflehnt, sie bleibt dabei aber auch eine leicht schmierige Männerfantasie, die vor allem als Opfer zahlreicher Folterungen und Vergewaltigungen in Erscheinung tritt. Für Yamamoto widersprechen sich diese beiden Funktionen jedoch schon deshalb nicht, weil sein Film trotz historischer Anleihen vor allem der Logik eines fiebrig geilen Traums folgt.

Trailer zu „Die Tragödie der Belladonna“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.