Überlebensstrategien im Japan der Nachkriegszeit

Drei Filme von Kawashima Yuzo

Schlaglichter auf ein großes Gesamtwerk: Das Forum enthüllt einen weiteren blinden Fleck der Filmgeschichte und stellt einen der produktivsten japanischen Regisseure mit einer Mini-Retrospektive vor.

Bakumatsu taiyoden  2

Einst war das Forum eine Gegenveranstaltung zur allzu bequemen Berlinale. Mittlerweile ist die Sektion allerdings eher Ergänzung als Antipode. Umso erfreulicher ist es, wenn zumindest auf historischer Ebene ganze Arbeit geleistet wird. In den letzten Jahren hat es sich das Forum zur Aufgabe gemacht, japanische Regisseure, die im Westen weitgehend unbekannt sind, mit einer kleinen Werkschau vorzustellen. Bei den vergangenen Festivals gab es unter anderem die Möglichkeit, das Werk von Yasujiro Shimazu und Minoru Shibuya in glasklaren Kopien kennenzulernen. In diesem Jahr gibt es eine Begegnung mit Kawashima Yuzo.

Die Auswahl ist zugegebenermaßen etwas bescheiden. Lediglich drei Filme aus den 1950er Jahren stehen auf dem Programm, dabei ist Kawashimas zwischen 1944 und 1963 entstandenes Werk mit fast vierzig Filmen durchaus umfangreich. Wie bei Minoru handelt es sich hier um einen Regisseur, der in Dramen und Komödien von den Überlebensstrategien im Japan der Nachkriegszeit erzählt, oder zumindest von einer historischen Epoche, die dieser Zeit ähnelt. Die gezeigten Filme sind klassisches japanisches Erzählkino ohne große Grenzüberschreitungen. Ab und zu lässt sich die herannahende Neue Japanische Welle erahnen. Dabei hat Kawashima eine wichtige Funktion für die folgende Generation an Filmemachern eingenommen. Sowohl Oshima Nagisa als auch Shôhei Imamura waren bei ihm als Assistenten tätig.

Bakumatsu taiyoden  1

Letzterer arbeitete auch am Drehbuch von The Sun in the Last Days of the Shogunate (Bakumatsu taiyoden, 1957) mit. Die anarchisch klamaukige Komödie spielt im Jahr 1862 und ist in den verwinkelten Räumen eines Bordells angesiedelt. Hinter jeder Tür verbergen sich verschiedene Geschichten, die mal für sich funktionieren, mal mit anderen Erzählsträngen korrespondieren. Zwischen zwei in der Hierarchie ganz oben stehenden Prostituierten bricht etwa ein Konkurrenzkampf los, eine Gruppe monarchistischer Samurais möchte Ausländer aus der Gegend vertreiben, ein gewitzter Gauner muss seine Rechnung mit verschiedenen Dienstleistungen abbezahlen und schafft es dabei, jeden hinters Licht zu führen. Dabei funktioniert der Film mehr über einzelne Nummern als über seine Gesamtkonzeption. Was schließlich alle Figuren vereint, ist zum einen ihre Geldgier und zum anderen die unerschöpfliche Kreativität, mit der sie diese befriedigen.

Suzaki Paradise Red Light

Suzaki Paradise: Red Light (Suzaki paradise: Akashingo, 1956) bewegt sich inhaltlich auf ähnlichem Gebiet, ist, was seinen Stil und Erzählton angeht, aber doch ganz anders. Wieder geht es um Figuren, die sich in den Kreisen von Prostitution und Kleinkriminalität aufhalten, wieder müssen sie Wege finden, um über die Runden zu kommen. Doch diesmal ist dabei ein ruhiges, nüchtern inszeniertes Drama herausgekommen. Es beginnt mit einem von finanziellen Nöten geplagten Paar, das an einer Brücke verweilt und nicht weiß wohin. Yoshigi ist resigniert und hat sich in sich selbst zurück gezogen, seine Freundin Tsutue war einmal Prostituierte und hat ihm zuliebe den alten Job aufgegeben. Kurz darauf lassen sie sich in einem Lokal nieder, das neben dem sündigen Vergnügungsviertel Suzaki liegt. Die Grenze soll allerdings nie überschritten werden. Während aber er beginnt, als Essenslieferant für ein Restaurant zu arbeiten, kommt sie als ambitionierte Kellnerin dem Treiben auf der anderen Seite des Flusses immer näher.

