Locarno 2013: Sehtagebuch (2)

Ein paar Tage, ein paar Filme. Notizen zu den Filmen, die ich in Locarno sah.


What Now? Remind Me (E Agora? Lembra-me; Regie: Joaquim Pinto, Portugal 2013)

Bevor ich den Film sehe, wurde er mir bereits dreifach empfohlen. Im Kino lauter Leute, die mit Bedacht auswählen, welche Vorführungen sie besuchen. Ein Saal, bei dem die Sitze viel zu steil angeordnet sind. Der Regisseur spricht vorher, ich höre nur den Teil, dass wir jetzt sein Gesicht kennen und gleich viel davon sehen würden. Zweieinhalb Stunden mehr oder minder Egoperspektive – wenn er nicht selbst filmt, dann erschließt die Kamera seine Weltsicht, sein Empfinden. Ausgangssituation: Er ist Toningenieur beim Film, schwul, hat HIV und Hepatitis C. Vorbildlich, wie er den Film nutzt, um daraus Memoiren zu machen, die sich zwar für sein (Gesundheits-)Schicksal interessieren (er nimmt experimentelle Medikamente), aber gleichzeitig und noch mehr auf seinen Blick abzielt, sein Erkenntnisinteresse, seine Aufmerksamkeit gegenüber dem Umfeld, Portugals Finanzkrise, Begegnungen mit Künstlern, Hunden, der Natur … E Agora? Lembra-me ist kein schöner Film, zum Teil ungelenk, aber so reichhaltig und engagiert, dass er zu den bedeutendsten Werken des heurigen Wettbewerbs zählt.

 

Short Term 12 (Regie: Destin Cretton; USA 2013)

Zu einem anderen Zeitpunkt würde mich das Zuckersüße dieses Films über zwei hochengagierte und begabte Jugendarbeiter in einem Heim zur Weißglut treiben. In diesem Augenblick aber kann ich mich vollkommen darauf einlassen. Auch weil ich die beiden Hauptdarsteller gerne sehe und höre: John Gallagher Jr., den ich nur aus Aaron Sorkins Serie The Newsroom (seit 2012) kenne, hat eine tolle, wummernde Stimme, er spricht aus der Kehle. Brie Larson hat etwas Eigenes, das ich noch nicht ganz auszumachen weiß. Googles Autovervollständigung schlägt vor, ich solle nach Brie Larson + feet suchen. Das unterlasse ich mal.

 

Une autre vie (Regie: Emmanuel Mouret; Frankreich 2013)

Emmanuel Mouret ist ein im besten Sinne hinterlistiger Regisseur. Er macht Komödien, die ihren eigenen Beschreibungen zuwiderlaufen. Stets führt jemand etwas im Schilde, ein doppelter Boden taucht auf. Schön auch, dass die Dekonstruktion – hier: eines Melodrams – nicht zum Selbstzweck geriert. Und dennoch: Aus Une autre vie werde ich nicht schlau. Selten komisch, das Dramatische ist fast gänzlich unglaubwürdig, und wenn am Schluss das psychologisch Eindeutige immer stärker auf die Schippe genommen wird, habe ich fast schon aufgegeben, den Film zu durchblicken. Mir gelingt es schlicht nicht, die zeitweilige Ironie zusammenzubringen mit der Mühe, die Mouret in die zeitlose Eleganz, die teilweise sehr ernste Nähe zum Pilcher-Fernsehen steckt.

 

Manakamana (Regie: Stephanie Spray, Pacho Velez; Nepal, USA 2013)

Menschen in der Seilbahn, hinauf zum Manakamana-Tempel und hinunter, ohne Schnitt. Über den nepalesischen Dschungel hinweg. Die Gondeln brauchen lange für den Weg, zunächst wird kaum gesprochen. Später wird das kleinste Detail zum Ereignis. Zwei Frauen dabei zuzusehen, wie sie daran scheitern, Eis zu essen, ohne zu kleckern, wird zum affektiven Höhepunkt. Ich kann mich nicht entscheiden, was ich vom offensiv Falschen der Montage halten soll: Wenn die Gondel in der Station ankommt, wird im Schwarzen geschnitten. Es wird aber nur formal, nicht inhaltlich Kontinuität hergestellt, denn wir landen immer wieder unten, erst später einmal oben. Das Ethnografische des Ansatzes scheint mir durch dieses Spielerische des Schnittes konterkariert. Besser aber freilich als Illusionismus. Produziert haben den Film die Regisseure von Leviathan, Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel.

