Der Vater meiner Kinder

Ein berührend unsentimentaler Film über Trauer, mit einem lauten Knall und viel Stille.

Der Vater meiner Kinder

Grégoire Canvel (Louis-Do de Lencquesaing) wird von der Polizei angehalten. Dass er zu schnell gefahren ist, ohne Sicherheitsgurt, ist bezeichnend für den Lebensstil des Filmproduzenten. Dass sein Wagen beschlagnahmt wird und er mit auf die Polizeistation muss, weil er sämtliche Punkte verbraucht hat, beschreibt Grégoires Seelenzustand ebenso wie die finanzielle Lage seiner Produktionsfirma und deutet schon früh den Einschnitt in der Mitte des Films an.

Die französische Autorin und Regisseurin Mia Hansen-Løve erzählt nach ihrem Langfilmdebüt Tout est pardonné (2007) mit Der Vater meiner Kinder (Le père de mes enfants) erneut ein zweigeteiltes Drama, das in seiner zweiten Hälfte den Tonfall wechselt und den Fokus von der Hauptfigur auf die Nebenfiguren lenkt. Ihre Inszenierungen erkunden die Folgen des Verlustes eines geliebten Menschen, die Leere gleichermaßen wie die Chancen. Hansen-Løves neuer Film, der in Cannes mit dem Spezialpreis der Jury in der Reihe Un Certain Regard ausgezeichnet wurde, schildert seine Dramatik jedoch noch reduzierter und subtiler als der Vorgänger, setzt noch stärker auf Gesten statt auf Aussprachen und Gefühlsbekundungen und ist in seiner feinsinnigen Zurückhaltung umso einnehmender und wirkungsvoller.

Der Vater meiner Kinder

Ähnlich wie die 29-jährige Regisseurin ihre Geschichten von verschiedenen Seiten beleuchtet, so offenbaren auch ihre männlichen Protagonisten mehrdimensionale und teils widersprüchliche Persönlichkeiten. Der drogensüchtige, schreibblockierte Poet Victor spielt in der Eingangssequenz von Tout est pardonné fürsorglich und ausgelassen mit seiner kleinen Tochter, bevor er ihr wenig später Alkohol anbietet. Ein kindliches Wesen gepaart mit Verantwortungslosigkeit kennzeichnet auch den dreifachen Vater Grégoire. Beide Männer fühlen sich von Beruf und Familie überfordert und flüchten auf unterschiedliche Weise.

Der Vater meiner Kinder

Grégoire ist als Produzent von Arthouse-Filmen hin und hergerissen zwischen Geschäftssinn und Kunstliebe, kommt selbst bei einem Familienausflug nicht von seinem Handy los und ist dennoch ein liebevoller Ehemann und Vater. Er verdrängt seine finanziellen Probleme und verbirgt seine Sorgen vor der Familie, lässt sie hinter Unaufmerksamkeiten und abschweifenden Blicken aber zunehmend erahnen. Eingeführt wird Grégoire als dauertelefonierender, problemjonglierender Workaholic-Produzent, wie man ihn aus Filmen wie Inside Hollywood (What Just Happened, 2008) oder Robert Altmans The Player (1992) kennt. Indem die Regisseurin ihn darüber hinaus im Zusammensein mit seiner Frau und seinen drei Töchtern zeigt und die nüchternen, unglamourösen Aspekte des Filmgeschäftes auch als solche darstellt, verleiht sie einer oft kalt oder hysterisch gezeichneten Profession ein ungewöhnlich bodenständiges und menschliches Gesicht.

Der Vater meiner Kinder ist ein teilfiktionales Porträt von Hansen-Løves Mentor Humbert Balsan, der sich 2005 nach schweren Depressionen das Leben genommen hat. Balsan ermutigte die Französin, die zuvor in zwei Filmen von Olivier Assayas auftrat, zu ihrem Regiedebüt und produzierte über 60 Filme, darunter Claire Denis’ L’intrus (2004) und Lars von Triers Manderlay (2005). Hansen-Løve beschrieb Balsan einmal als einen Mann von „außergewöhnlicher Wärme, Eleganz und Aura“. Mit Louis-Do de Lencquesaing hat sie einen bei uns weitgehend unbekannten Schauspieler besetzt, der Grégoires innere Kämpfe ebenso überzeugend verkörpert wie seine charmante Verspieltheit, und der mit seiner späteren Abwesenheit ein spürbares Vakuum in der Inszenierung hinterlässt.  

Der Vater meiner Kinder

Nach seinem Tod rücken seine Frau Sylvia (Chiara Caselli) und seine älteste Tochter Clémence (de Lencquesaings Tochter Alice) ins Zentrum der Handlung. Sylvia versucht, die Firma ihres Mannes vor dem Bankrott zu retten, während Clémence Geheimnissen in der Vergangenheit ihres Vaters auf die Spur kommt. Mit Letzterem greift die Regisseurin dann leider doch noch zu einer unnötigen Dramatisierung des Geschehens, die sie ansonsten so gekonnt vermeidet. Obwohl besonders die Dialoge der Kinder sehr lebendig wirken, sind die ausdrucksstärksten Szenen des Films die wortlosen Momente, in denen ein Blick oder eine Bewegung Einsichten in die Gefühlswelt der Figuren und ihren Umgang mit Trauer gewährt.

Der Vater meiner Kinder

Schon in Tout est pardonné standen die Beziehungen der Charaktere auf wackeligen Beinen. Glück und Verzweiflung lagen nah beieinander. Menschen fanden und verloren sich wieder. Einer verließ für immer das Bild, ein anderer trat hinein. In Der Vater meiner Kinder beschreibt Hansen-Løve den Lauf der Dinge, das Kommen und Gehen, noch unaufgeregter und selbstverständlicher, mit noch feineren Details und leiseren Zwischentönen. Am Ende bleiben manche Fragen offen, und Doris Day bringt es singend auf den Punkt: „Qué Será, Será“.

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Kommentare


Rominka

Habe den Film im Dezember gesehen und war absolut mitgenommen. Lebenssituation des Protagonisten überzeugend dargestellt, wobei man nicht damit rechnet, dass er im zweiten Teil des Films völlig fehlt, weil man zunächst die ganze Zeit an ihm dran ist. Da braucht es eine Weile, bis man sich auf die Emotionen der Ehefrau und der Kinder einlässt - wobei gerade die Kinder unglaublich spielen, so dass man beinah vergisst, dass sie es spielen. Für alle, die gerade überarbeitet und in depressiver Verstimmung sind, ist der Film sicher ziemlich unertraglich, aber Trauerarbeit, Verlust, Verzweiflung... kein Film, den man beim anschließenden Wein vergessen hat.






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