Die fragwürdige Neubesetzung der dffb-Direktion

Eine rückdatierte Bewerbung von Produzent Ralph Schwingel soll retten, was nicht mehr zu retten ist: In einem undemokratisch und ungeschickt umgesetzten Bewerbungsprozedere offenbart der Berliner Senatskanzleichef Björn Böhning sein Unvermögen, für die Berliner Filmhochschule eine neue Direktion zu finden, die ihr gerecht wird.

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Seit Sommer 2014 steht fest, dass die dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) eine neue Direktion erhält. Der frühere Direktor Jan Schütte, der 2010 bereits in einem höchst umstrittenen Bewerbungsprozess eingesetzt wurde, hatte Ende September vorzeitig seinen Vertrag beendet, um eine Position in den USA anzunehmen. Eine zwischenzeitlich eingesetzte Findungskommission, an der Studenten- und Dozentenvertreter unter Auflage der Geheimhaltung beteiligt waren, hatte im November ihre Arbeit eingestellt und, weil sie sich nicht einig werden konnte, zwei Kandidaten der entscheidenden Instanz, dem Kuratorium der dffb, zur Wahl vorgestellt: die langjährige Dozentin und Kamerafrau Sophie Maintigneux und den österreichischen Fernsehregisseur Julian Pölsler. Seitdem steht eine Entscheidung aus. Zwar tagte das Kuratorium, aber ohne ein Ergebnis zu kommunizieren. Als die Studierenden den nun vollends intransparenten Prozess bemängelten, ließ ihnen der Senatskanzleichef Björn Böhning, der auch dem Kuratorium der dffb vorsitzt, via Tagesspiegel ausrichten: „Ob es für die dffb hilfreich ist, interne Auseinandersetzungen an die Öffentlichkeit zu tragen, möchte ich bezweifeln.“

Ein nicht-öffentlicher Vorgang

Seither waren die Akademie-Vertreter von der Neubesetzung ausgeschlossen. Am vergangenen Sonntag hat die Studentenvertretung der dffb nun bekanntgegeben, dass ihr ein neuer Wunschkandidat vorgestellt wurde: der ehemalige Produzent Ralph Schwingel. Laut den Berichten der Studierenden handelt es sich um das Ergebnis einer Hinterzimmer-Politik, für deren Ergebnis der dffb-Produktionsdozent Peter Rommel im Treffen mit Böhning, der Studentenvertreterin Katinka Narjes und dem Dozentenvertreter Markus Nechleba warb. Rommel und Böhning argumentierten, die Studierenden sollten nun offen sein für diesen neuen Kandidaten, der zuvor nicht in der Findungskommission vorgestellt wurde. Pikantes Detail: Peter Rommel hatte sich ursprünglich als stimmberechtigter Dozentenvertreter für die im Herbst tagende Findungskommission beworben, war aber Markus Nechleba unterlegen. Die nun nachgereichte Bewerbung trägt laut Auskunft von Studierenden- und Dozentenvertretern ein Datum im Herbst, vor Ende der Ausschreibung.

Ob damit nun das ursprüngliche Ergebnis der Findungskommission rückwirkend revidiert werden soll, ist noch unklar. Auch, ob die Besetzung nun unter Umgehung der Kommission stattfinden soll. Laut übereinstimmenden Berichten könnte das Kuratorium bereits diesen Freitag sein Einverständnis für die Bestellung von Schwingel geben. Teil des Problems ist der Sonderstatus der Filmhochschule, die als gemeinnützige GmbH geführt wird und deren höchstes Organ ein Kuratorium ist, das vom Senat eingesetzt wird und dessen jeweilige konkrete Zusammenstellung nicht öffentlich bekannt ist. Bekannt ist lediglich, dass es aus sechs Mitgliedern und sechs Stellvertretern besteht: Mitglieder sind – neben dem Vorsitzenden Böhning – Iris Brockmann (Senatsverwaltung für Finanzen), Eberhard Junkersdorf (Produzent und Ehrenpräsident des FFA-Verwaltungsrats), Kirsten Niehuus (Geschäftsführerin Medienboard Berlin-Brandenburg), Claudia Nothelle (RBB-Programmdirektorin) und Claudia Tronnier (Redaktionsleiterin ZDF Kleines Fernsehspiel). Die Liste der Stellvertreter ist nicht öffentlich einsehbar. Laut mir vorliegenden Informationen gehören dazu: Martin Bachmann (Geschäftsführer Sony Pictures Filmverleih),Thomas Geyer (Produzent) und Regina Ziegler (Produzentin) sowie mindestens zwei Vertreter der Senatsverwaltung. Wer letztlich in den Kuratoriumssitzungen anwesend ist und abstimmt, wird nicht kommuniziert. So oder so spricht die Liste für sich.