 

The Strange Colour of Your Body’s Tears (L’Étrange Couleur des larmes de ton corps; Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani; Belgien, Frankreich, Luxemburg 2013)

Fetisch ist gut. Die Regisseure von Amer verstehen es, aus dem Horror den Fetisch zu extrahieren. Warum sich aber darauf versteifen, Männer ins Zentrum zu rücken, wenn man sie wiederum nicht fetischisieren mag, sondern nur ihre Ängste vor dem Weiblichen? Viel Mystery, viel Wiederholung, wenig Sinnlichkeit.

 

Die Nacht vor der Hochzeit (The Philadelphia Story; Regie: George Cukor; USA 1940)

Noch bin ich nicht überzeugt davon, dass George Cukor ein Filmemacher mit einer eigenen Handschrift ist. Zu zurückhaltend sein Stil, die Auflösung stets im Dienste des Spiels und der Story. Das ändert aber nichts daran, dass es ungeheuren Spaß macht, eine Screwball-Komödie wie The Philadelphia Story auf der großen Leinwand zu sehen. Die Arbeit von Regisseuren mit ihren Schauspielern wird ohnehin zu selten gewürdigt. Hier sticht sie in die Augen. Im Ensemble blühen Katharine Hepburn, James Stewart und Cary Grant auf. Jeder darf eine ihm eigene Präsenz und Energie entwickeln, mal stoßen sie zusammen, dann unterstützen sie sich und finden wieder eine je neue Bahn.

 

Rich and Famous (Regie: George Cukor; USA 1981)

Die letzten Zweifel an Cukor verfliegen beim Anblick dieses Spätwerkes. Episch sein Zeitverständnis, majestätisch seine melodramatische Kraft. Zwei Freundinnen ringen mit sich, mit ihren Erwartungen vom Leben, von der Karriere, voneinander. Cukor paart inszenatorische Wucht mit Nonchalance. Beglückend.

 

Story of My Death (Historia de la meva mort; Regie: Albert Serra; Spanien, Frankreich 2013)

Albert Serra, Casanova und Dracula. Das Blut strömt, die Frauen erliegen den Männern, die Welt ist fern. Ein etwas anderer Kostümfilm.

 

The Stone (Regie: Se-rae Cho; Südkorea 2013)

Die Regeln des Brettspiels Go, um das sich hier alles dreht, würden mich einmal interessieren. Dieser tumbe Gangsterfilm konnte mich keine halbe Stunde halten.

 

The Ugly One (Regie: Eric Baudelaire; Frankreich 2013)

Gibt es Ex-Terroristen? Oder lässt sich das „Ex“ bei einer solch existenziellen Dimension der eigenen Übergabe an das höhere Ziel nicht denken? Denkanstöße bietet The Ugly One viele, trotz und wegen seiner überfordernden Struktur. In Erinnerung wird eine Szene am Tisch bleiben, die zunächst recht erwartbar Spannungen zwischen verschiedenen (Ex-)Terroristen durchdekliniert. Doch dann schildert einer der Gäste ihre gemeinsame Geschichte, lässt Traum und Wirklichkeit ineinander übergehen, bis alle wissen wollen, wie es ausgeht.

 

B-52 (Regie: Hartmut Bitomsky; Deutschland, USA, Schweiz, 2001)

Ein Bomber der Superlative. Zwei Stimmen, die einander antworten. Interviews. Immer wieder knapp vorbei am Dokumentarfilm, die Freiheit des Essayisten breitet sich langsam, verhalten aus. Umso nachhaltiger drängen sich die Fragen nach Sinn und Zukunft, nach Verwertbarkeit des Militärischen ins Bewusstsein. Das ehrliche Interesse und die Neugier des Filmemachers übertragen sich auf mich. B-52 stillt nicht meine Bedürfnisse nach dem Verstehen, sondern weckt sie.

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