Solange es noch etwas zu retten gibt

Die Filmgeschichte verschwindet, wenn nicht schnell gegengesteuert wird. Bei einer Anhörung im Bundestag waren sich einmal alle Experten einig: Analoge Filme müssen analog bewahrt werden. Nur einer will das nicht so recht wahrhaben. Wäre er bloß nicht Präsident des Bundesarchivs.

16mm Filmspule  c  Kyle Perschke

Zu Hause auf dem Fernseher, vom Beamer projiziert, im Kino um die Ecke oder unterwegs auf dem Smartphone: Fast überall sind die Bewegtbilder heute digital. Und doch steht Michael Hollmann auf verlorenem Posten. Nicht nur international, auch in Deutschland hat sich allmählich doch noch die Erkenntnis durchgesetzt, dass es klüger ist, Originale nicht zu zerstören, auch wenn sie nicht digital sind. Klingt logisch, zwingend sogar, wenn man an historische Artefakte denkt, ganz egal welcher Herkunft. Doch so einfach ist es beim Kino nicht. Bis zum Frühjahr, als der politische Druck zu groß wurde, war es im deutschen Bundesarchiv sogar üblich, nach erfolgter Digitalisierung das Originalmaterial alter Zelluloid-Filme zu zerstören.

Am Anfang steht die Kopie

Ein staatliches Archiv zerstört sein eigenes Archivgut? Michael Hollmann, der am Mittwoch als einer von sechs Sachverständigen in den Bundestag eingeladen war, um über die Sicherung des Filmerbes zu sprechen, ist Präsident des Bundesarchivs. In seinem Verantwortungsbereich liegen aktuell etwa 150.000 Filme, bis vor wenigen Jahren fast alle auf analogem Film verbreitet, und doch hält der Archivar es für eine romantische Realitätsverweigerung, an eben diesem analogen Film, also an seinem eigenen Materialschatz, festzuhalten. Der erste Schritt müsse Digitalisierung sein. Eine analoge Sicherung komme für ihn nur infrage, wenn es dafür ausreichend zusätzliche Mittel gebe – prioritär sei das nicht. So absurd und geschichtsvergessen, so enervierend fortschrittshörig, wie das zunächst klingt, ist es allerdings nicht. Hollmanns Haltung ist auch nicht primär damit zu erklären, dass im Bundesarchiv, wie er auf eine etwas populistische Frage hin eingestehen musste, kein einziger Filmwissenschaftler angestellt ist.

Filmprojektoren in Ra  sunda Filmstaden  Stockholm  c  Tekknika museet

Klar, in anderen Kunstgattungen ist es selbstverständlich, das menschgeformte Original, das Gemälde, die Statue oder den handschriftlichen Text, zu bewahren. Doch beim Kino kann es das nicht sein: Es gibt schließlich immer nur Annäherungen an so etwas wie ein Original. Die Vervielfältigung, die Kopie steht am Anfang des Massenmediums. Erst durch die Ausbelichtung haben die Bilder auf der großen Leinwand das Laufen gelernt.

Die Aura des Kinofilms, von der im Bundestag auch die Rede war, geht nicht von einer „ursprünglichen“ Rolle Negativfilm aus. Und doch, und das ist das Paradoxe, Film ist und bleibt mehr als ein Inhalt, der sich ohne große Verluste übertragen ließe auf ein anderes Medium. Die Farben, die Kontraste und natürlich vor allem die Projektion durch eine Filmspule hindurch, sie sind nicht 1:1 digitalisierbar. Die ursprüngliche Aufführpraxis gehört im Gegenteil zur Kunst ganz essenziell dazu. Rainer Rother, Leiter der Deutschen Kinemathek, will deshalb auch unbedingt diese „originäre ästhetische Erfahrung“ erhalten.

