Eight Bridges – Kritik

Berlinale 2026 – Forum: Eight Bridges macht die titelgebenden Bauwerke zum Sinnbild für die inneren Spannungen der U.S.-Gesellschaft. Das ist formal beeindruckend, doch vermisst man ein wenig die von Regisseur James Benning sonst gewohnte Ironie und Neugier.

Es scheint an der Zeit zu sein, Brücken zu betrachten.“ – James Benning

Der Film eröffnet mit der Golden Gate Bridge im Morgennebel hängend und mit Blick nach San Francisco. Es ist eine monumentale Aufnahme, nahe den verklärenden Sehnsuchtslandschaften der Hudson River School. Die Realität ist etwas nüchterner: Nach etwas Suche auf Google Street View kann man entdecken, dass Benning wohl von der Battery-Spencer Aussichtsplattform filmte. Ein kniehoher Zaun; eine Betonplatte, die zur kahlen Erde führt; daneben Parkplätze. Natur ist hier schon eingenommen, für den menschlichen Gebrauch aufbereitet, vor-ästhetisiert. In Bennings Film hört man Vogelgezwitscher auf dem Soundtrack parallel zu dem Dröhnen des Verkehrs. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass Benning mit diesen piktoralen Elementen spielt. Gleich in der nächsten Einstellung – gezeigt wird die Rio Grande George Bridge – wechselt er die Perspektive, setzt die Brücke parallel zum Horizont ins Bild und beobachtet wie sich Wolkenmassen über das Tal erbrechen und etwas Sonne auskotzen.

Der trügerische Schein demokratischer Gleichberechtigung

Die Seven Mile Bridge erstreckt sich später so lange gen Fluchtpunkt, dass sie in ihn überzulaufen scheint. Benning betont, wie von seinen Filmen gewohnt, die strukturelle Dimension seines Sujets: Was macht eine Brücke zur Brücke? Ein Anfang- und Endpunkt allein kann es nicht sein. Eine bestimmte Funktionalität vielleicht, doch auch diese ist in jedem Fall komplex. Die Seven Mile Bridge besteht in Wahrheit aus zwei separaten Brücken: einer älteren für Fußgänger, einer neueren nur für Fahrzeuge. Dieser Anschein demokratischer Gleichberechtigung entpuppt sich allerdings als falsch: Manche Brücken in Bennings Film sind nur für den Motorverkehr zugängig, andere, wie die High Bridge, wiederum nur für den Eisenbahnverkehr. Benning wechselt mit jeder der konstant zehnminütigen Einstellungen die Perspektive, doch spätestens bei der Dubuque-Wisconsin Bridge setzt ein Gefühl von zärtlicher, konstruktiver Langeweile ein. Das formale Korsett ist zwar stabil genug, um den Film zu tragen, aber man hat den Eindruck, Bennings Blick sei etwas ermüdet, und man vermisst die Neugierde und Ironie, die sich noch durch The United States of America und Maggie’s Farm zog.

Stattdessen setzt eine gewisse Didaktik ein. Alle hier gezeigten Brücken gleichen sich in dem Eindruck innerer Starrheit: Eine Brücke bewegt sich nicht, sondern wird bewegt. Manchmal, wie bei der Edmund Pettus Bridge, geschieht das fast schon beiläufig durch den Lauf der Geschichte. Am 7. März 1965 versuchten hier Demonstrierende im Rahmen der Selma-to-Montgomery-Märsche während der Bürgerrechtsbewegung den Alabama River zu überqueren als sie von Polizisten brutal angegriffen wurden (illustriert u.a. in „March: Book One“ von John Lewis, Andrew Aydin und Nate Powell). Benannt wurde sie nach Edmund Pettus, einem ehemaligen Südstaaten-Offizier, U.S.-Senator und hochrangigen Ku-Klux-Klan Mitglied. Die andere nach einer Person benannte Brücke in Bennings Film ist die George Washington Bridge bei Fort Lee, New Jersey. Es ist diese Frage, die über dem gesamten Film zu schweben scheint: Was sagt es über ein Land aus, dass man seine ganze historische Entwicklung und seine vielfältigen inneren Spannungen in zwei Brücken fassen kann?

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