Send Help – Kritik

Ein arroganter Firmen-CEO strandet mit einer Untergebenen auf einer tropischen Insel. Was leicht eine bemühte Satire hätte werden können, verwandelt Regisseur Sam Raimis Send Help in eine lustvolle Erkundung von Identitäten, Körpern und der Faszination des Ekligen.

„Send Hepl“. Noch nicht einmal den Titel des Films, dessen männliche Hauptfigur er ist, kann Bradley Preston (Dylan O’Brien) richtig schreiben, nachdem sein Leben in der rasanten ersten halben Filmstunde gründlich auf den Kopf gestellt wurde. Eben war er noch ein jung-dynamischer Firmen-CEO, dessen Chefzimmer von den neidischen Kollegen im Großraumbüro abgetrennt ist, aber glücklicherweise nur durch eine Glastür, sodass jeder ihn beim Auf-dicke-Hose-Machen beobachten kann. Und jetzt ist er ein Schiff-, beziehungsweise Firmenjetbrüchiger, der auf dem Weg zur „Geschäftsreise“ nach Thailand verunglückt und auf einer tropischen Insel gestrandet ist – mit der grauen Büromaus Linda Liddle (Rachel McAdams) als einziger Gesellschaft.

Die, das merkt er schnell, so „liddle“ gar nicht ist. Im Großraumbüro stand sie, trotz exzellenter Arbeitsleistung, ganz unten in der Hackordnung – keine Chance gegen die Bros, die beim Golfspielen lieber unter sich bleiben, oder auch nur gegen die auf Schlüsselreize setzenden Flittchen, die um die Bros herumwuseln. Die nerdig-übereifrige, hoffnungslos uncoole Linda rackert sich ab, scheint jedoch dazu verdammt zu sein, einsam und erfolglos vor sich hin zu altern. Eine angehende crazy cat lady vielleicht? Nicht ganz, denn zuhause hält sie keine Katze, sondern einen Vogel. Das domestizierte Raubtier ist in Wahrheit sie selbst.

Ein fröhliches Spiel mit gezinkten Karten

Nun also: Chef und underling im bildhübschen Nirgendwo. Wenn der Chef endlich mit schmerzendem Bein aufwacht, hat der auf den zweiten Blick – den sie ihm bislang nie wert war – ziemlich attraktive underling längst eine veritable Palmenhütte gefertigt. Überhaupt geht zumindest ihr alles leicht von der Hand. Auch wenn das Wildschwein, dem Linda wagemutig nachstellt, die Zähne noch so blutrünstig fletscht: ein Survival-Thriller ist Send Help zuallerletzt. 

Die Insel, auf der sich Linda und Bradley miteinander zu arrangieren haben, ist keine Umgebung, die es zu erforschen gilt, sondern ein variabler Möglichkeitsraum, der sich den jeweils aktuellen Bedürfnissen des Drehbuchs anpasst. Wenn es darum geht, Lindas Überlegenheit zu demonstrieren, dann brennt die Tropensonne Bradleys Schädel zu Brei. Wenn die beiden unfreiwilligen Robinsons sich zwischendurch zusammenraufen und gar, lange unvorstellbar, einander Körperwärme spenden sollen, dann sucht ein Unwetter das Eiland heim.

Schließlich gibt es da noch eine hoch aufragende Klippe mitsamt arg engem Fußweg in schwindelerregender Höhe sowie eine Inselrückseite, die man aufgrund garstiger Vegetation keinesfalls betreten darf. Das sagt jedenfalls Linda, der man, das merkt nicht nur Bradley schnell, nicht immer trauen kann. Und es ist nicht nur der ehemalige wandelnde Bürofußabtreter, der lügt, dass sich die Palmwedel biegen: Bradleys Hundeblick, der bald seine demonstrative Arroganz ablöst, ist gleichfalls alles andere als authentisch. Vor allem jedoch ist es der Film selbst, der mit gezinkten Karten spielt und jede Menge Spaß dabei hat. Körper, Karrieren, Lebensläufe: Alles ist form- und veränderbar in Send Help. Insbesondere extreme Großaufnahmen von Gesichtern führen immer wieder aus dem Gefängnis der Selbstidentität hinaus. Man sollte sich den Film außerdem, wenn möglich, in 3D anschauen. Nicht, dass die stereoskopische Technik in sonderlich origineller Manier eingesetzt würde. Aber sie unterstreicht das Cartoonhafte der Figuren wie auch der Welt, durch die sie sich bewegen.

Die Freiheit im Ekligen

Drag Me to Hell heißt einer der schönsten Filme Sam Raimis. Schon der Titel deutet an, dass es in ihm nicht nur um die Hölle geht, sondern auch um ein perverses Genießen derselben. Seit seinem legendären Durchbruchswerk The Evil Dead liebt der Regisseur es, seine Figuren und auch das Filmpublikum in maximal instabile Welten zu verschleppen. Der Reiz seiner Filme besteht freilich nicht zuletzt darin, dass eben diese Figuren, selbst wenn sie zum Beispiel dschungelcampmäßig eklige Käfer verspeisen oder gleichzeitig wiederbelebt und vollgekotzt werden, eher Komplizen des Regisseurs sind als dessen Opfer oder Versuchskaninchen. Gerade im Abjekten blüht bei Raimi infektiöse Lebensfreude auf, seine Figuren schauen auch blut- und kotzverschmiert fast immer so aus, als könnten sie gleich zu grinsen anfangen.

Nicht weiter entfernt könnte Raimi in dieser Hinsicht von einem Arthaus-Sadisten wie Ruben Östlund sein. An dessen Triangle of Sadness erinnert Send Help nur auf den allerersten Blick – und der täuscht immer, wie Bradley auf der Insel schmerzvoll erfahren muss. Klar, ein wenig Geschlechter- und Klassenkampf inszeniert auch Raimi auf seiner Insel, das Büroproletariat nutzt die Gunst der Stunde um sich aufzulehnen, selbst die Möglichkeit einer Kastration steht zwischenzeitig im Raum. Doch auf die ewiggleiche Pointe, dass sich gesellschaftliche Machtstrukturen auch unter Extremsituationen immer wieder aufs Neue reproduzieren, will der Film keineswegs hinaus. Es geht ihm, ganz im Gegenteil, um einen fröhlich-ekligen Ausbruch aus dem Dreieck der Traurigkeit. Ein anderes Leben ist möglich, der Mensch ist nicht das Produkt seiner Umwelt, sondern eine Wundertüte. Raimi scheut sich nicht davor, sie zu öffnen.

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