Die Stimme von Hind Rajab – Kritik
Kaouther Ben Hania setzt in Die Stimme von Hind Rajab der Titelfigur, einem 5-jährigen Mädchen, das sich im Gaza-Krieg stundenlang vor Soldaten der israelischen Armee versteckt hielt, ein Denkmal. Der Film ist nicht subtil und will es auch nicht sein.

Die Unterscheidung zwischen Spielfilm und Dokumentarfilm, wie sie in Festivalkatalogen und anderswo häufig getroffen wird, ist müßig. Sie entspringt einem Verlangen nach Ordnung und Übersicht. Plakativ gesprochen wollen wir einfach wissen, ob das, was der Film uns zeigt, der „Realität“ entspringt oder „nur“ erfunden ist. Tatsächlich richtet aber noch der nüchternste Dokumentarfilm die Realität für seine Zwecke zu, insofern er sie inszeniert, was immer auch Entscheidungen gegen andere Bilder und andere Inszenierungsweisen miteinschließt. Ebenso erzeugt jeder Spielfilm dokumentarische Effekte – und wenn er nur nebenbei ein paar Fetzen äußerer Wirklichkeit errettet. Die Filme der Tunesierin Kaouther Ben Hania werden gern als „Hybride“ bezeichnet, weil sie die brüchige Trennung von Fiktion und Dokument durch eine Vermischung der Inszenierungsmodi und Schauspielweisen aktiv herausfordern.
Zwischen den blutigen Leichen der Verwandten
In Olfas Töchter (2023) betrieb Ben Hania dieses Vermischungsspiel mit feinkalibriert-kippeligen Reenactments. Ihr viel diskutierter Nachfolger, Die Stimme von Hind Rajab, der bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, macht seine hybride Agenda von Beginn an transparent. Der Film setzt mit einer Art gattungstechnischen Präambel ein: „Diese Dramatisierung basiert auf wahren Begebenheiten und auf Notrufen, die an jenem Tag aufgezeichnet wurden.“ Der Film stellt etwas nach, das sich zugetragen hat, er „dramatisiert“ etwas, um es narrativ verfügbar und kommunizierbar zu machen. Die „Begebenheit“ wird vielen bekannt sein, die sich während des israelischen Vernichtungskrieges gegen die Zivilbevölkerung Gazas infolge des Hamas-Massakers vom 7. Oktober dem Doomscrolling hingegeben haben. Die Geschichte von Hind Rajab, dem 5-jährigen Mädchen, das sich an „jenem Tag“, dem 29. Januar 2024 in Gaza-Stadt mehrere Stunden lang zwischen den blutigen Leichen ihrer Verwandten in einem Auto vor der israelischen Armee versteckte, während ein Krankenwagen der Hilfsorganisation Roter Halbmond nur 8 Autominuten entfernt bereitstand, ging viral.
Wer hinschauen und -hören wollte (und immun war gegen das auch hierzulande in vermeintlich seriösen Medien wiedergekäute, euphemistische Gerede von „Evakuierungen“ und „humanitären Korridoren“), konnte der systematischen Zerstörung Gazas 24/7 an den Bildschirmen beiwohnen. Hinds Geschichte ist daher kein Sonderfall; sie endete ebenso tödlich wie die Geschichten der 14.000 anderen palästinensischen Kindern, die im Gaza-Krieg getötet wurden. Ben Hania findet in ihr jedoch ein Paradigma für die Kräfteasymmetrie des Krieges: hier die vor Todesangst brüchige Stimme einer 5-Jährigen; dort die Übermacht des israelischen Militärs, die Ohnmacht der Helfer*innen, die Indifferenz des Westens, das zu affizierende Kinopublikum. Die Mitschnitte der Telefonate zwischen Hind und dem in Ramallah ansässigen Team des Roten Halbmonds wurden – noch während Hind im Auto auf Rettung wartete – weltweit geteilt und bilden nun die Keimzelle von Die Stimme von Hind Rajab.
Wut auf das bürokratische Getriebe

Die anfangs annoncierte „Dramatisierung“ des Geschehens ist wörtlich zu verstehen – als theaterhafte Nachstellung, als zugespitztes Kammerspiel in der gläsernen Notrufzentrale des Roten Halbmonds. Der Film folgt der Maßgabe, das Unrecht in Gaza auf eine eindeutige Botschaft herunterzubrechen und ist entsprechend konventionell gebaut. Aus dem Team des Roten Halbmonds werden vier Identifikationsangebote isoliert: Omar (Motaz Malhees) stellt den telefonischen Erstkontakt zu Hind her und weiß seine Emotionen kaum zu zügeln; Rana (Saja Kilani) hat eigentlich schon Feierabend, muss dann aber doch länger bleiben; Mahdi (Amer Hlehel) ist der Chef der Einrichtung und für die Kommunikation mit den internationalen Behörden zuständig, denen er unterstellt, das heißt: unterworfen ist; und schließlich Nisreen (Clara Khoury), die den Mitarbeitenden psychologischen Beistand leistet, wenn eine Rettungsaktion mal nicht erfolgreich „koordiniert“ wurde, was eher Regel als Ausnahme zu sein scheint.
Um ein möglichst breites Publikum auch emotional zu erreichen, greift Die Stimme von Hind Rajab auf Elemente des Melodrams und des Thrillers zurück. Auf dem langen Weg zum letztlich scheiternden Rettungsversuch wird Hoffnung abwechselnd geschöpft und begraben. Ob Hind am Ende am Leben bleibt – daraus bezieht der Film seine durchaus fragwürdige Spannung. Was die Figuren auf der Leinwand fühlen, soll direkt aufs Publikum überspringen. Die Tränen fließen angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage früher oder später bei allen Beteiligten in Großaufnahme. Subtil ist das nicht, subtil will der Film auch nicht sein. Dazwischen mischt sich Wut auf das bürokratische Getriebe, in dem der Rote Halbmond wahrlich das allerkleinste Rädchen ist. Besonders der impulsive Omar wirft seinem Vorgesetzten Mahdi vor, er würde die Rettungsaktion nicht nachdrücklich genug vorantreiben.
Überblendungsmomente

