Ajami – Kritik

In fünf sich kreuzenden Geschichten erzählt Ajami vom angespannten Verhältnis zwischen Juden, Muslimen und Christen in einem israelischen Vorort.

Ajami

Ajami ist ein Vorort der israelischen Stadt Jaffa. Vom angrenzenden Tel Aviv unterscheidet diese sich vor allem dadurch, dass Juden hier eine Minderheit darstellen. Die Regisseure Yaron Shani und Scandar Copti widmen sich in ihrem Film Ajami diesem Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Religionen, wobei ihr Augenmerk besonders auf den Spannungen zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen liegt.

In mehreren Kapiteln beleuchtet der Film anhand von Einzelschicksalen verschiedene Facetten des interkulturellen Lebens in Israel. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der arabischstämmigen Bevölkerung. Da wäre etwa der israelische Moslem Omar (Shahir Kabaha), der zum Mittelpunkt eines Bandenkriegs wird und zudem in eine Christin verliebt ist. Der 16-jährige, illegal eingewanderte Palästinenser Malek (Ibrahim Frege) versucht dagegen mit Schwarzarbeit die Operation seiner kranken Mutter zu finanzieren. Teilzeitdealer Binj (Scandar Copti) macht sich in seinem muslimischen Freundeskreis unbeliebt, weil er eine Jüdin heiraten möchte, und der Polizist Dando (Eran Naim), die einzige jüdische Figur in Ajami, hat einen unerbittlichen Hass auf Palästinenser, nachdem sein Bruder im Krieg gefallen ist.

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Es sind vor allem die feinen, für den Außenstehenden oft schwer zu erkennenden kulturellen Unterschiede, durch die sich die einzelnen Figuren voneinander abgrenzen. Ajami erzählt sowohl von illegal eingewanderten Palästinensern als auch von jüdischen, muslimischen und christlichen Israelis. Während einige nur arabisch oder hebräisch verstehen, wechseln die muslimischen Israelis fließend zwischen beiden Sprachen. In früheren Fassungen des Films war dieses babylonische Sprachengewirr für den unkundigen Betrachter teilweise äußerst unübersichtlich. Für den deutschen Kinostart plant der Verleih Neue Visionen allerdings eine Untertitelfassung, die kenntlich macht, in welcher Sprache sich die Figuren gerade unterhalten.

Mit seiner episodischen, verschiedene Zeitebenen und Perspektiven vereinenden Erzählweise, die schließlich in einem dramatischen Showdown gipfelt, scheint sich Ajami deutlich an den Filmen von Alejandro González Iñárritu (Amores Perros, 2000; 21 Gramm, 2003) zu orientieren. Indem dasselbe Ereignis aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt wird, bleiben die Taten jeder Figur nachvollziehbar und das Verhältnis zu ihnen unparteiisch. Selbst der Hass Dandos auf die Palästinenser wird durch seinen schmerzhaften Verlust zumindest verständlich. Auch die Handlungen der anderen Figuren entspringen meist einem ökonomischen oder emotionalen Zwang. Wenn Situationen eskalieren, ist es demnach nicht dem Verschulden Einzelner zuzuschreiben, sondern erscheint als eine Folge unglücklicher Missverständnisse.

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In dieser Hinsicht ist der Film als Bestandsaufnahme der interkulturellen Spannungen in Israel ausgesprochen pessimistisch. Die Stilisierung der Figuren zu Statisten in einem vom Schicksal vorbestimmten, größeren Zusammenhang spricht ihnen ihre Fähigkeit zum Handeln und damit zum Verändern ab. Da sie ohnehin Opfer äußerer Umstände sind, besteht auch keine Aussicht auf Besserung der Zustände. Streckenweise ist die Fremdbestimmtheit der Figuren und ihr vorbestimmtes Schicksal aber auch durch ihren spezifischen ethnischen, religiösen oder familiären Hintergrund gerechtfertigt. Am deutlichsten manifestiert sich das in der Figur von Omar. Allein wegen seiner Blutsverwandtschaft muss er die Fehler seines Onkels ausbaden, und seine Geliebte bleibt ihm verwehrt, weil sie Christin ist.

Obwohl solche Konflikte reichlich dramatisches Potenzial liefern, gehen Shani und Copti mit ihnen ganz anders um, als es etwa Iñárritu zu tun pflegt. Im Gegensatz zu dem mexikanischen Regisseur, der sich teilweise geradezu in den Emotionen seiner Figuren suhlt, bemüht sich Ajami um eine weitaus objektivere und realistischere Inszenierung. Durch den Einsatz von Laiendarstellern, eine stets etwas auf Distanz bleibenden Kamera und den Verzicht auf einen emotionalisierenden Soundtrack wird das Melodramatische durch ein Bemühen um Authentizität in den Hintergrund gedrängt.

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Wenn die einzelnen Episoden gegen Ende zusammenlaufen, ist es allerdings vorbei mit der inszenatorischen Zurückhaltung. Plötzlich ist den Regisseuren jedes Mittel recht, um ihre Absicht, den Zuschauer möglichst aufgelöst zurückzulassen, durchzusetzen. Dass ausgerechnet die unschuldigsten und am ehrenhaftesten handelnden Figuren am Schluss ins Verderben gezogen werden, entwickelt sich dann auch nicht mehr schlüssig aus der Handlung, sondern bleibt als allzu kalkulierter Eingriff von außen sichtbar.

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Kommentare


Stefan

imdb vergibt 7,1 Punkte. Gar nicht so schlecht.. Ich finde Filme immer super, in der sich einzelne Geschichten treffen oder kreuzen. Die Filme waren eigentlich immer super.






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