Krallen der Vergangenheit – Harald Reinl Retrospektive

Winnetou und Dr. Mabuse, Edgar-Wallace-Krimis und landschaftsverliebte Heimatfilme: Das deutsche Unterhaltungskino der Nachkriegszeit ist ohne das Werk Harald Reinls nicht denkbar. Ab Freitag widmet das Berliner Zeughauskino dem Regisseur eine große Retrospektive.

Wiederholt war Harald Reinl ein Vorreiter. Mit Bergkristall feierte er 1949 sein Regiedebüt, womit er zum Aufbruch der deutschen Filmlandschaft nach dem Zusammenbruch beitrug. Ein Jahrzehnt später zeichnete er bei Der Frosch mit der Maske verantwortlich, dem ersten Beitrag der lange nicht totzukriegenden Edgar-Wallace-Reihe. Anfang der 1960er brachte er mit Der Teppich des Grauens auch gleich einen der ersten Mockbuster in die Kinos, setzte mit Die unsichtbaren Krallen des Dr. Mabuse in Nachfolge von Fritz Lang die Dr.-Mabuse-Reihe fort, feierte aber vor allem mit Der Schatz im Silbersee seinen größten Erfolg und ließ das Winnetou-Fieber ausbrechen (zu dem er noch vier weitere Filme beitrug). Das deutsche Populärkino nach dem Zweiten Weltkrieg hat Harald Reinl so entscheidend geprägt, dass es ohne ihn kaum denkbar ist.

Stoische Landschaften und die Kämpfe gieriger Menschen

Parallel zu seinem Jurastudium, das er mit der Promotion abschloss, war er als preisgekrönter Skifahrer zum Film gekommen: In Arnold Fancks Stürme über dem Mont Blanc (1930) arbeitete er erstmals als Statist und Stuntman. Die Arbeit mit Fanck war seinem später so verlässlichen Augen für Landschaften sicherlich nicht abträglich. Denn nicht nur seine Heimatfilme erzählte Reinl über Bergpanoramen – Die Prinzessin von St. Wolfgang (1957) ist beispielsweise von Links- und Rechtsschwenks durchzogen, die stetig unsere Perspektive weiten, während die Protagonisten parallel dazu Ständedünkel und Eigensinn ablegen – sondern auch seine deutschen Western.

Er widerstand dabei dem Naheliegenden und machte aus den Winnetou-Filmen keine Heimatfilme mit Indianern, sondern schuf etwas dezent Eigenes. Sobald Winnetou und Co. in ihrem ersten Kinoabenteuer am Silbersee ankommen, stehen sie nämlich in atemberaubenden Landschaften. Doch der idyllische Sehnsuchtsort dient nicht der Beschwörung einer besseren Vergangenheit, sondern bleibt stoischer Hintergrund – eine reglose Kulisse für die Gier und den Kampf der Menschen mit unaufhaltsamen historischen Umbrüchen. Die Landschaft bietet keine Erlösung von einer konfliktreichen Gegenwart, sondern spricht dem endlosen Kampf Hohn, lässt ihn noch kläglicher erscheinen. Am Ende gibt es dann auch keinen Schatz, keine wiederhergestellte Idylle, sondern nur das Bad in einem epochalen Plumpsklo: Der Anführer der Gangster ertrinkt in einem See aus ominöser brauner Soße.

Eine weitere Tugend, die Reinl aus der Vergangenheit des deutschen Kinos übernimmt, ist die Expressivität. Direkt ab Bergkristall bestimmen ausdrucksstarke Schatten und Bildkompositionen sein Werk. Spätestens mit Der Frosch mit der Maske (1959) fand er dann seine eigene, verspielte bis absurde Mischung aus Paranoia-Thriller und Film noir. Dubiose Gesichter, kahle, krallenartige Baumkronen, gotische Schlösser oder dunkle Hintergassen: mit wenigen Bildern war in Reinls Filmen von Abgründen und dunklen Zusammenhängen erzählt, waren Stimmungen gesetzt.