Doch Mahdi sind die Hände gebunden; seine stärkste Waffe ist das Telefon – das Auto, in dem Hind sitzt, wird von Panzern beschossen. Während Omar und Rana versuchen, die Leitung mit Hind aufrechtzuhalten, ist Mahdi mit der „Koordination“ befasst. Bevor ein Krankenwagen zum Tatort geschickt werden darf, muss die Zustimmung verschiedener internationaler Stellen eingeholt werden, nicht zuletzt die des israelischen Militärs. Einmal malt Mahdi eine liegende Acht, das Symbol der Unendlichkeit, an die Scheibe, um (wohl eher dem Publikum als seinen Kolleg*innen) zu veranschaulichen, wie mühsam und unnötig kompliziert die Kommunikationswege bis zum „green light“ sind. Das gestaltet sich didaktisch, legt das systemische Moment der Gewalt gegen die palästinensische Bevölkerung aber doch ziemlich effektiv frei.
Die seifig „dramatisierten“ Elemente des Films stehen in seltsamer Spannung zu seinem rohen dokumentarischen Kern. Das übersteuerte, von Schüssen traktierte Flehen des Mädchens passt schlecht zur Hochglanzoptik des Kammerspiels. Ben Hania sucht Überblendungsmomente, indem sie manchmal die Stimmen der „echten“ Hilfskräfte einspielt, während die Schauspielenden im Bild stumm bleiben. Oder sie montiert Videos, die an jenem Tag in der Notrufzentrale aufgenommen wurden, in die Handy-Bildschirme, als innere Rahmung, die die Aufnahmesituation nachstellen, um die Echtzeit-Bilderproduktion für den politischen Kampf zu reflektieren.
Um Bilder bemüht

Überhaupt fällt auf, dass der Film, obwohl er die Stimme im Titel trägt, sehr wohl um Bilder bemüht ist. Selbst Hinds Stimme wird durch die Darstellung als visualisierte Bildschirmkurve etwas Ikonisches verliehen. Das erinnert an die Wellen am Strand von Gaza, Hinds Lieblingsort, aber auch an ein EKG: Solange die Kurve ausschlägt, ist Hind am Leben. Schließlich integriert Ben Hania weitere Dokumente: Fotos von Hind aus glücklicheren Tagen, die ihr Onkel aus Deutschland dem Roten Halbmond zukommen lässt; in einer Coda ist Hinds Mutter dabei zu sehen, wie sie in die Kamera spricht, wie die Leichen aus den durchlöcherten und demolierten Autos geborgen werden. Auch die beiden ermordeten Sanitäter, Yusuf Zeino und Ahmed Al-Madhoun, deren Krankenwagen das israelische Militär trotz zuvor erteilter Freigabe angriff, würdigt der Abspann mit Bildern.
Als Ben Hania den Film konzipierte, war Hind längst zur Ikone des Gaza-Kriegs geworden. Bei den Demonstrationen an US-Universitäten wurden besetzte Hörsäle nach ihr benannt, der Rapper Macklemore widmete ihr zwei Protestsongs und spendete die Einnahmen an Hilfsorganisationen. Die Absicht hinter Die Stimme von Hind Rajab liegt unmissverständlich darin, diesen aktivistischen Gestus aufzunehmen: Hind ein Denkmal setzen und in den gesellschaftlichen Raum jenseits des Kinos hineinwirken. Der Preis in Venedig (samt Unterstützung von Stars vom Format Joaquin Phoenix, Rooney Mara, Alfonso Cuarón) lässt vermuten, dass dies gelungen ist.
Es dürfte ein schwacher Trost sein. Einer der Mitarbeiter an No Other Land (2024), immerhin Oscar-Preisträger, wurde letztes Jahr von einem israelischen Siedler erschossen. Und auch das Nachleben von Ben Hanias Film hat, wie u.a. Le Monde berichtet, schon für Blutvergießen gesorgt: Bei einer friedlichen Veranstaltung in Solidarität mit palästinensischen Gefangenen an der Birzeit Universität im Westjordanland am 6. Januar sollte auch Die Stimme von Hind Rajab gezeigt werden. Doch noch vor dem Screening stürmten israelische Streitkräfte den Campus und schossen auf die Studierenden, es gab Dutzende Verletzte. Dass Filme, ob fiktional oder dokumentarisch, die Welt verändern, glaubt niemand ernsthaft, schon gar nicht in Palästina.
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