Revolutionärer Müßiggang

Als Slacker noch Gammler hießen. Vom 4. Mai bis zum 12. Juni zeigt das Berliner Zeughauskino eine Reihe mit deutschen Komödien über Leistungsverweigerer.

Herbst der Gammler

Vor einem halben Jahrhundert, als München noch cooler als Berlin war, ging Peter Fleischmann auf die Straße, um ein gesellschaftliches Phänomen festzuhalten: die Gammler. Der Ausdruck bezeichnete damals Leute, die sich weigerten, innerhalb eines kapitalistischen Systems zu funktionieren, sich nicht den bürgerlichen Idealen von Anstand und Fleiß unterwerfen wollten und betont lässig gekleidet waren. Man könnte auch Lebenskünstler oder Slacker sagen, aber gerade der deutlich negativer besetzte (wenn auch als Eigenbezeichnung benutzte) Begriff des Gammlers verdeutlicht, wie viel Gegenwind solche alternativen Lebenskonzepte in der Post-Wirtschaftswunderzeit der BRD bekamen. Fleischmanns Dokumentarfilm Herbst der Gammler (1967) hält diese Ablehnung in teils sehr brutalen Szenen fest. Bei einem Oktoberfestbesuch spricht schließlich eine (eigentlich auch noch recht junge) Frau aus, was viele denken: Wäre der Hitler noch am Leben, würde der sich um dieses faule Pack kümmern.

Engelchen oder die Jungfrau von Bamberg 1

Vom 4. Mai bis zum 12. Juni läuft im Berliner Zeughauskino der zweite Teil einer deutschen Komödien-Reihe, die sich diesmal der Welt der Gammler widmet. Fleischmanns Dokumentation steht dabei zwar auch auf dem Programm, sorgt aber eher für den historischen Hintergrund. Bei den restlichen Beiträgen – ob sie nun von May Spils, Klaus Lemke oder George Moorse sind –, handelt es sich dagegen um vergleichsweise heitere Spielfilme, die jedoch ebenso unverhohlen mit den jungen Nichtstuern sympathisieren. Etwa Marran Gosov in Engelchen oder Die Jungfrau von Bamberg (1968), in dem Gila von Weitershausen mehr schlecht als recht versucht, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Wie leicht das, zumindest theoretisch, wäre, macht Gosov bereits in den ersten Minuten des Films klar. Schwabing ist hier eine Hochburg der freien Liebe, in der Beziehungen unverbindlich sind und es weder an schönen Menschen noch an vielversprechenden Blickkontakten mangelt. Sobald die abenteuerlustigen Männer jedoch erfahren, dass die Heldin noch Jungfrau ist, suchen sie kopfschüttelnd das Weite.

Engelchen oder die Jungfrau von Bamberg 2

Erfrischend an Engelchen ist, dass er sich das unstete Leben seiner Figuren zum Vorbild nimmt: Der einfach gehaltene Plot lässt genug Platz für Abschweifungen und alberne Improvisationen. Dabei funktioniert der Film zunächst wie eine frei erzählte und luftig inszenierte Romantic Comedy – verlässt sich aber gerade nicht auf das bewährte Muster, die unterschwellig brodelnde Liebesgeschichte mit dem feschen WG-Nachbarn in einem konventionellen Happy End aufzulösen. Neben Regisseuren wie Eckhart Schmidt, Roger Fritz und Rudolf Thome zählt auch Gosov zu den Vertretern der Münchner Gruppe. Deren Filme sind nicht nur weniger streng und akademisch als vieles, was unter dem Label „Neuer Deutscher Film“ erschienen ist, sie zelebrieren auch die körperliche Freizügigkeit. In Engelchen wird diese Eigenschaft mit einem von Hans Clarin gespielten Künstler thematisiert, der beruflich Protestplakate für unterschiedliche politische Gruppen malt. Dabei sieht man Gila von Weitershausen mehrmals an einem Schild mit der Aufschrift „Saubere Leinwand“ vorbeihuschen – einer Aktion, deren Ziel es war, sexuelle Darstellungen im Kino gesetzlich verbieten zu lassen.

Die Abfahrer

Weniger freizügig, dafür aber politisch engagierter ist die Milieustudie Die Abfahrer (1978), in der Regisseur Adolf Winkelmann die steigende Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet thematisiert. Eine Gruppe von Leidensgenossen verbringt darin ihre – teilweise von der Familie verheimlichte – Freizeit vor einer tristen Garage. Eines Tages klauen die Jungs einen Möbelwagen, nehmen ein Mädchen als Anhalterin mit und begeben sich auf eine Reise ohne Ziel. Der Müßiggang wird hier von einer gedrückten Stimmung überschattet. Winkelmanns karge Inszenierung unterstreicht das noch. Die Ausbrüche der Darsteller sind immer nur kurz. Ihre sanfte Rebellion wirkt dadurch ein wenig steif, die zwar in Lokalkolorit getauchten, aber sehr geordnet wirkenden Dialoge etwas zu statisch. Teilweise fühlt man sich an den manchmal drögen, manchmal aber auch sehr schönen Sozialrealismus alter FWU-Lehrfilme erinnert. In seinen besten Momenten ist Winkelmann ein Film gelungen, der sich geduldig auf die Befindlichkeiten gesellschaftlicher Außenseiter einlässt und durchaus komisch den unüberwindbaren Graben zur weltfremden Elterngeneration aufzeigt.

Chapeau Claque

Der größte Außenseiter unter den Gammlern ist vermutlich Ulrich Schamoni in seiner unbedingt sehenswerten Mockumentary Chapeau Claque (1974). Mit den sozial stigmatisierten Jugendlichen aus Herbst der Gammler hat er nichts mehr gemein. Als verzogener Spross einer Familie von Hut-Fabrikanten geht er auf seinem schon ziemlich verwahrlosten Anwesen den Weg des geringsten Widerstands. Der Bademantel ist dabei zur zweiten Haut geworden, der Klogang zum täglichen Höhepunkt seines ereignislosen Lebens („Ein guter Schiss ist der halbe Tag“). Bemerkenswert ist, dass die Hauptfigur politisch ein Konservativer ist, der mit den „Sozen“ nicht allzu viel anzufangen weiß und in seinem Chaos nach strengen Regeln lebt. Auch nachdem die sorglose Anna (Anna Henkel, die spätere Frau von Herbert Grönemeyer) bei ihm einzieht, zwängt sich Chapeau Claque in kein dramaturgisches Korsett, sondern entfaltet sich durch wunderbare Miniaturen, in denen Schamoni skurrile Monologe über Porzellanhasen hält oder Schlurfis wie Rolf Zacher und Karl Dall vorbeischauen.

Dass die Figur des Leistungsverweigerers nicht nur ein Phänomen der Vergangenheit ist, zeigt die Berliner Reihe, indem sie eine Brücke ins neue Jahrtausend schlägt. Dort trifft man dann Helge Schneider, der mit seinem eigenwilligen, sich sämtlichen Moden widersetzenden Humor ein zumindest ferner Verwandter von Schamonis spießigem Wohlstands-Slacker zu sein scheint.

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