Venedig 2011: Ein Festival der Adaptionen

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Wenn man es genau nimmt, dann ist jeder Film eine Adaption. Die von geschriebenen Drehbuchseiten in Bilder, Töne und oft zentral: Performanz. Momentan, und das geht weit über das Filmfestival von Venedig hinaus, ist es sehr en vogue, auf bereits erfolgreiche Vorlagen zu setzen, sie erstmals oder erneut zu verfilmen, sie in Serie fortzuführen oder ihnen eine Vorgeschichte zu geben. Im Mainstreamkino hat das oft wirtschaftliches Kalkül zur Ursache, vielleicht aber doch auch den schlichten Wunsch, ein geliebtes Original, ein verehrtes Buch, Comicheft, Theaterstück im eigenen Medium zu realisieren.

Wuthering-Heights - Foto

In Venedig jedenfalls gibt es in diesem Jahr Verfilmungen ohne Ende. Das begann mit drei Stück-Adaptionen, The Ides of March, Eine dunkle Begierde, Gott des Gemetzels, gefolgt von der John-le-Carré-Spionagegeschichte Dame, König, As, Spion und The Moth Diaries (außer Konkurrenz) nach einem Vampir-Bestseller. Die Liste geht weiter und setzt sich nun mit Andrea Arnolds drittem Spielfilm Wuthering Heights fort. Arnold, die bereits zwei sehr interessante Langspielfilme in Cannes präsentiert hat (Red Road, 2006, Fish Tank, 2009) und 2005 einen Oscar für ihren Kurzfilm Wasp erhielt, fällt dabei allerdings aus der Reihe. Denn ihre Interpretation des bereits mehrfach verfilmten Romans von Emily Brontë (etwa 1939 von William Wyler, 1992 mit Juliette Binoche und Ralph Fiennes) setzt nicht auf Worte (kein Off-Kommentar, kaum Dialoge) und noch weniger auf Orchestermusik. Sie verkürzt die epische Geschichte und konzentriert alles auf eine zentrale filmische Idee: die Darstellung von Materialität. Was sie dabei dem Original-Setting, den nordenglischen Yorkshire Dales, alles abgewinnen kann, ist durchaus beeindruckend. Statt großer Landschaftspanoramen stützt sie ihre Erzählung auf subjektiv geprägte Details: ein Ast, der ans Fenster klopft, welkendes Obst und austrocknende Gräser, Wind in den Blättern, Nebel am Hang, Regen in den Haaren, Staubpartikel, die den Raum erhellen, eine Holzwand mit eingeschnitzten Namen (Catherine, Heathcliff), blutige Peitschspuren auf dem Rücken des Jungen, Wunden, die das Mädchen aussaugt, und immer wieder Schlamm als Nährboden für romantische, obsessive Begegnungen. Bemerkenswert dabei, wie wenig sich Arnold an die Vorlage klammert, mehr eine Transposition denn eine Adaption schaffend, und wie wenig sie die Geschichte überhaupt mit Erklärungen, Einordnungen, Herleitungen belasten braucht. Eigentlich sollte und könnte Wuthering Heights ganz losgelöst vom Verweis auf den Roman gesehen werden. Beim Festival ist nun aber just die Treue ihres Films das Thema, noch konkreter: dass ihr Heathcliff Schwarzer ist. Dabei war schon bei Brontë das Findelkind dunkelhäutig. Vielleicht haben die bisherigen Verfilmungen dies nur vergessen gemacht?

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Und auch Sion Sonos neuestes Werk Himizu ist eine Adaption: und das auf gleich zwei sehr unterschiedlichen Ebenen. Erstens ist es die Verfilmung des Mangas Himizu von Minoru Furuya. Zweitens hat der Japaner Sono, der das Drehbuch kurz vor Erdbeben, Tsunami und Reaktorkatastrophe im Frühjahr fertiggestellt hatte, sich kurzfristig dazu entschieden, die Landestragödie in den Film miteinfließen zu lassen und die Produktion in Windeseile voranzutreiben, um eine zeitnahe Reflexion der aktuellen Lage realisieren zu können. Diese zweite Ebene, die Adaption einer kollektiven Stimmung und des Unbewussten, spiegelt sich auf höchst verworrene Weise im Hauptplot eines von seinen Eltern verlassenen Jungen, der zwischen Mordgelüsten, Selbstmordfantasien und Rettersyndrom hin und her wechselt. Es ist das klassische Mittel der Fabel, die Inversion, die es Sono erlaubt, mit einigen Freiheiten von der Gegenwart zu erzählen: Statt Eltern zu zeigen, die um ihre Kinder und die Zukunft bangen, inszeniert er Jugendliche, deren Eltern wünschen, sie wären nie auf die Welt gekommen und würden ihr Leben nun doch wenigstens schnell beenden. In einer für Sono ganz typischen Sequenz dekorieren die Eltern von Chazawa ein Holzgerüst samt Strick mit einer Lichtergirlande in der Vorfreude auf ihren baldigen Freitod. Auch sonst ist die mehr als überzeichnete Story ein original Sono: ständige Gedichtzitate, obsessive Wiederholungen, ein selbstgenügsamer Junge, durch die Eltern in eine existenzielle, religiös überhöhte Sinnkrise geworfen. Dass der neue Film von Sion Sono (Exte – Hair Extensions, Love Exposure, Cold Fish, Guilty of Romance) ein dramaturgisches Chaos ist und von einem starken Moment in eine überflüssige Szene stolpert, das kann man als Echo des inneren Zustandes seines an der Oberfläche streng geordneten Landes verstehen, oder aber auch als Ergebnis eines übereilten Schaffensprozesses.

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