Ungeduld des Herzens – Kritik

Frei nach dem gleichnamigen Stefan-Zweig-Roman erzählt Ungeduld des Herzens von der Begegnung zwischen einem Soldaten und einer querschnittsgelähmten jungen Frau. Hinter der scheinbar gefühlvollen Liebesgeschichte verbirgt sich die nuanciert ausgestaltete Charakterstudie einer Kontrollsucht.  

Isaac (Giulio Brizzi) steht mit einem kleinen, in einen Plastiktrichter gehüllten Supermarkt-Blumenstrauß vor ihr und beharrt darauf, dass er den Rollstuhl nicht gesehen hat. Edith (Ladina von Frisching) zeigt sich unbeeindruckt von der Entschuldigungsgeste, mit der er nach dem gestrigen Zwischenfall auf der Bowlingbahn nun zu ihr gekommen ist. Beim koketten Versuch, sie durch eine dennoch ruppige Bewegung dazu zu bringen, eine Partie mit ihm zu spielen, hatte Isaac sie auf den Boden geschleudert. Auf die Frage, ob ihn nur sein schlechtes Gewissen hierhergebracht habe, schaut Isaac zu Boden und beteuert, dass er nicht so jemand sei. Die Frage, welchen Typ Mensch er meint, bleibt unausgesprochen in der Schwebe während ihres zögernd interessierten Blickkontakts.

Isaac ist, wie er Edith später erzählt, Soldat. Er gehört zu einem Hilfsbataillon, das sich in ständigen Kampfübungen und anstrengenden Trainingseinheiten ergeht, aber nie für einen tatsächlichen Einsatz vorgesehen ist. Stattdessen übt er, auch in seiner kahlen Einzimmerwohnung, das Fackeltragen für eine bloß dekorative und dadurch genauso ins Leere laufende Bundeswehrzeremonie. Isaac ist überzeugt davon, dass die Disziplin und die damit einhergehende Selbstoptimierung ihm guttun und seinem bisher ziellosen Leben eine Form und eine Richtung verleihen. Abseits des Trainings trifft er sich mit seiner Soldatengruppe, zu der er eine innige Kameradschaft fühlt, die sich für ihn selbstverständlich aus den geteilten Leidenserfahrungen beim Training und der Leichtigkeit der Männerkabinengespräche ergibt.

Verzerrte Liebe

Die Verbindung zu Edith entwickelt sich dagegen schleichend. Zunächst ist Isaac mehr an ihrer vielbeschäftigten, älteren Schwester Ilona (Livia Matthes) interessiert. Als Edith jedoch beim Betrachten von Isaacs Motorrad ihre Motorcross-Leidenschaft äußert und von ihrem Motorradunfall erzählt, finden die beiden eine Gemeinsamkeit in ihrer Begeisterung für den adrenalinreichen Reiz des gefährlichen Sports. Regisseur und Drehbuchautor Lauro Cress inszeniert ihre Annäherung als halluzinatorischen Sog. Ihre Umgebung wird zu einer unscharfen, verzerrten Masse ineinanderstürzender Objekte, wenn sie miteinander reden oder sich anschauen. Zwischen ihnen entsteht ein Raum des Begehrens.

Doch in diesem Ausblenden der Wirklichkeit kündigt sich bereits das Unheil an. Die Umgebung wirkt immer entfernter und surrealer, der Raum zwischen Isaac und Edith, die trotz ihrer Zweisamkeit fast nie gemeinsam im Bild zu sehen sind, distanziert sie immer weiter voneinander. So wirken sie klein, isoliert und unnahbar. Auch ihr Innenleben bleibt weitestgehend unzugänglich und lässt sich nur durch ihre Handlungen erahnen. In jeder Situation klingt ein destabilisierendes, zunächst noch sphärisches, Unbehagen mit, das sich, gleich der Präsenz des negativen Raumes in den Bildern, immer weiter ausbreitet. Schließlich überwältigt es gänzlich die vormals noch natürlich anmutende Intimität zwischen Isaac und Edith, wie auch die ursprüngliche Freiheit, mit der er sie etwa auf seinem Motorrad auf Spritztouren mitnahm.

Disziplin im luftleeren Raum

Ihre Beziehung kippt in ein Abhängigkeitsverhältnis. Das wird besonders deutlich, als Edith, die ihre Querschnittslähmung nicht als unabänderlich akzeptieren will, von einer experimentellen Stammzellentherapie spricht, von der sie sich die Rückkehr ihres alten Körpergefühls erhofft. Da ihre Familie aufgrund der lebensbedrohlichen Nebenwirkungen gegen diese Prozedur ist, wird Isaac zum primären Befürworter der Haltung Ediths, die zu selbstzerstörerischen Risiken bereit ist. Isaac richtet nun seinen soldatischen Optimierungswillen auf sie. Statt auf ihre später aufkommenden Zweifel an der sie auszehrenden Therapie mit Empathie und Zärtlichkeit zu reagieren, hat er nur einen hohl-manipulativen Satz parat, der ihm nahezu genauso bei seinen Trainingseinheiten entgegengebrüllt wurde: „Ich dachte, du bist eine Kämpferin.“

Dieser Optimierungsdruck Isaacs bildet die Basis seiner Unzufriedenheit und damit den Motor dieser sich langsam ausbreitenden Charakterstudie. Er motiviert ihn mehr als seine etwaige Liebe oder sein Verlangen, die ihn umgebenden Menschen wirklich kennen zu lernen. Durch diesen letztlich egoistischen Zug wird deutlich, dass Isaac den Typus eines – zunächst sympathischen – drifters verkörpert, der sich in andere Lebensverhältnisse einnistet, in der Hoffnung, sich selber damit neu definieren zu können. Seine Beschäftigung mit Ediths Therapie verwandelt sich dabei mehr und mehr in eine tragische, von einer existenziellen Ungeduld getriebene Kontrollsucht, die alles andere verdrängt. Wo etwa zuletzt die Selbstbezogenheit von Kelly Reichardts drifter-Protagonisten in The Mastermind durch die politischen Konflikte seiner Zeit ironisch aufgehoben wurde, findet Ungeduld des Herzens die Pointe seiner Figur in der Leere seiner um sich selbst kreisenden Identitätssuche. Isaacs Kontrollbegehren mündet in Vereinsamung und Rückzug, seine Ungeduld bleibt ungebrochen.    

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