Crocodile – Kritik

Berlinale 2026 – Forum: Ohne Budget, aber mit viel Leidenschaft dreht das nigerianische Kollektiv „The Critics“ afrofuturistische Sci-Fi-Kurzfilme. Die Doku Crocodile folgt dem Aufstieg der Gruppe und zeigt dabei auch Herausforderungen und Zerwürfnisse, die den Erfolg begleiten.

Godwin braucht noch Blut für eine Szene. Also geht er Chrysanthemen pflücken und braut daraus einen ganzen Topf Tee. Eine Einstellung später quillt das „Blut“ unter einem Menschen hervor und breitet sich auf dem Boden aus. In blau-gelbes Licht getaucht, liegt das Opfer dort und blutet langsam aus. Doch dann tritt Godwin ins Bild, gemeinsam mit einem weiteren Crew-Mitglied, und zieht den quicklebendigen jungen Mann freundschaftlich empor – dessen klitschnasses, vom Tee rot gefärbtes T-Shirt mag hinüber sein, aber die Szene ist im Kasten.

In Hollywood hätte man dafür sicherlich Kunstblut genommen. In Nollywood vermutlich auch, doch auch wenn Godwin und seine Filmcrew in Nigeria aufwachsen, so befinden sie sich doch in Äquidistanz zu diesen beiden Zentren der globalen Filmindustrie. Sie wohnen „in the ghettoest part of town“ der Großstadt Kaduna, wie es an einer Stelle heißt. Dort haben sie vor gut einem Jahrzehnt begonnen, unter dem Namen „The Critics“ mit minimalen Mitteln Sci-Fi-Kurzfilme mit afrofuturistischem Einschlag zu produzieren.

Die mögen zunächst mal trashig aussehen, wenn Laserstrahlen aus Augen schießen, Container durch die Luft schweben oder animierte Blitze aus Pistolen zucken. Doch nach und nach merkt man: Die Jungs haben – im doppelten Sinne – fantastische Bildideen und wissen dank jahrelangem´ Selbststudium genau, wie man Szenen beleuchtet, in mehrere Perspektiven auflöst und dynamisch filmt.

Darth Vader gegen das pinke Lichtschwert

Die neuseeländische Regisseurin Pietra Brettkelly folgt in ihrer Doku Crocodile dieser Gruppe junger Filmemacher über Jahre hinweg. Mit ansteckender Fröhlichkeit nähen die jungen Männer einen Green Screen, reinigen ihre Klamotten per Handwäsche, kochen füreinander und schneiden gemeinsam das in der Wüste, einem Steinbruch oder dem eigenen Stadtviertel gefilmte Material. Wir sehen darin mal einen wild lachenden, nigerianischen Joker durch Kaduna flanieren, mal landen Aliens in Afrika und mal muss Darth Vader es mit einem pinken Lichtschwert aufnehmen, weil das frisch gecastete Schwesterchen eines Crew-Mitglieds auf dieser Farbe besteht.

Anfangs überwiegt das Staunen, was das Kollektiv alles filmisch hinbekommt, obwohl die eigenen Ressourcen extrem begrenzt sind – und wie gut das häufig aussieht. „The Critics“ gleichen den materiellen Mangel durch Leidenschaft, visuelle Kreativität und handwerklichen Fleiß aus. Sie nähen Kostüme, basteln Props, und falls gerade mal wieder Stromausfall ist, wird der portable Generator rausgeholt. Pietra Brettkelly weiß das Filmmaterial dramaturgisch klug und fesselnd zu ordnen, indem sie mit ihren Behind-the-Scenes-Aufnahmen den Werdegang der Gruppe nachzeichnet, diesen dokumentarischen Strang aber immer wieder mit fiktionalen Szenen von „The Critics“ verwebt.

Im Dialog mit J. J. Abrams und Morgan Freeman

Diese Kontraste von Realität und Fiktion könnten ab und zu ruhig noch ein paar mehr Sci-Fi-Bilder von „The Critics“ vertragen, doch auch das Making-of bietet mehr als genug narratives Potenzial: Wir verfolgen den erst langsamen, dann fast kometenhaften Aufstieg der Gruppe, die plötzlich mit Starproduzent J. J. Abrams chattet, für einen Kurzfilm mit Morgan Freeman kooperiert und zum ersten Mal ins Ausland fliegt – für eine Ausstellung ihrer Kurzfilme.

Crocodile geht aber auch auf die Schattenseiten ein: den Stress, den die zunehmende Professionalisierung auf die jungen Männer ausübt, das sich ausbreitende Konkurrenzdenken, die Konflikte mit den Eltern und schließlich einen handfesten Skandal, der die Gruppe von innen zu zersetzen droht. Nebenbei zeigt der Film zudem, wie labil die Sicherheitslage in Nigeria ist – wie Korruption, Polizeigewalt und Terroranschläge den Alltag bestimmen. Nimmt man dann noch die extrem hohe Arbeitslosigkeit Nigerias sowie die weit verbreitete Armut hinzu, ist es kein Wunder, dass die kuriosen Sci-Fi-Kurzfilme von „The Critics“ gern als Möglichkeit zur inneren Flucht genutzt werden und gut ankommen. Wer mehr davon erleben will, kann das auf der Youtube-Seite des Kollektivs tun.

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