The Birth Of A Nation

Ein Jahr nach seiner umjubelten Premiere kommt Nate Parkers ambitionierter Film über einen Sklavenaufstand wie ein geprügelter Hund in die deutschen Kinos – nach der enthüllten Verwicklung des Regisseurs in einen Vergewaltigungsfall, einem Flop an den Kassen und einem Kritiker-Backlash. Versuch eines eigenen Bildes.

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Irgendwann wird’s dann richtig schräg: Da leitet Nina Simones berühmte Interpretation von „Strange Fruit“ eine Sequenz ein, die sich der wütenden Reaktion der weißen Sklavenhaltergesellschaft auf einen Sklavenaufstand im Jahre 1831 widmet – mit den bekannten Großaufnahmen rassistischer Emotionen, die die Exekution von Nat Turner, Anführer des Aufstands, begleiten, der selbst natürlich heroisch nach vorne in die Zukunft blickt, als ihm die Schlinge um den Hals gezogen wird. Der Film spricht also, und das ist ja durchaus spannend, von den Erschütterungen, die Turners Revolte gegen die „natürliche Ordnung der Dinge“ ausgelöst hat; seine Bilder jedoch übertönen das, sprechen betroffen von Rassenhass – gerade so als käme dieser erst in der Drastik der Bestrafung zu sich selbst, als wäre er nicht schon Teil jener Ordnung, gegen die in diesem Film aufbegehrt wird.

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Als zum Ende der Sequenz dann noch ein Schmetterling an einem gehängten Kinderkörper klebt und die Kamera schließlich durch ein Waldstück führt, an dem mehrere Schwarze an Bäumen hängen (eine Einstellung, die auf keinen Schock hinauswill, sondern nur mehr auf sich selbst verweist, auf die eigene Schönheit und auf die Ambition, die Metapher der „strange fruit“ in ein „eindrückliches Bild“ überführen zu können), hat mich dieser Film endgültig verloren. Es ließe sich allerdings fragen, ob er mich je hätte gewinnen können. Schließlich scheint es fast unmöglich, bei einem bereits seit über einem Jahr so heftig diskutierten Film wie Nate Parkers The Birth of a Nation, Kreuzungspunkt so vieler aktueller (rassenpolitischer, ästhetischer, feministischer) Debatten, sich das berühmte eigene Bild zu machen. Ist nicht schon viel zu viel Benzin in die Denkmaschine gegossen, als dass man sie rechtzeitig zur eigenen Filmsichtung nochmals grundreinigen könnte?

Ein schwerer Rucksack für einen Film

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Dann also doch erstmal die Hard Facts: The Birth of a Nation erzählt die Geschichte von besagtem Nat Turner, der den vielleicht bekanntesten Sklavenaufstand der US-Historie angezettelt hat; als Risikoprojekt konnte der Film nur durch finanzielle Unterstützung von privaten Investoren (unter anderem zwei NBA-Stars) entstehen, wurde bei seiner Premiere in Sundance dann aber derart frenetisch bejubelt, dass Fox zu einem Rekordpreis die Rechte erwarb, nur um an den Kinokassen nach dem regulären Start einen ordentlichen Misserfolg zu landen. In der Zwischenzeit waren auch die Details eines Vergewaltigungsfalls aus dem Jahr 1999 an die Öffentlichkeit gelangt, in dem Regisseur Parker zwar freigesprochen, sein Kumpel Jean McGianni Celestin (der auch am Drehbuch zu The Birth of a Nation mitschrieb) aber nicht, und Parkers zunächst betont laxer Umgang mit diesem dunklen Kapitel der eigenen Biografie brachte teils wütende Reaktionen, vor allem von afroamerikanischen Feministinnen, hervor – und sorgte auch für einen nochmals genaueren Blick auf die Geschlechterdynamiken seines Films.

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Und das alles, als hätte sich der Film nicht schon mit seinem Titel einen genügend schweren Rucksack aufgesetzt. D.W. Griffiths The Birth of a Nation (1915) gilt schließlich nicht nur als einer der frühesten Beispiele für einen so komplexen wie virtuosen Umgang mit den erzählerischen Möglichkeiten des noch jungen Mediums, sondern auch als Stichbildgeber für eine neue rassistische Formation in den US-amerikanischen Südstaaten – mehr oder weniger direkt war der Film für das Revival des Ku-Klux-Klans verantwortlich, spendete diesem nicht nur eine legitimierende historische Erzählung über die tragische Entzweiung einer Nation im Bürgerkrieg, sondern auch das berühmte brennende Kreuz als visuellen Slogan. Klar also, dass Parkers Film nun schnell als ultimatives Gegennarrativ, als „schwarze Antwort“ 100 Jahre später verstanden wurde, klar auch, dass mit dieser eigens geschaffenen Ambition (verbunden mit einer Veröffentlichung mitten in der #OscarsSoWhite-Debatte und einem ständigen Nachschub an auf Video festgehaltenen Ermordungen von Schwarzen durch weiße Polizisten) Erwartungen verbunden waren, die sich wohl kaum hätten erfüllen lassen.