Schimmelnde Filmrollen

Acht Stunden sind kein Tag

Was das in der Praxis bedeutet, ist ein riesiger Spagat: Das „Original“ muss bewahrt, umkopiert und in dem Medium erhalten werden, das dem ursprünglichen am nächsten ist – und gleichzeitig gibt es keinen Weg vorbei an der Digitalisierung, denn nur sie garantiert die Zugänglichkeit im heutigen Kinoalltag. Das heißt: Geld muss her, und zwar nicht wenig. Vor allem wenn es darum geht, Filme in hoher und höchster Auflösung, mit genauer Farbabstimmung und Feinjustierung aufzubereiten und manuell zu reinigen, sodass auch vom Charme einstiger Kopien etwas im Digitalen übrig ist.

Juliane Maria Lorenz, Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Foundation, beschreibt sehr anschaulich, was alles damit einhergeht, wenn Filme für die öffentliche Vorführung restauriert werden. Denn die Kosten enden nicht mit der technischen Aufbereitung: Gerade die Rechteklärung ist oft mühselig, wenn sie überhaupt möglich ist. Aber was heißt es für die gesamte Filmgeschichte, wenn es selbst im Fall von Fassbinder-Werken Jahrzehnte dauern kann, bis alles verfügbar ist? Wie wird es dann aussehen um die vielen Produktionen der Filmgeschichte, die heute nicht als Kanon gelten?

Das Ende aus Two Lane Blacktop

Wie dramatisch die Lage ist, hat zumindest die Opposition im Bundestag begriffen. Sicherlich auch, weil sie zumindest vom Prinzip her Geld in ihren Gesetzesentwürfen und Haushaltsplänen ausgeben kann, wie sie mag. Die Linke schreibt in der Ankündigung zur von ihr initiierten Anhörung: „Während der Bundestag seit nahezu zehn Jahren über die Finanzierung diskutiert, werden zeitgleich faktische Sparzwänge für die Archive geschaffen. Zu wenig Personal und Gelder sind Alltag, schimmelnde Filmrollen die anschaulichste Konsequenz dieser Vernachlässigung. In der Diskussion stehen die Abwicklung des letzten nationalen Analog-Kopierwerkes und die alleinige Digitalisierung des Filmerbes. Dafür sind zehn Millionen Euro jährlich im Gespräch. [...] Wie unrealistisch, kurzgedacht und gefährlich dies ist, das werden heute die Sachverständigen darlegen.“

Als wäre noch Zeit für einen Grundkurs

Beginnt man, die Zahlen miteinander zu vergleichen, wird schnell klar, wofür sich die deutsche Filmbranche bei der Bundesregierung bisher einsetzt: Filmförderprogramme von Bund und Ländern summieren sich immerhin auf mehr als 300 Millionen Euro im Jahr, wovon etwa die Hälfte in die Produktion neuer Filme fließt. Die Programme zur Archivierung allerdings belaufen sich, wenn man einmal die institutionelle Förderung ausnimmt, nicht auf ein Zehntel, nein, auf ein Hundertstel (!) des Topfes. Unterdessen rotten die Filme dahin, ist wenig in der Breite verfügbar, schließen die letzten Kopierwerke, auch die vom Bundesarchiv, und es wird noch immer debattiert, als wäre noch Zeit für einen Grundkurs.

Irgendwie ist es schon sympathisch, wenn der Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion immer wieder nachfragt, was es mit den Qualitäten analogen Films auf sich hat. Er will es offenbar ganz genau wissen. Andererseits: Der für Film zuständige Mandatsträger der Konservativen ist erst gar nicht gekommen. Die Sachverständigen im Kulturausschuss machten ihrer Ungeduld an diesem Mittwoch nur sachte Luft. Warum diese nicht längst in Wut umgeschlagen ist, obwohl die Bundesregierung das Thema Jahr um Jahr verschleppt, ist das eigentliche Mysterium.

Der Text ist in einer kürzeren Fassung zuerst in der Berliner Zeitung erschienen.

Fotos:
Filmspule 16mm: Kyle Perschke / Flickr
Filmprojektoren in Råsunda Filmstaden: Tekknika museet /Flickr
Acht Stunden sind kein Tag wird aktuell restauriert von der Rainer Werner Fassbinder Foundation
Two Lane Blacktop zeigt das Verbrennen eines analogen Films

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