Bright Star

Ein Zimmer voller Schmetterlinge und ein hübscher Poet im Kirschbaum. Beim Anblick von Jane Campions luftigem Drama über John Keats Liebe zum Mädchen von nebenan wünscht man sich auch eine tragische Romanze mit einem todkranken Dichter.

Bright Star – Meine Liebe. Ewig

Zwischen Campions offensivem Kinodebüt Sweetie (1989) und ihrem sanften neuen Film liegen Welten. Das Erstlingswerk der Autorin und Regisseurin mutet dem Zuschauer eine psychotische Titelheldin mit Übergewicht und schmutzigen Fingernägeln zu, die als nervtötendes Teufelchen in einer Mittelklasse-Familienhölle wütet. Fanny Brawn (Abbie Cornish, Candy, 2006) ist dagegen John Keats „Bright Star“, eine bezaubernde junge Schneiderin mit Engelsgesicht, die den englischen Romantiker zu seinen berühmtesten Gedichten inspiriert und mit ihrer süßen kleinen Schwester im Lavendelfeld schmust.

Bright Star – Meine Liebe. Ewig

Sweetie ist wohl die kompromissloseste unter den eigenwilligen Frauen in Campions bisherigem Werk. Ihre ebenso willensstarken wie gefühlsverwirrten Protagonistinnen verstoßen oft gegen gesellschaftliche oder patriarchalische Spielregeln und verliehen der Regisseurin damit den Ruf einer feministischen Filmemacherin. Das Piano (The Piano, 1993) machte die heute 55-jährige Neuseeländerin zum preisgekrönten Arthouse-Liebling. Die Nachfolger Portrait of a Lady (The Portrait of a Lady, 1996) und Holy Smoke (1999) ernteten dagegen reichlich Kritikerschelte und Zuschauerverwirrung. Vermutlich nicht nur wegen ihrer sperrigeren, insgesamt eher missglückten Dramaturgie, sondern vielleicht auch, weil ihre weiblichen Hauptfiguren ambivalenter erscheinen und ihr Kampf um Selbstbestimmung nicht so eindeutig triumphierend ausfällt wie im happy endenden Piano.

Bright Star – Meine Liebe. Ewig

Bright Star – Meine Liebe. Ewig (Bright Star) ist Campions bislang konventionellstes und zahmstes Frauenporträt, besonders im Vergleich mit ihrem letzten Langfilm, dem Erotik-Thriller In the Cut (2003). Gleichzeitig wirkt die Gefühlswelt der Protagonistin hier lebendiger und greifbarer als in den stark stilisierten Umsetzungen von Das Piano und Portrait of a Lady. Campions neueste Inszenierung ist ihre zugänglichste und leichthändigste, weniger prätentiös und gestelzt. Das erfrischend unsteife Kostümdrama basiert zwar locker auf Andrew Motions Biografie Keats (1998), die den Dichter in seinem historischen und politischen Umfeld beleuchtet, konzentriert sich aber überwiegend auf den Privatmann, seine Gedichte und den nach seinem Tod veröffentlichten Briefwechsel mit Fanny Brawn, aus deren Sicht die platonische Romanze geschildert wird.

Bright Star – Meine Liebe. Ewig

Campions John Keats (Ben Whishaw, I’m Not There, 2007) ist die sensible Kuschelversion des tatsächlichen Künstlers. Der junge Poet streift Anfang des 19. Jahrhunderts über Hampsteads grüne Wiesen, lümmelt mit Kätzchen auf dem Sofa rum oder liegt verträumt im Wipfel eines Kirschbaums. Zudem kümmert er sich liebevoll um seinen tuberkulosekranken Bruder, was seine selbstbewusste Nachbarin Fanny dann doch dahinschmelzen lässt, nachdem sie anfangs kaum beeindruckt ist von dem Mann und seinem romantischen Geschreibsel. Im Gegensatz zu ihren selbst geschneiderten, individuellen Modekreationen verdient der 23-jährige Nachwuchsdichter mit seiner Kunst kein Geld, sodass er die fünf Jahre jüngere Fanny nicht heiraten kann.

Bright Star – Meine Liebe. Ewig

Die wachsende Leidenschaft der beiden begrenzt sich somit vor allem auf das Rezitieren von Versen und, als auch Keats an Tuberkulose erkrankt und England verlassen muss, aufs Briefe schreiben. Campion setzt die innige Verbindung des Paares feinfühlig und verspielt in Szene und erzielt gerade durch die Beschränkung ihres Zusammenseins eine große sinnliche Wirkung. Die meist bewegliche Kamera vermittelt eindringlich den Zustand des Verliebtseins, ohne den Figuren zu nahe zu kommen. Als Sittenwächter sind meistens Fannys jüngere Geschwister anwesend. Keats Mentor Charles Brown (Paul Schneider, Away we go, 2009) beobachtet die Beziehung seines Freundes mit Eifersucht und nimmt sich derweilen die Freiheit heraus, ein Dienstmädchen zu schwängern.

Wie schon in Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990) und Das Piano spiegeln auch in Bright Star Landschaften und Jahreszeiten die Stimmungen und Entwicklungen der Protagonisten wider. Keats Poesie fließt bis auf einige etwas zu plump geratene Szenen beiläufig und unaufdringlich in die Handlung ein. Das Einnehmende an der Erzählung ist eine für die Regisseurin ungewöhnliche Schwerelosigkeit. Wenn es später eigentlich tragisch werden soll, gelingt ihr allerdings kein überzeugender Tonfallwechsel. Als Momentaufnahme junger Liebe funktioniert der Film über weite Strecken sehr gut, weniger aber als deren dramatische Verlaufsgeschichte. Gegen Ende greift Campion leider wieder auf frühere Stilmuster zurück und präsentiert uns erneut eine Frau, die ein bisschen zu kunstvoll leidet.

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