Irgendwo zwischen McQueen und Tarantino

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Parkers Version der Geburt einer Nation will ebenso konsequent als Bildermaschine funktionieren wie der Klassiker. Gegen Griffiths rassistische Stereotype setzt er nicht nur solche der Erniedrigung, sondern vor allem solche der Ermächtigung: Nat Turner (den Parker selbst spielt), wie er beim dritten Schlag die Peitsche seines Peinigers festhält; und vor allem wie er später, an ein Kreuz genagelt und ausgepeitscht, wieder aufersteht, als es dunkel geworden ist und seine Peiniger die Szenerie verlassen haben. Die Poetik des Films scheint sich stets zwischen dem körperlichen Erfahrbarmachen von Unterdrückung wie bei Steve McQueen und den frei fabulierten Rachefantasien eines Tarantino zu bewegen; ganz bewusst scheint Parker Ersteren aus dem Gefängnis analytischer Nähe befreien, Letzterem sein kontrafaktisches Augenzwinkern austreiben zu wollen (auch wenn ihm selbst nicht gerade an historischer Faktentreue gelegen ist).

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Paradigmatisch für diese Zwischenposition ist der Prolog, in dem Turner, noch ein kleiner Junge mit ungewöhnlicher Lesekompetenz, von einer weißen Förderin eine Bibel geschenkt bekommt. Hatte McQueen noch auf die gewaltsam verhinderte Alphabetisierung versklavter Menschen als zentrale Überlebensstrategie der Institution Sklaverei hinausgewollt, nutzt Parker einen Riss in eben dieser Strategie zum Katalysator der Rebellion: Die Büchse der Pandora ist schon mit dem lesenden Sklaven geöffnet, Turner wird zum Priester, der in der eigenen Bibel-Exegese allmählich eine radikale Wende vollführt, den Seinigen nicht mehr Gehorsam und Unterwerfung predigt, sondern das Wort Gottes als Aufruf zum Befreiungskampf deutet. Für jeden Satz, der die Ketten legitimiert, findet Turner in der Heiligen Schrift nun einen anderen, der zur Revolte aufruft.

Die Sache mit der Aneignung

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Gehören diese theologischen Verschiebungen noch zu den gelungensten Elementen des Films, ist es dann aber doch wichtiger, wie Parker diesen Befreiungskampf imaginiert, welche Bilder für den anti-rassistischen Kampf er uns also liefert, den er freilich für einen noch immer aktuellen Imperativ hält. Und da gibt’s dann eben doch allzu Bekanntes: Es gibt zu Beginn die väterlich weisen Worte in aufmerksame Kinderaugen, es gibt die üblichen Motivational Speeches, es gibt den Freikauf einer hübschen Frau, die zur Geliebten wird und deren Gruppenvergewaltigung als ultimative Erniedrigung Turners Ruf zu den Waffen triggert. Schließlich eine Schlachtszene wie aus 300 (2007) und das eingangs erwähnte schräge Schwelgen in der weißen Reaktion auf den Aufstand. Mal wieder stellt sich also die Frage: Ist das nun produktive Aneignung tradierter Bilder und Dramaturgien durch historische Subjekte, die darin jahrzehntelang nur als Objekte gedacht werden konnten? Oder nicht doch die problematische Fortschreibung einer ziemlich unpolitischen Erlöserfantasie? Entzaubert The Birth of a Nation diese Logik vielleicht sogar als leere Form, oder lässt er sich stumpf von ihr verführen?

Der Teufel steckt im Detail: Was wird angeeignet, und was wird dabei umgeformt? Bei einer Annäherung an diese Fragen ist ein Vergleich mit dem anderen großen schwarzen Film, der dieser Tage in den deutschen Kinos läuft, durchaus erhellend. Nutzt nämlich Barry Jenkins Moonlight bekannte inhaltliche Elemente des „Problemfilms“ (Slum, Drogen, Kriminalität, Gangs), baut sie jedoch in eine filmische Welt hinein, die affektiv gänzlich anderen Impulsen folgt, sich nämlich konsequent einem unterdrückten schwulen Begehren und seinen Blickachsen unterordnet und gerade durch diese Reibung etwas genuin Neues erschafft, schreibt Nat Parker an einer filmischen Gegengeschichte, lässt visuelle Ordnungen und affektive Dynamiken jedoch gänzlich unberührt.

Erlöser und zu Erlösendes

Und diese Gegengeschichte begnügt sich in Schwarz-Weiß-Malerei. Das ist nicht deshalb ein Problem, wie immer mal wieder gern geunkt wird, weil der Rassismus nun umgedreht werden würde, nur die Vorzeichen geändert würden, sondern weil der Film eben keine anderen Vorzeichen zu kennen scheint – eben jene des Geschlechts zum Beispiel. The Birth of a Nation ist so dermaßen eins mit seiner Erlöserfigur, dass die Frauen hier nur still und stumm zu Erlösendes repräsentieren können. Nicht der so brutal wie genussvoll inszenierte Axtschlag von Turner gegen seinen Besitzer ist also das falsche Bild, sondern der anschließende Schnitt auf die schwarze Frau im weißen Bett, die damit nun endlich gerettet ist. Den erfrischenden Verzicht auf jegliche White-Savior-Figur, auf jegliche Onkel-Tom-Klischees erkauft sich der Film mit female slaves in distress und einer umso eindeutigeren Sakralisierung des male savior – und scheitert damit gerade an der angepeilten Schaffung kämpferischer Kinobilder für die Generation #BlackLivesMatter, die über solche personifizierten Formen von Leadership ja gerade hinauszukommen versucht. Und das alles schon lange, bevor er mit ästhetischen Sklavenleichen zu Nina Simone auf einen letzten Stimmungsfang geht.

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