Dreileben – Filme in Korrespondenz (2)

Christoph Hochhäusler beginnt bald mit dem Schnitt, Christian Petzold dreht nur noch wenige Tage, Dominik Graf hat gerade mit den Dreharbeiten begonnen. Zweiter Teil der Setreportage.

TEIL 2: DOMINIK GRAF DREHT „KOMM MIR NICHT NACH“

Hotel Oberhof

Die Nebel sind noch dichter geworden in den vergangenen zwei Wochen. Und das Projekt Dreileben ist noch tiefer in den Wald vorgedrungen: In dem 815 Meter hoch gelegenen Wintersportzentrum Oberhof überragt das TREFF Hotel die dunklen Nadelwälder des Thüringer Walds – ein fünfzehnstöckiger Betonbau, der an eine doppelte Skisprungschanze erinnert. Hier oben ist der Herbst schon angekommen und pfeift mit kaltem Wind durch das Geäst. Die Minigolfbahnen im Hotelgarten sind schon nicht mehr in Betrieb.

Das TREFF Hotel ist ein weiteres Motiv, das in allen drei Filmen des Gemeinschaftsprojekts von Hochhäusler, Graf und Petzold auftauchen wird. Heute kreuzen sich hier daher abermals die Wege der Filmemacher: Eine Stunde hat die Presse Zeit für Fragen, danach geht es sofort mit den Dreharbeiten weiter. Bei Hochhäusler stehen nur noch zwei Arbeitstage in Berlin an, Petzold dreht bereits seit zwei Wochen, und Graf wird heute seine erste Einstellung filmen – mit den Hauptdarstellern Luna Mijovic und Jakob Matschenz seines Kollegen Christian Petzold, deren Geschichte sich in besagtem Hotel mit der Geschichte von Grafs Hauptdarstellerin Jeanette Hain überschneidet.

Graf und Petzold

Eine Liebesszene zwischen Zimmermädchen und Zivildienstleistendem dreht Petzold hier im Zimmer 624. Die Tür ihres Zimmers steht offen, als Grafs Hauptfigur, eine Polizeipsychologin, den Korridor hinuntergeht. Sie späht in das offen stehende Zimmer, eben so wie Dominik Grafs Film hier in den von Christian Petzold späht. Hochhäusler beschreibt diese Überschneidungsmomente zwischen den Filmen als eigenartig, weil „hier die Größe der fiktionalen Glocke bemerkbar wird. Auf einmal taucht da eine Figur eines anderen Films im eigenen auf.“

Als die Aufnahmeleiterin, die heute aus logistischen Gründen für Dominik Graf arbeitet, das Team zu einer Probe aufruft, wie sie es vom Regiekollegen Petzold gewohnt ist, murrt der bayerische Routinier nur, dass er keine Probe braucht, sondern gleich drehen will. Nach nur zwei Takes sitzt die Einstellung.

Korridor Oberhof

Wenn man die drei Regisseure dazu befragt, wie sie sich selbst in dieser Dreiergruppe einordnen, dann weisen alle drei vor allem auf den Umstand hin, dass Dominik Graf zehn Jahre älter als Christian Petzold und zwanzig Jahre älter als Christoph Hochhäusler ist. Aus filmgeschichtlicher Perspektive kann man hier schon beinahe von drei Generationen sprechen. Zumindest kommt Dominik Graf aus einem anderen Filmemacherhintergrund als die beiden Berliner Regisseure, deren Werke er bei all ihrer „Übersichtlichkeit“ dafür schätzt, dass sie einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Filmlandschaft der 1990er Jahre markiert haben: „Den dringenden Aufruf der Vertreter der Berliner Schule, die Mittel wieder bewusst zu überdenken und nahezu zu der Askese von den Lumière-Brüdern zurückzukehren, indem sie darüber nachdenken, dass jeder Zentimeter der Kamera nach links oder rechts etwas anderes bedeuten kann, das fand ich in der Mitte der 1990er Jahre schon sehr wichtig!“ Christoph Hochhäusler betont bei der Frage nach den Unterschieden in der Arbeitsweise der drei Regisseure, dass Petzold bereits seit Monaten sehr gewissenhaft und mit zahlreichen Skizzen seine Dreharbeiten vorbereitet habe, während der „handwerklich größte Routinier“ Dominik Graf – der in der Tat erst im Frühsommer seinen neuen Polizeiruf abgedreht hat – seine Filme „so raushaut.“

