Prénoms – Kritik
Berlinale 2026 – Forum: Die Regisseurin Nurith Aviv lässt 13 Menschen die Geschichte ihres Vornamens erzählen. Dabei verschreibt sie sich ganz den Porträtierten, nichts lenkt von ihrer Sprache ab. Prénoms ist ein Freundschaftsakt, ein Film wie ein Blumengeschenk.

„A given name is a gift, a choice, a message that can be questioned, interpreted, reinvented all throughout life.“ (Texttafel zu Beginn des Films)
Am Anfang einer jeden Episode sehen wir Bilder einer wackligen Handykamera. Die Filmemacherin und Kamerafrau Nurith Aviv ist damit auf dem Weg zu Pariser Freundinnen und Freunden. In der rechten Hand hält sie das Handy, in der linken einen Blumenstrauß oder eine Topfpflanze – die Farben und Formen variieren, so wie auch die vor die Kamera gesetzten Menschen ganz unterschiedlich sind. Was sie verbindet, ist das strenge, ja zunächst womöglich allzu simpel erscheinende Konzept von Prénoms.
Dreizehn mit Aviv befreundete Menschen sprechen in statischen Halbtotalen inmitten ihrer Wohnungen über ihre Vornamen, darüber, was es für sie bedeutet, ihn zu tragen. Gegebenenfalls auch darüber, was sie bewogen hat, ihn zu ändern, und inwieweit mit diesem Namen Freude und Leid verbunden ist. Das Ganze ist alphabetisch sortiert, einige Buchstaben fehlen dabei. Es sind kleine, entspannt inszenierte Porträts, die nicht nur persönliche Geschichten zeichnen, sondern auch so einiges über die Gegenwart Frankreichs und Europas preisgeben. Und trotz einiger düsterer Episoden, die hierbei zutage kommen: Prénoms ist ein Film wie ein Blumengeschenk. Ein Freundschaftsakt, ein warmer, humaner Film.
Das Schicksal des Namens
Agnès Varda, Chowra Makaremi, Edouard Rosenblatt, Gulya Mirzoeva, Hind Meddeb, Judon Guy, Marc-Alain Ouaknin, Nathalie Bély, Rim Bouhedda, Sarah Lawan Gana, Tewfik Allal, Yue Zhou und Zeynep Jouvenaux. Das sind die Namen derjenigen, die vor die Kamera treten und beim Sprechen über ihren Vornamen häufig auch eine Migrations-, Integrations- oder Verfolgungsgeschichte zu erzählen wissen. Wobei „erzählen“ vielleicht nicht das richtige Wort ist, man könnte performen sagen. Denn auffällig geschliffen, rhetorisch souverän wirken diese Monologe vor der Kamera. Es sind keine spontanen Reden, sondern offensichtlich einstudierte, wenn auch nicht auswendig gelernte Berichte. Warum hat sich Aviv wohl für diese mehr gebaute, semidokumentarische Form entschieden? Vermutlich, da bei einer ansonsten so schlichten Filmform das Reden selbst unbedingt unterhalten und fesseln muss. Und das gelingt Prénoms.
Von persönlichen Reibungen mit dem eigenen Namen bis hin zu Konflikten und Dramen, die diesen tief in die Geschichte des 20. Jahrhunderts einschreiben, ist alles dabei. So fremdelt Hind in Frankreich mit ihrem Namen, wird er doch wegen des „H“ nie richtig ausgesprochen – versöhnt ist sie erst, als sie erfährt, dass eine tolle, emanzipierte Darstellerin des klassischen ägyptischen Kinos, Hind Rostom, ihn ebenso trägt. Vom persischen Namen Chowra führt wiederum eine Linie zu den verratenen Idealen der iranischen Revolution von 1979; anhand des Tarnnamens Edouard fächert sich in den Erzählungen des Namensträgers die Geschichte der Verfolgung europäischer Juden während der Shoah auf. Die Namensänderung von Judith in Judon markiert schließlich die Transition eines Transmanns und jüdischen Aktivisten gegen linken Antisemitismus.
Erfrischend unessayistisch

Vergleichsweise unproblematisch und privat erscheinen demgegenüber die Ausführungen einer in Frankreich und andernorts berühmten Freundin Avivs, mit deren Vornamen man keine großen Konflikte verband. Für Agnès Varda, die eigentlich Arlette mit Vornamen hieß und diesen wohl vor allem aus ästhetischen Gründen hat ändern lassen, spricht stellvertretend die Dokumentaristin eine Art Epitaph. Sie verschränkt es mit Fotografien der verstorbenen Regisseurin. Es ist die einzige Passage des Films, die man als essaydokumentarisch bezeichnen könnte. Ansonsten macht Aviv einen in seiner Reduziertheit souveränen Talking-Heads-Film, den kleine dazwischengeschaltete Blumenstücke sowie die beschriebenen Blumenüberreichungen auflockern.
Mit Blick auf Avivs bisheriges ganz der Sprache und ihrem Aus- und Abdruck in Kultur und Geschichte verschriebenem Œuvre ist diese Form der Inszenierung typisch. Sie will – ich behaupte: origineller- und erfrischenderweise – nicht so recht in die Zeit formexperimenteller und selbstreflexiver Dokumentarfilmströmungen passen. Womöglich ist es gar ironisch, dass ein Film wie Prénoms so „unscheinbar“ daherkommt, handelt es sich bei Nurith Aviv doch um die erste studierte Kamerafrau Frankreichs, die mit ihrer Arbeit in der Vergangenheit viel zur Schönheit von Filmen von Agnès Varda, Ruth Beckermann, Jacques Doillon und anderen beitrug.
Die Kamera im Dienste der Figuren

Unter den engagierten Interviews, die das diesjährige Team des Berlinale-Forums mit den eingeladenen Filmemacher:innen geführt hat und die man online abrufen kann, gibt es auch eins mit der polyglotten Aviv. Hier kommt sie auf die Komplexität von Sprache und Rede zu sprechen – und in Analogie zum Filmemachen: „Wenn du mehrere Sprachen sprichst, bist du permanent am Übersetzen. Ich war Kamerafrau und habe vielleicht 100 Filme für andere gedreht, und ich hatte immer den Eindruck, dass ich die Übersetzerin bin. Ich habe mit den Regisseuren zusammen versucht herauszufinden, was die beste Übersetzung der Filmidee in Bilder ist.“
Man hat den Eindruck, Nurith Aviv macht sich in Prénoms vom bildgestalterischen Übersetzen einer „Idee“, von einem Kameraidealismus, weitgehend frei. Sie lässt andere die Ideen aussprechen, hört wie wir interessiert zu, schaut sich in den festen Bildern um. In ihrem eigenen Werk möchte sie vom Eigensinn der Filmform wenig wissen. Sie kadriert den Bildausschnitt. Sie verschreibt sich ihren Porträtierten. Nichts soll von ihrer Sprache ablenken, zu der eben auch ein ganzer Körper gehört, den man sehen muss, möchte man den redenden Menschen kennen- und verstehen lernen.
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