 

Suzaki Paradise 3

Suzaki Paradise ist von den im Forum präsentierten Filmen der beeindruckendste und nimmt auch in seiner Heimat eine wichtige Stellung ein. Mit schnörkelloser Inszenierung und ambivalent gezeichneten Figuren erzählt Kawashima davon, dass man sich manchmal von seinen Träumen verabschieden muss. Der Antagonist in dieser Geschichte ist gewissermaßen die Großstadt, an deren Herausforderungen Yoshigi und Tsutue scheitern. Dabei sind sie nicht die Einzigen, denen im Leben nichts geschenkt wird.

Immer wieder schweift Kawashimas Blick zu Nebenfiguren ab, die bei ihrer Suche nach dem Glück ebenso erfolglos bleiben. Sei es die alleinerziehende Osami, die ihren verschollenen Mann zurückbekommt und ebenso schnell wieder verliert, oder Yoshigis jüngere Kollegin, die ein Auge auf ihn geworfen hat und doch zu schüchtern ist, um den ersten Schritt zu wagen. Für eindeutige Schuldzuweisungen sind die Umstände dabei zu komplex. Letztlich scheint sich alles im Kreis zu drehen, und der Film endet an derselben Brücke, wo er auch begann.

 

Between Yesterday and Tomorrow  1

Zwei Jahre zuvor hat Kawashima mit Between Yesterday and Tomorrow (Kinou to asu no aida, 1954) einen Film gedreht, der mit seiner Eingangssequenz – den schiefen Einstellungen und der dissonanten Jazzmusik – schon die Neue Welle vorwegnimmt. Wenig später wird die Inszenierung aber schon sehr viel klassischer. Wieder geht es um einen Protagonisten, der es auf finanziellen Erfolg abgesehen hat. Ein junger Mann verlässt seine Freundin, kündigt seinen Job und gründet mit einem Investor eine Fluglinie. Im Vergleich zu den Helden in den anderen beiden Filmen befindet sich dieser hier in der gesellschaftlichen Hackordnung weiter oben. In einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs steht dem beruflichen Erfolg nichts im Weg. Die Probleme sind dafür anderer Natur.

Between Yesterday and Tomorrow ist im Vergleich zu Suzaki Paradise ein klassisches Melodram. Die Konflikte sind zugespitzter, und ein emotionaler Soundtrack unterstreicht das Dilemma der Figuren. Die Ex-Freundin lässt sich nicht so leicht abspeisen wie gedacht, und zwischen dem Protagonisten und der Frau des Investors flammt eine leidenschaftliche Liebe auf. Mehrmals scheint es Hoffnung für diese Beziehung zu geben, doch dem Genre gemäß ist alles letztlich nicht so einfach, wie es sein könnte.

 

Kawashima erzählt vom beruflichen Aufstieg, der Gründung der Airline und der Organisation mit den eher für komödiantische Einlagen verantwortlichen Angestellten ebenso ausführlich wie von komplexen emotionalen Verstrickungen. Wer im Gegensatz zu den Figuren aus Suzaki Paradise Karriere macht, hat immer noch andere Bürden zu tragen. Between Yesterday and Tomorrow unterscheidet sich ästhetisch deutlich von den beiden späteren Filmen. Während Kawashima dort mit entfernt an Ozu erinnernden, statischen Einstellungen und Schnitten den Raum zerteilt, bedient er sich hier vor allem eleganter Kamerabewegungen.

Ohnehin sind alle drei Filme stilistisch sehr unterschiedlich. Wie repräsentativ dieser Einblick ins Schaffen von Kawashima Yuzo ist, bleibt zunächst noch ein Geheimnis. Zweifellos macht die Auswahl aber Lust auf mehr und lässt darauf hoffen, in Zukunft einmal die Möglichkeit zu haben, Kawashimas Gesamtwerk im Rahmen einer vollständigen Retrospektive kennenzulernen. 

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