Das albtraumhafte Reich der Vergangenheit

Zu seiner Biographie und seinen Filmen gehört aber auch eine weitere, diesmal finstere Vorreiterrolle: Bereits im Jahr 1930 war Reinl der NSDAP beigetreten. Bei Tiefland arbeitete er dann für seine Förderin Leni Riefenstahl und war als Regieassistent in federführender Rolle daran beteiligt, dass Roma und Sinti als Statisten aus einem KZ geholt und wieder dorthin in ihren sicheren Tod zurückgebracht wurden. Nach dem Krieg erwuchsen ihm daraus jedoch keinerlei Schwierigkeiten. Unbehelligt konnte er seine eigene Regiekarriere forcieren. Diese Umstände lassen es umso dubioser erscheinen, dass Reinl zwei seiner Filme – Solange du lebst (1955), eine Geschichte aus dem spanischen Bürgerkrieg, und Die grünen Teufel von Monte Cassino (1958) – aus der Sicht von Wehrmachtssoldaten erzählt und dass er sich in seinen teuersten und ambitioniertesten Filmen – Die Nibelungen, Teil 1: Siegfried (1966) und Die Nibelungen, Teil 2: Kriemhilds Rache (1967) – eines Stoffes bediente, den sich auch die Nazis angeeignet hatten.

Dennoch ist es kaum zu übersehen, dass die Vergangenheit bei Reinl wie bei kaum einem anderen deutschen Filmemacher immer wieder der Hort von Traumata ist: Sie bleibt vage und tabuisiert, schlägt aber gerade deshalb den Menschen ihre Krallen ins Fleisch. In Die Schlangengrube und das Pendel (1967) versuchte Reinl sich an einem deutschen Hammer-Horror-Film beziehungsweise an einer Edgar-Allen-Poe-Verfilmung im Stile Roger Cormans mit deren prachtvoll-psychedelischen Schreckenswelten. Lex Barker und Karin Dor (Reinls Ehefrau bis 1968, die er heiratete, als sie 16 war und er 46) landen in einem nebligen, albtraumhaften Reich und schließlich in expressiven Folterkammern. Ihr Peiniger ist Graf Regula (Christopher Lee), der sich an ihnen für die Taten ihrer Eltern rächen will. Die Figuren sind hier also Opfer eines geerbten Schicksals. Im Edgar-Wallace-Krimi Zimmer 13 (1964) werden die Protagonisten von den Folgen eines Verbrechens heimgesucht, das 20 Jahre her ist (und somit 1944 stattfand), und landen ebenso in einem absurden Albtraum voll langer Schatten und hypnotisierender Gemälde.

Jeder hat das Zeug zum diabolischen Verbrecher

In Das Stahlnetz des Dr. Mabuse (1961) treten die Deutschen anders als in den Winnetou- und Edgar-Wallace-Filmen nicht als Engländer oder als Wildwest-Helden in Erscheinung, sondern sie sind sie selbst – prompt endet der Film mit dem Bild einer gleichförmigen Masse von Fußgängern. Der ermittelnde Inspektor meint dazu, dass wir uns nun unseren Dr. Mabuse selbst aussuchen können, da jeder dieser Menschen der diabolische Verbrecher und Menschenverführer sein könnte. In Der schweigende Engel (1954) stürzen zwei Geschwister in eine Tragödie, weil aus der Vergangenheit des Bruders ein Verführer wiederkehrt, der die beiden in seinen Zigarettennebel hüllt und sie durch Täuschung ins Unheil treibt. Oder gleich Bergkristall: Ein Wilderer (Franz Eichberger) wähnt sich eines Mordes schuldig. Und weil er sich und seinen Mitmenschen diese Schuld nicht eingesteht, verwandelt sich seine Realität in einen Hort des Grauens und er versinkt im Verfolgungswahn.

Von seinem ersten Film an kreiste Reinls Regiekarriere also um Schuld und Verdrängung, eine Thematik, die in seinem zunächst unbedarft erscheinenden, narrativ stets vorwärtspreschenden Unterhaltungskino umso potenter wiederkehrt. Mit Ende der 1960er Jahre wanderte er langsam ins hintere Glied der Regiezunft. Er drehte den letzten Film der Winnetou-Reihe, die letzten Jerry-Cotton-Filme, übernahm zwei Lümmel-von-der-ersten-Bank-Filme und kehrte schließlich zum Heimatfilm zurück. Der Erfolg ließ nach, aber bis zum Schluss lieferte Reinl Filme, die im Guten wie im Schlechten einfingen, was es bedeutete ein Deutscher in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sein. Und das, obwohl er Österreicher war.

Der Retrospektive findet vom 3. April bis 7. Juni im Berliner Zeughauskino statt. 

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