If Pigeons Turned to Gold – Kritik

Berlinale 2026 – Forum: Die Dokumentarfilmerin Pepa Lubojackis begleitet ihren Bruder durch die Alkoholsucht, ohne ihm helfen zu können. If Pigeons Turned to Gold ist Kino gewordene Überforderung mit einer Situation.

Die Idee ist so spektakulär wie naheliegend: In Pepa Lubojackis If Pigeons Turned to Gold erwachen Familienfotos mithilfe von KI zu unheimlichem Leben. Kindergesichter, in einer fernen Vergangenheit festgehalten und doch auf einmal irritierend präsent; die Lippen bewegen sich und formen Sätze, die Teil der Reflexion dieses Films sind. Sie kommen anfangs daher wie ein Gimmick, bringen aber doch den gesamten Film auf den Punkt: Hier ist alles viel zu nah dran und viel zu weit weg.

Sogar die Toten erwachen

Das ist auch die Tragik der Geschichte, die hier erzählt wird: Viel zu nah dran an ihrem Bruder David ist die Filmemacherin, um ihn aufgeben zu können, auch wenn er es ihr nicht leicht macht, immer wieder auf der Straße landet, mit dem Trinken nicht aufhören kann. Und viel zu weit weg ist sie, um ihm wirklich helfen zu können. Sie holt ihn vor die Kamera, begleitet ihn über mehrere Jahre, filmt seine Aufs und Abs, als könnte sie ihn allein dadurch retten; und doch entzieht er sich immer wieder, verschwindet mehrmals, weist sie ab und jede Hilfe von sich, und so ist Lubojacki gezwungen, ihren Film auszuweiten, andere Dinge in ihn aufzunehmen, auf andere Weise mit dem Alkoholismus des Bruders fertigzuwerden. Und eben auch auf andere filmische Weise: etwa mit Kinderfotos, die zu ihr sprechen.

Sogar die Toten erwachen so zum Leben: der Vater von Pepa und David, der sich bereits zu Tode gesoffen hat. Über die diesen Fotogesichtern in den Mund gelegten Worte begibt Lubojacki sich in ausschweifende Exkurse, über die Dynamik der Sucht und wie wir sie alle in uns tragen, über die Geschichte ihrer Familie, über die Situation der Wohnungslosen in Tschechien. Eingeblendeter Text, mal ganz klein, mal über die ganze Leinwand geworfen, wirft Fragen auf, Fragen, die sich die Filmemacherin selbst stellt, zum Beispiel: Für wen mache ich das hier?

Für wen macht sie das?

Das ist tatsächlich eine Frage, über die ich noch während der Sichtung von If Pigeons Turned to Gold nachdenke. Und doch verwerfe ich meine Zweifel bald: Denn klar gehört auch dieser Film zu einem immer häufiger bespielten Dokumentarfilm-Genre, dem ich auch zunehmend skeptisch gegenüberstehe: der Annäherung an die eigene Familiengeschichte, ihrer filmischen Verarbeitung; eine Entwicklung, die vielleicht analog zum Erfolg von Familien(sozio)biografien im Literaturbetrieb funktioniert. Bei einigen dieser gerade auf Festivals beliebten Filme hatte ich in den letzten Jahren das Gefühl, sie machen es sich ein wenig zu einfach, nutzen eine leicht zugängliche Materialquelle allzu wohlfeil für ein intimes Sujet, in dem Persönliches und Politisches so automatisch verschmelzen, dass man filmisch gar nicht mehr groß nachhelfen muss.

Lubojackis Film ist aber mehr als das, oder vielleicht auch etwas ganz anderes: Er ist Kino gewordene Überforderung mit einer Situation, und sein Zentrum verschiebt sich deshalb auch im Laufe der Zeit vom Bruder zur Schwester, vom Objekt des Films zu seinem Subjekt. If Pigeons Turned to Gold ist kein Film über David und sein Alkoholproblem, sondern über die Situation, unbedingt helfen zu wollen und es nicht zu können, und über all die Dinge, die man tut, um das nicht wahrhaben zu müssen: von quälenden Selbstbefragungen bis zur Idee, ein dokumentarisches Porträt zu machen und dafür Kinderfotografien per KI zu animieren.

Die Tauben dürfen Tauben sein

Natürlich bleibt auch hier ein komisches Gefühl, wenn nach der Premiere die Regisseurin beklatscht und gefeiert wird und vom Bruder nichts zu sehen ist, der ja doch für diesen Erfolg eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Aber diese ethischen Aporien des Dokumentarfilms lassen sich nicht vollständig auflösen. Sie stören mich hier wenig, auch aufgrund der Bewegung, die der Film vollzieht: Am Ende gesteht Pepa sich ein, dass sie ihren Bruder nicht trotz oder wegen, sondern mit seinem Alkoholproblem lieben muss, dass dieser David sich selbst schon ganz gut kennt und die eigene Situation vielleicht besser begreift als sie. Die Tauben, die Pepa noch zu Beginn des Films zu Gold machen will, dürfen Tauben sein. Am Ende steht ein Loslassen, durch das auch David nun jenseits des Films existieren kann und die Rolle des Porträtierten verlassen darf.

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