„Ich muss ihm antworten“: Begegnung mit Alexander Kluge
Ein Film beginnt dort, wo jemand nicht mehr schweigt. Der Regisseur Jean-Pierre Bekolo erinnert sich an ein Treffen mit Alexander Kluge.

Es gibt Begegnungen, die wie Schnitte im Film sind. Man glaubt, sich über Kino zu unterhalten, und plötzlich bricht die Geschichte in den Raum ein.
Ich habe ihn zum letzten Mal in München gesehen, im November vergangenen Jahres. Alexander Kluge hatte mich in seiner Wohnung in der Friedrichstraße empfangen, durch Frank Gessner. Wir sprachen über die Zukunft des Kinos, über das, was ich »Kino ohne Kamera« nenne — die Idee, dass die Kamera heute in fünf Milliarden Händen liegt, in den Smartphones. Sie ist nicht mehr das rare Werkzeug. Die eigentliche Arbeit des Filmemachers findet künftig davor und danach statt: in der Auswahl, der Montage, der Entscheidung.
Der Schnitt
Kluge kannte mein Projekt Der Exodus von Yaoundé. Er hörte mir aufmerksam zu. Dann sagte er plötzlich: »Ich muss ihm antworten.« Ich verstand nicht sofort. Er sprach von meinem Projekt, das den Aufbruch der Deutschen aus Kamerun erzählt. Aber wem wollte er antworten? Die Person, die er meinte, war Karl Ebermaier, der deutsche Gouverneur von Kamerun. Derjenige, der am 8. August 1914 — nur vier Tage nach Kriegsbeginn, am 4. August — die Hinrichtung von Rudolf Duala Manga Bell und Martin-Paul Samba anordnete, zwei kamerunischen Widerstandskämpfern, die gehängt wurden. Kluge fügte hinzu: »Das war nicht nötig.«

Wie selbstverständlich trat er so in ein Gespräch ein mit Ebermaier. Und mit der Geschichte. Mit jener Geschichte des Exodus der deutschen Truppen durch den Urwald, begleitet von vielen Kamerunerinnen und Kamerunern — fast 60.000 Menschen, die zwei Monate lang marschierten, die Kolonie flohen, um das spanische Territorium in Guinea zu erreichen: Obwohl Alexander Kluge im Februar nicht am Salon du Montage teilnehmen konnte, den ich in Berlin unter dem Motto Edit the World veranstaltete, waren wir mittendrin.
Dann kam der Brief. Adressiert an meine Produzentin Kristina Konrad, zur Weiterleitung an die FFA — die deutsche Filmförderung. Kluge sprach sich darin für mein Projekt aus. In seinem Schreiben vom 6. Januar 2026 erwähnte er nicht nur die Qualität des Vorhabens. Er betonte, was ihn faszinierte: die Umkehrung der Machtverhältnisse. »Die Kolonialmacht Deutsches Reich tritt hier nicht als mächtiger Potentat und Okkupator in Erscheinung, sondern am Ende ihrer Herrschaft — quasi ohne den Kolonialherren-Status«, schrieb er. Und er fügte hinzu: »Ich glaube, dass für die Zuschauer eines solchen Films dieser Augenblick, wo die Kolonialmacht gerade nicht mächtig ist, einen neuartigen Blick erlaubt, der über die postkoloniale Debatte hinausweist.«
Kluge begnügte sich nicht damit, Der Exodus von Yaoundé zu unterstützen. Er schlug vor, selbst mit seinen »Minutenfilmen« beizutragen — jenen kurzen Formen, die er erfunden hat, und die unerwartete Konstellationen eröffnen. In einem Gestus der Montage wollte er verbinden, was der offizielle Diskurs getrennt hatte: die Kolonie und das Mutterland, den Henker und seinen Sturz, das deutsche Archiv und die kamerunische Erinnerung.
Kluge antwortete nicht auf meine Erzählung. Er antwortete auf das Bild, das ich ihm entgegenhielt — auf eine Geschichte, die darauf wartet, endlich montiert zu werden.

Diese Antwort ist sein Vermächtnis. Kein Werk, das man betrachtet, sondern eine Methode: der Schnitt als Werkzeug des Überlebens in einer bildgesättigten Welt. Er hinterlässt uns eine Baustelle, kein Testament.
Heute ist die Kamera überall. Aber Filmen allein genügt nicht. Was uns fehlt, ist jemand, der entscheidet — der schneidet, der verbindet, der antwortet. Kluge hat meine Intuition vom »Kino ohne Kamera« bestätigt: Ein Film beginnt nie mit der Kamera. Er beginnt dort, wo jemand nicht mehr schweigt.
Aber er hat mich auch eines gelehrt: Wir antworten außerhalb der Zeit. Wir antworten der Geschichte. Wir antworten den Toten. Dieser Brief, dieses »Ich muss ihm antworten«, galt nicht mir, es galt Karl Ebermaier. Kluge durchquerte einhundertzwölf Jahre, um ihm zu sagen: »Das war nicht nötig.«
Mit wem also werde ich diesen Film machen? Mit Kluge. Mit Ebermaier. Mit Duala Manga Bell und Samba. Mit den sechzigtausend Marschierenden des Exodus.
Jetzt bin ich an der Reihe, über Kluge zu sagen: »Ich muss ihm antworten.«
Jean-Pierre Bekolo ist Filmregisseur und Gründer des Salon du Montage in Berlin.
Die Screenshots stammen aus einem Video von Susanne Schüle, das die Begegnung dokumentiert hat.
























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