Baden Baden

Zickzacklauf durch die Fragmente eines Lebens: In ihrem Langfilmdebüt folgt Rachel Lang einer Flaneurin durch eine Welt, die es eilig hat.

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In einem einzigen Zickzacklauf flaniert Ana (Salomé Richard) durch eine Gesellschaft, die es eilig hat: Die Protagonistin von Rachel Langs erstem Langspielfilm verliert den Job als Fahrerin am Filmset, weil sie zu spät kommt, und verfällt erneut ihrem untreuen Exfreund Boris (Olivier Chantreau), der die gemeinsamen Treffen nutzt, um Telefonate für seine halbgare Ausstellung zu führen. Dabei hat es Ana gerade überhaupt nicht eilig. Ihre Begabung, bloß kein System in ihr Leben zu bringen, quält und ermuntert sie zugleich. Im Kultur- und Sprachtumult aus Englisch, Deutsch und Französisch kehrt Ana ohne Arbeit in die Heimatstadt Straßburg zurück. Nicht wissend, wie sie ihr Leben weiterspielen möchte, nichts anstrebend, außer der Pflege ihrer Großmutter (Claude Gensac), wenn es schon die eigenen Eltern nicht tun. Anas einziges wirkliches Bedürfnis: Omas Badezimmer zu renovieren.

Dafür sucht sie im Baumarkt schlichtweg ahnungslos nicht nur nach den passenden Einzelteilen, sondern auch nach einem starken Mann. Im introvertierten Grégoire (Lazare Gousseau) findet sie schließlich einen „Baupartner“ und doch ebenso großen Lebenskünstler wie sich selbst. Die vermutete Annäherung zwischen beiden bleibt aber trotz prekär-skurriler Momente bis zum Ende aus, weil Anas Entscheidungskraft auch in puncto Liebe nicht allzu ausgeprägt ist. Die chaotisch verspielten Liebeleien mit ihrem besten Freund Simon (Swann Arlaud) und dem erwähnten Exfreund sowie das homoerotische Knistern zwischen ihr und Freundin Mira (Jorijn Vriesendorp) verbleiben als fragmentarische Versatzstücke, wie sie Anas Leben eben produziert.

Schichten des Fragmentarischen

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Fragmente sind bei Lang nicht nur treibende Kräfte der Handlung, sondern verrückte Bausteine der filmischen Dramaturgie. Durch die sprunghafte und meist rasant verdichtete Szenenanordnung sowie das Auslassen handlungsrelevanter Ereignisse überlässt es Baden Baden dem Zuschauer, aus den gegebenen Bruchstücken eine kohärente Geschichte zu konstruieren. Manchmal durchwaten dabei surrealistisch anmutende szenische Kleinteile den Handlungsfluss, wie etwa das nackte Wandern zweier Körper durch eine neblige Waldlandschaft. Diese Szenen, die wie aus dem Nichts auftauchen und aussagelos wieder untertauchen, sind – versucht man sie nicht zwanghaft in das Konzept des Films zu pressen – ganz eigene Attraktionen.

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Und auch Langs Figurenkonzept ist eines der Fragmentierung. Figuren, die zum Großteil nur Skizzen sind: der grundlos aufbrausende Filmproduzent; der wirr sprechende Vater, der selten da ist, und die zweifelnde Mutter, die sich im gemeinsamen Mirabellenpflücken mit Ana offenkundig ihre eigene Kindheit zurückwünscht; die aufmerksamkeitssüchtige Freundin, die kurz auf Karaoke-Besuch vorbeikommt, die empathielose Ex-Schwiegermutter in ihrer Obsession für die andere Ex-Freundin und der Bauarbeiter, der gerne zur Fremdenlegion möchte. Es sind Figuren, die weniger als feste Pfeiler der Geschichte denn als flüchtige Eindrücke bestehen und wie ewige Schatten über dem Leben von Ana schweben.

Struktur nur in den Räumen

Einzig die Bilder selbst tendieren dazu, die Fragmenthaftigkeit des Films aufzuheben. Viele Räume, die Ana betritt, sind nahezu überstrukturiert. Die Auslage der Ware im Supermarkt, die Rohre im Regal, an dem Ana und Grégoire sich zum ersten Mal treffen, die holzvertäfelte Wand, vor der Ana auf Simon wartet, die makellos arrangierten Topshots vom Balkon ihrer Großmutter bis hin zur Absurdität des fertig renovierten und nun pompös geschmückten Badezimmers – konstruierte Räume, die derart bedacht, fast penibel gefilmt sind, dass die innerlich zerklüftete Ana vor ihnen zu verschwinden droht. Diese geordnete Kompromisslosigkeit der Räume findet sich auch in der ersten Einstellung des Films wieder, in der die Kamera ganze vier Minuten regungslos auf dem Beifahrersitz von Anas Mietwagen verweilt, um von dort aus Anas emotionsgeladene Kündigung einzufangen.

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In dieser Diskrepanz zwischen Fragment und Ordnung verbleibt Baden Baden und verzichtet auf konkrete Aussagen. Zwar erscheint Anas Flanieren oftmals als bedenklicher Grenzgang, und wenn sie ihre Schwangerschaft kurzerhand abbricht, scheint der Film sie gar bestrafen zu wollen, als kurz darauf ihre Großmutter verstirbt. Doch in Ana selbst wecken auch diese vermeintlich einschneidenden Erlebnisse keinen Wunsch nach Ordnung. Der Film verlässt uns in einem ebenso beliebigen Moment wie jenem, in dem er uns anfangs aufsuchte.

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