Filmfest München zeigt Filme von DVD

Videoabend auf der großen Leinwand: Bei der Jodorowsky-Hommage täuscht das am Freitag startende Filmfest München Kino vor, mit einem Format, das selbst im Heimkinobereich wegen der schwachen Auflösung als überholt gilt.

la-cravate

Da reibt man sich die Augen. Vollmundig hatte das Filmfest München noch vor ein paar Wochen eine „erste umfassende Retrospektive“ von Filmen Alejandro Jodorowskys angekündigt, nun wird bei einem Blick in den Katalog offenbar: Möglich wird dies, weil das Festival Videovorstellungen im unteren Qualitätssegment als Kino verkauft. Nicht nur auf Blu-rays wird zurückgegriffen, zwei Werke werden sogar lediglich von DVD gezeigt: La cravate (auch bekannt als The Severed Heads, 1957) und Fando y Lis (1968). Offizielle Auskunft der Zuständigen für die Kopienbeschaffung des Festivals: „Wir haben zwei Wochen lang gesucht und keine besseren Kopien in Deutschland gefunden.“

Der Einzug der Digitalisierung bei Filmfestivals ist an sich nichts Neues, allerdings ist die damit einhergehende und inzwischen grassierende Anspruchslosigkeit gegenüber der Vorführqualität tatsächlich erschreckend. Wenn selbst ein so prominentes und ordentlich finanziertes Festival es nun hinnimmt, auf der großen Leinwand DVDs zu zeigen, dann liegt sichtlich etwas im Argen. Hinzu kommt, vielleicht sogar noch ärgerlicher, dass selbst bekanntermaßen auf 35mm verfügbare Filme wie El topo (1970) und Montana Sacra – Der heilige Berg (The Sacred Mountain, 1973) in München nur von Blu-ray vorgeführt werden – natürlich zum vollen Eintrittspreis von 8,50 Euro und ohne jeglichen Hinweis im Programmheft oder auf der Website. Nur wer den kostenpflichtigen Katalog in Händen hält und genau nachsieht, erhält die Information über die Vorführmedien. Lediglich die zwei neueren Filme laufen als DCP, dem aktuellen digitalen Standard.

Im Internet überschlagen sich die Kommentare von Kritikern und Cineasten bei der Neuigkeit: „Für die Ticketpreise könnte man gleich jedem Zuschauer die Filme brennen und nach Hause schicken“, empfiehlt Ciprian David, Betreiber des Online-Filmmagazins Negativ. Perlentaucher Thomas Groh ergänzt: „DVD-Beams bei einer Festivalretro, jetzt brechen alle Dämme ...“. Andere können noch Positives daran entdecken: „Grundsätzlich eine Katastrophe, allerdings tröstet es mich ein wenig darüber hinweg, dass ich nicht da sein kann.“ Als Fazit die Analyse eines Filmliebhabers: „La cravate und Fando y Lis werden als DVDs ausgewiesen, die anderen vier älteren Filme als Blu-rays (allesamt seit 2011 in den USA erhältlich, Rainbow Thief sogar schon seit 2009 als BD in Deutschland). Sprich: Eine in fünf Minuten per Amazon zusammengestellte Retro, bei der dann 9 Euro Eintritt pro Screening verlangt wird – schöne neue Welt ...“

Mit Dank an Andreas Beilharz für den Hinweis.


Update 27.06.2013: Inzwischen hat das Filmfest München eine Stellungnahme veröffentlicht, die im Wesentlichen davon ausgeht, dass die Bildqualität der Blu-ray „gesichert“ sei, im Gegensatz zum „von Exemplar zu Exemplar variierenden Erhaltungszustand einer 35mm-Kopie“.

In diesem Kontext sei noch der Link zur euphorischen Beschreibung zweier neuer 35mm-Kopien von Filmen von Jodorowsky nachgereicht: „Equally impressive were the new 35mm theatrical prints of EL TOPO and THE HOLY MOUNTAIN, which gave the lucky few who caught them an eye- and ear-popping primer on how these films should be seen.“

Kommentare zu „Filmfest München zeigt Filme von DVD“


Ronny Dombrowski

Sehr gut auf den Punkt gebracht!