Graf mit Darstellern

Dass alle drei überhaupt die Möglichkeit bekommen haben, im gleichen Sommer und sogar mit zeitlicher Überschneidung ihre Filme zu drehen, das ist auf die Struktur der ARD zurückzuführen. Bettina Reitz, Noch-Fernsehspielchefin des BR und designierte Chefin der degeto, erläutert bei der Pressekonferenz in Oberhof: „Die ARD hat den großen Vorteil, dass wir uns diese Trilogie tatsächlich auch mit drei Partnern aufteilen konnten, sodass jeder von uns einen Film finanziert. Ob ein Sender alleine alle drei Filme hätte finanzieren können, das ist doch sehr fraglich.“ Ganz abgesehen von der intelligenten Finanzierung des Projekts aus den drei Partnerquellen BR, WDR und ARD degeto, ist das Fernsehen für Dreileben vielleicht ohnehin der bessere Partner. Ob sich ein Kinoverleih für die drei 90-Minüter finden wird, ist momentan noch unsicher. Für gleich drei Filme Pressearbeit betreiben zu müssen und Filmkopien herstellen zu lassen, das ist im ohnehin überfrachteten Kinomarkt ein schwieriges Vorhaben. Florian Koerner von Gustorf, der auch diesen Film von Christian Petzold für Schramm Film produziert, sieht für eine Kinoauswertung gute Chancen, wenn sie sich vom normalen Programm absetzt und beispielsweise in ausgewählten Kinos von 18 bis 0 Uhr alle drei Filme hintereinander zeigt. Ob es Dreileben auf diese Weise in die Kinos schafft, bleibt abzuwarten. Bettina Brokemper, Christoph Hochhäuslers Produzentin von Heimatfilm, versichert jedoch: „Wir behandeln jeden Film wie einen Kinofilm. Egal, ob wir den für das Fernsehen drehen oder für das Kino. Es ändert sich höchstens das Aufnahmeformat, aber der Anspruch und die Herangehensweise an das Werk ändern sich ja nicht.“

Das bessere Kino im Fernsehen? Dominik Graf, der bereits Anfang des Jahres mit seinem epischen Mehrteiler Im Angesicht des Verbrechens neue Horizonte in der deutschen Fernsehlandschaft auslotete, ist davon überzeugt: „Es ist wieder so ein Projekt, von dem ich das Gefühl habe, dass nur das Fernsehen dazu in der Lage ist, wirklich moderne Darreichungsformen von Film herzustellen. Die Frage ist immer, ob es das nutzt. Das Kino ist dagegen inzwischen eher der konventionellere Kunstraum geworden.“

Graf sichtet Muster

Wie unkonventionell das auf der ARD voraussichtlich in drei aufeinanderfolgenden Wochen ausgestrahlte Projekt Dreileben am Ende sein wird, darüber kann im Moment nur spekuliert werden. Fest steht jedoch, dass bei den Dreharbeiten eine ganz eigenartige und überaus filmische Spannung in der Luft liegt. Denn selbst für einen außenstehenden Besucher endet das Filmset und die hier inszenierte Geschichte bei diesem Projekt nicht hinter der Markierung. Der fiktionale Raum, den Dreileben aufmacht, ist größer. Es sind eben drei Geschichten und drei Wahrheiten.

In der kommenden Woche folgt ein Bericht von den Dreharbeiten von Christian Petzold.

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