Udine 2012: Festivalnotizen (2) - Südkoreanischer Kulturimperialismus

Das Kino Südkoreas ist in den letzten zehn Jahren zunehmend zum erfolgreichen Exportartikel geworden. Dabei gibt es nicht nur eine starke Präsenz im Arthouse-Segment, auch im Mainstream finden anspruchsvolle Großproduktionen von Regisseuren wie Bong Joon-ho und Na Hong-jin ihren Weg in den Westen. In Japan, zu dem aus historischen Gründen ohnehin ein etwas angespanntes Verhältnis besteht, sehen konservative Kräfte die Ausweitung der südkoreanischen Popkultur übrigens nicht gerne. Aus Angst um die Vormachtstellung im eigenen Land gab es vereinzelt sogar schon Kampagnen gegen den vermeintlichen Kulturimperialismus des Nachbars.

Blind

Auch in Udine ist Südkorea wieder mit einigen schwergewichtigen Hochglanzproduktionen vertreten, die Beispiel für ein solides Mainstreamkino sind und teilweise auch für erzählerische Innovationen. Wie etwa in Blind (Mo bi dik), einem melodramatischen Thriller über eine erblindete Frau, die während einer regnerischen Nacht versehentlich im Auto eines Serienkillers landet. Ungewöhnlich viel Zeit nimmt sich Regisseur Ahn Sang-hoon dafür, sich den familiären Beziehungen und dem persönlichen Trauma seiner Hauptfigur zu widmen. Aus der Identität des Täters macht er von Anfang an keinen Hehl, vielmehr handelt Blind davon, mit welchen Mitteln man jemanden aufspüren kann, den man nicht gesehen hat. Zur Hilfe eilt dabei ein trotteliger Polizist, dem auch die Aufgabe des Pausenclowns zukommt.

Blind2

Die verschiedenen Einfälle, mit denen Blind seine Geschichte erzählt, sind nicht durchweg gelungen. Jene Szenen etwa, in denen die Blindheit durch eine dunkle, raumlose Animation veranschaulicht wird. Gleichzeitig schafft es Ahn aber immer wieder das Handicap seiner Protagonistin auf spannende Weise zu nutzen. Am eindrucksvollsten lässt sich das an einer Verfolgungsszene im U-Bahnhof beobachten, bei der die Hauptfigur über die Kamera ihres iPhones navigiert wird.

Moby Dick

Einen Verschwörungsthriller mit komischen Untertönen hat dagegen Park In-je mit seinem Regiedebüt Moby Dick (Mo bi dick) gedreht. Nach einem scheinbar terroristischen Anschlag von Nordkoreanern bekommt ein Reporter den Tip, dass dahinter eine mysteriöse Vereinigung steckt, die sogar die Regierung lenkt. Mit einigen anderen, ihm nicht immer sympathischen Kollegen bildet der Reporter schließlich eine Zweckgemeinschaft, um die dunklen Machenschaften aufzudecken. Dabei wechselt der Film zwar gekonnt zwischen Komödie und Thriller, schafft es aber nicht ganz, einer bewährten Handlungsstruktur durch die Inszenierung neue Facetten abzugewinnen. Unterhaltsam ist es dann aber doch, wie sich die Figuren mit den Waffen des Journalismus gegen einen übermächtigen Feind auflehnen.

The Front Line

Ob und wie diese Filme hierzulande erscheinen, bleibt abzuwarten. Auf dem heimischen DVD-Markt haben sich in letzter Zeit aber auch immer wieder Blockbuster aus Südkorea gefunden. Aktuell etwa der Kriegsfilm The Front Line (Go-ji-jeon), der erst vor einigen Wochen veröffentlicht wurde. Regisseur Jan Hung macht sich darin an koreanische Vergangenheitsbewältigung. Kurz vor Ende des Korea-Krieges erzählt er von einer schon völlig derangierten südkoreanischen Einheit, die sich mit den Feinden aus dem Norden eine endlose Schlacht um einen Hügel liefern. Immer wieder dasselbe Spiel. Rauf auf den Berg, bomben, töten und je nach Erfolg vor- oder zurückpreschen. Dabei ändert sich in regelmäßigen Abständen das Herrschaftsgebiet des mit Leichen gepflasterten Hügels.

The Front Line 2

Mit schönen Bildern, orchestralem Soundtrack und leicht gezügeltem Pathos widmet sich der Film der tragischen Geschichte eines Landes. Neben einer Reihe von intensiven Schlachtenszenen, in denen der Zuschauer mit den Soldaten den Hügel erklimmt, im Dreck herumkriecht und Explosionen aus nächster Nähe erlebt, offenbart The Front Line auch die Paradoxien in einem absurden Krieg. Während sich Norden und Süden auf dem Feld gegenseitig abschlachten, gibt es auch kurze Momente indirekter Solidarität. Eine Holzkiste wird beispielsweise für Tauschgeschäfte genutzt, bei denen sich die verfeindeten Parteien gegenseitig mit Alkohol, Nahrung und Liedtexten versorgen.

Obwohl der Film durch die Entscheidung, die Geschehnisse fast ausschließlich aus der Perspektive des Südens zu erzählen, durchaus Partei ergreift, merkt man doch, wie vorsichtig hier mit Schuldzuweisungen umgegangen wird. Die Nordkoreaner schauen zwar ein bisschen böser, sind letztlich aber auch nur Opfer äußerer Umstände. Nach Jahrzehnten der mühsamen Annäherung zwischen den beiden Ländern, muss man die angespannte Situation mit einem Film auch nicht noch weiter aufheizen.

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