Die Chaoscamper
Ein Camping-Urlaub mit Hindernissen: Robin Williams erlebt in der Doppelrolle als Familienoberhaupt und Karrieremensch ein zweifaches Waterloo. Die Komödie wandelt dabei auf den Pfaden des National Lampoon’s Klassikers Die schrillen Vier auf Achse.

Vor rund zwanzig Jahren machten die Griswolds die Straßen Amerikas unsicher. Ob Monument Valley, Freizeitpark oder das Ghetto von St. Louis, Die schrillen Vier auf Achse (National Lampoon’s Vacation, 1983) zogen, wo sie auch hinkamen, eine Spur der Verwüstung hinter sich her. Das Konzept vom organisierten Chaos im Campingmobil lebt bei Barry Sonnenfelds Klamotte Die Chaoscamper (RV) gleich im Titel wieder auf. Robin Williams schlüpft in die Rolle des treusorgenden Familienvaters Bob, der seine wenig begeisterte Sippe durch das amerikanische Hinterland navigiert. Allerdings hat Bob seinen Liebsten dabei verschwiegen, dass er nicht aus reiner Freude am Abenteuer Camping das Reiseziel kurzerhand von Hawaii in Colorado umänderte. Weil sein Job nach einem wenig schmeichelhaften Zwischenfall auf der Kippe steht, soll er sich als geübter Redner und Motivator bei einer wichtigen Firmenpräsentation bewähren. Nur dazu muss er dort erst einmal rechtzeitig ankommen.
Der Mann als „King of The Road“ erleidet zunächst eine Niederlage nach der nächsten. Es macht den Eindruck, als würde ihn das parallele Familien- und Karrieremanagement überfordern, derart ungeschickt und unbeholfen stolpert Bob durch die Szenerie. Während seine Frau (Cheryl Hines) den starken Beschützer und perfekten Hausmann erwartet, hofft Sohn Carl (Josh Hutcherson) auf den Kumpeltyp, der mehr Zeit mit ihm verbringt und seine Vorliebe für Hip Hop-Musik teilt. Die schwer pubertierende Cassie (Popsternchen JoJo) ist ohnehin von alles und jedem genervt. Fast zwangsläufig muss Bob an den familiären Anforderungen scheitern. Weil ein Verb wie „scheitern“ jedoch nicht in das optimistische Vokabular einer Hollywood-Komödie passt, kippt der Film letztlich doch wieder in das vertraute brave Geschlechterbild zurück, wenn Improvisationstalent Bob die an ihn gestellten Erwartungen in einer pathosschwangeren Rede über Liebe, Familie und Werte übererfüllen darf.

Ohnehin merkt man dem Drehbuch von Geoff Rodkey an, dass ihm recht bald die Ideen ausgegangen sein müssen. Ganze Pointen und Situationen wiederholen sich. Vor dem Hintergrund des bereits aufgewärmten Plots kann soviel fehlende Kreativität bei der Ausgestaltung aber eigentlich nicht verwundern. Offensichtlich weiß Sonnenfeld dennoch, was der Zuschauer in einer überdrehten Komödie mit Spaßvogel Williams in der Hauptrolle sehen will, hat sein Film an den Kinokassen bislang immerhin rund 60 Mio. US-$ allein in den USA eingespielt. Das Erfolgsrezept lautet: harmlose Späßchen und ein Schuss Moral.
In dieser heilen Welt würde der Anarcho-Touch der Griswolds höchstwahrscheinlich als ein störender Fremdkörper wahrgenommen. Wo sich Die schrillen Vier auf Achse mit ihrem absurden Humor Anfang der 80er Jahre respektlos einem zunehmend stärker werdenden konservativen Zeitgeist entgegenstellten, Ronald Reagans erste Amtszeit war soeben angebrochen, geben sich Die Chaoscamper handzahm. Auch die Seitenhiebe auf Corporate America besitzen keinen Biss, weil der Film zu inkonsequent die Kritik an maßlosem Gewinndenken und einem rein funktionalen Menschenbild formuliert.

Gäbe es da nicht Jeff Daniels’ starken Auftritt als ewig gut gelaunter Vorzeige-Familienvater mit einer Affinität für Country-Musik und allen anderen Dingen, die Amerika erst zu Amerika machen, es bliebe kaum etwas im Gedächtnis haften. Diese Form von retrograder Amnesie hat immerhin den Vorteil, dass sich die Verärgerung über ein schamlos verlogenes Happy-End in Grenzen hält. Denn wo Bob nur kurz zuvor über die wirklich wichtigen Dinge im Leben abseits der eigenen Karriere philosophierte und seinem Boss damit den Kündigungsgrund auf dem Silbertablett servierte, darf Die Chaoscamper nicht zu Ende gehen, ohne dass der soeben Geschasste eine neue Stelle angeboten bekommt. Das Familienglück in Hollywood ist eben erst perfekt, wenn auch der Gehaltscheck stimmt.
Filmkritik von Marcus Wessel
Veröffentlicht am 08.06.2006
Kommentare zu Die Chaoscamper
frank Michalek 05.07.2006 08:57
Ich und meine Tochter(8Jahre) haben zu 80% diesen Film sehr genossen. Es waren einige lustige Szenen dabei. O.K. Die Ethik über die Familie hat beim Nachdenken viel Tief-gang und ist nicht ganz un-realistisch. Das nervige aber liebe naive Menschen einem Mal sehr helfen können bringt sogar Lebensweisheit mit hinein.
Jack Daniels 18.08.2008 16:22
Eure Kritik ist irreführend
Ich finde, RV kann einem mächtig Spass machen. Unserer Familie hat es jedenfalls schon zweimal so gut gefallen, daß fast ständig ein schallendes Gelächter zu hören war. Besonders die Eröffnung, sowie der erste Teil des Films sind einfach umwerfend komisch.
Klar ist das alles nichts Neues, aber so wie es dargestellt wird, ist es einfach wunderbar locker, teilweise bissig, treffend und voller guter Ideen.
Im letzten Drittel driftet der Film etwas in Richtung Nummernrevue, da werden die Situationen um ihrer selbst willen konstruiert. Das es ein Happy-End gibt, kann sich jeder denken, das gehört auch irgendwie dazu.
Und so kann ich RV als einen guten Familienfilm empfehlen, je mehr Leute ihn zusammen schauen, desto größer ist der Spaß.
JD
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Film-Angaben
Titel: Die Chaoscamper
Originaltitel: RV
USA 2006
Laufzeit: 98 Minuten
Regie: Barry Sonnenfeld
Drehbuch: Geoff Rodkey
Produktion: Bobby Cohen, Lucy Fisher, Douglas Wick
Darsteller: Robin Williams, Cheryl Hines, Joanna ‚JoJo’ Levesque, Jeff Daniels, Josh Hutcherson
Kinostart: 29.06.2006
DVD-Angaben
Titel: Die Chaoscamper
Vertrieb: Sony Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 95 Minuten
Extras: Trailer
Verleih ab: 05.12.2006
Verkauf ab: 05.12.2006
Copyright Die Chaoscamper
Fotos: © Sony Pictures
BERLINALE 2012

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