Sano

Man muss das auch Positiv sehen: Jetzt kann sich hoffentlich keiner über die schlechte Qualität der Jodorowsky-Screener im Pressezentrum beschweren. Und ihr könnt ja dann auch endlich mal eine DVD-Kritik zum Filmfest München verfassen: Taugt die DVD um auf eine große Leinwand gebeamt zu werden, und wurde auch Bonusmaterial vorgeführt? Sicher auch interessant für Besucher zukünftiger Festivals. %-)


Frédéric

Danke, Thomas, für die detaillierte Problembeschreibung."Wer auf Filmfestivals ernsthaft DVDs als Vermittler von Filmgeschichte aufführt, schont zwar kurzfristig das Budget, gräbt sich aber schon mittelfristig den Grund der eigenen Legitimität ab." Unterschreibe ich sofort.


ulle

Das Filmfest München ist mittlerweile zu einer wirklich jämmerlichen Veranstaltung verkommen. DVD/ Blueray Diskussionen sind da nur Randerscheinungen. Abschaffen.


littlekino

Nun, ob DVDs im Kino sinnvoll sind, ist strittig und wohl Frage der Leinwandgröße und der Skaliertechnik. Möglich ist das aber trotzdem durchaus. Ansonsten wüsste ich, entgegen den Forderungen der Medienindustrie ("Streaming!!!" mit Billigcodecs) bzw. Techniknerds ("3D!! 4K!!! 50p!!!!"), nicht, was an DVDs grundstzlich verkehrt sein sollte, auch im Jahr 2013. Solider Codec, robuste Abspieltechnik, haltbares Medium, bei entsprechend gutem Authoring hochskaliert von den durchschnittlicheren Blurays kaum unterscheidbar. Bei mir zuhause auf 720p hochskaliert ein brillianter Hochgenuss. Da ich kaum "Blockbuster" schaue, sondern eher Filmkunst und Obskures, gibt es das meiste sowieso auch nur auf DVD. Ich bin damit sehr zufrieden. In einem Kino kommt es nun sicher auf Größe der Leinwand und des Saales an. Aber wenn ich da an so manche unscharfe, abgenudelte 35mm-Kopie denke, abgespielt von einem schlecht eingestellten Projektor, fällt es mir schwer zu glauben, dass da ein drastischer Unterschied zur DVD zu sehen wäre. In der Filmhochschule damals hing ein VHS-Rekorder am Beamer, selbst das hat guten Filmen und dem Lernerfolg kaum geschadet. Der ganze Pixelwahn ist für mich nur naiver, verwöhnter Techno-Realismus. Im selben Maße, wie heute die Auflösungen steigen, sinkt auch die inhaltliche Qualität des derart Dargebotenen. Kritik an desem Umstand wäre wohl angebrachter.


Frédéric

Interessanterweise bestehen die Vergleiche immer auf diesen Gegensatz: Exzellente DVD vs. schlechte 35mm-Kopie. Diese Frage stellt sich in der Praxis ja durchaus ganz konkret. Nur in diesem Fall geht es an der Sache vorbei: Das Festival geht davon aus, dass es sich gar nicht erst lohnt, nach 35mm-Kopien zu suchen (die es Berichten nach recht neu und in guter Qualität gibt, zumindest von zwei Filmen), weil sie auch in der Vergangenheit Blu-rays gezeigt hätten und sich keiner beschwert hätte - und überhaupt, besser das als abgenudelte Kopien. Tja, was wenn hier in Wahrheit ein anderer Vergleich angebracht wäre: "hervorragende 35mm-Kopie" vs. "schlechte DVD"? Wir wissen es nicht mit Sicherheit, dem Filmfest München war die Hommage eine solche Recherche nicht wert.


littlekino

Gut, auch wahr, mir gings ja auch offensichtlich nur um die Ehrenrettung des heißgeliebten Mediums. Eine durchschnittliche 35mm-Kopie aus der Zeit ist übrigens technisch auch schlechter aufgelöst als eine Bluray hergibt, aber klar, da kommen dann die anderen technischen Parameter ins Spiel, wo chemischer Film wieder vorne liegt. Ob aber nun Midnight-Movies, die zu ihrer Zeit ja eher unter "B-Movie" liefen, wirklich auf dem besten Equipment gedreht wurden, was es so gab, bezweifle ich auch eher. Aber klar, wenns die Kopie schon gibt, will man sie auch sehen, denn die DVD kann man auch selber bestellen, soweit d'accord.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.