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Politisch sind die Probleme bei der Neubesetzung der Direktion, einer immerhin mit 135.000 Euro im Jahr gut dotierten Stelle, vor allem damit zu erklären, dass der Berliner Senat bemüht ist, den Vorgang nicht-öffentlich zu halten. Das lässt sich nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Besetzung des Regisseurs Jan Schütte erklären, der 2010 vom Kuratorium als Direktor bestellt wurde, obwohl er zuvor von einer gemeinsamen Berufungskommission des Senats mit der Universität der Künste abgelehnt worden war und bei der Abstimmung durch die Studierenden sehr schlecht abgeschnitten hatte. Als sich abgezeichnet hatte, dass keine Einigung mit der UdK möglich sein würde, entschied sich das Kuratorium zu einem Alleingang unter Ausschluss der Studierenden. Das sorgte für nachhaltige Konflikte, nicht zuletzt weil der so gewählte Direktor Schütte sich dazu entschloss, die drittelparitätische Organisationsstruktur der Schule im Akademischen Rat – bei dem Direktion, Mitarbeiter und Studierende gemeinsam unter anderem über Lehrinhalte beraten – abzuschaffen.

Größtmögliche Wachstums- und Beschäftigungseffekte

Gleichzeitig handelt es sich bei der aktuellen Kontroverse natürlich auch um einen Richtungsstreit. Die Akademie verstand sich bis dato vornehmlich als Labor und als Freiraum. Neben der Berliner Schule ist sie noch für viele weitere Strömungen und verschiedene filmische Handschriften bekannt und hat stets die Idee propagiert, dass sich künstlerischer Ausdruck nicht vornehmlich vom (Fernseh-)Markt her denken lässt. Sie ist heute in Deutschland vielleicht die letzte große Filmhochschule, bei der nicht die Marktorientierung im Fokus der Lehre steht (spätestens seitdem die ehemalige HFF Konrad Wolf keine Filmhochschule mehr ist und zur Filmuniversität mutiert ist). Unter Jan Schütte wurde diese Position allerdings bereits merklich aufgeweicht. Von Senatskanzleichef Böhning ist als Filmpolitiker nicht allzu viel bekannt, aber das scheint sich nach und nach zu ändern. Erst Anfang Februar hat Böhning in einer Rede auf dem „Deutschen Produzententag“ bei der Berlinale seine schwer fassbare Idee einer filmindustriellen Wende in der Förderpolitik vorgetragen: Diese müsse sich „danach richten, dass die größtmöglichen Wachstums- und Beschäftigungseffekte erzielt werden.“ Über Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus wird berichtet, dass sie beim Empfang der Filmhochschulen auf der Berlinale davon gesprochen haben soll, sich auf ihrem Schreibtisch mehr Drehbücher wie die der Filme von Til Schweiger zu wünschen. Böhning und Niehuus sind im Twitter-Feed von Böhning auf einem Foto zu sehen, wie sie in Hollywood aus Anlass der Oscar-Verleihung die Erfolge des Studios Babelsberg feiern, das an der Produktion von Wes Andersons’ Grand Budapest Hotel beteiligt war.

Til Schweigers Erfolgsrezept

Filmhaus Potsdamer Platz

Ob Ralph Schwingel nun als Kompromisskandidat die Situation entschärfen könnte, bleibt abzuwarten. Dozentenvertreter haben zumindest bereits verlauten lassen, dass sie sich den Kandidaten anhören wollen, wenn er sich – womöglich noch vor Ostern – der Akademie präsentieren sollte. Interessanterweise war Schwingel 2005 in einer ähnlich kontroversen Neubesetzung der Leitung der Filmabteilung der Hamburg Media School als Favorit der Studenten- und Dozentenschaft ins Rennen gegangen. Ihm wurde dann von der dortigen Kommission die Produzentin von Fernsehserien wie Bella Block, Katharina Trebitsch, vorgezogen, die das Amt aber nach nur zwei Jahren wieder abgab. Ralph Schwingel steht für einen recht weiten Begriff von Arthouse etwa als Produzent von Fatih Akins ersten vier Spielfilmen (bis dieser auch international bekannt wurde mit Gegen die Wand (2004), hat viele sehr belanglose, vor allem mittelmäßige bis schlechte Filme produziert, aber immer wieder auch sehr interessante Projekte unterstützt. Zudem steht er selbstverständlich auch für eine dezidierte Marktorientierung. Im Internet zu finden ist ein kurzer Auszug aus einer Rede, in der er sich selbst als neidisch auf Til Schweigers Erfolgsrezept präsentiert. Das dürfte in der Senatskanzlei sehr gut ankommen und insbesondere der Filmförderungs-Konzeption der Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus in die Hände spielen, die 2011 die kompletten Restmittel (immerhin 1,2 Millionen Euro) der Filmförderung Til Schweiger für Schutzengel (2012) zur Verfügung stellte. Seitdem hat sich manches getan, denn 2014 gehen immerhin nur knapp 70 Prozent der Restmittel an Fuck you Goethe 2 (die korrekte Schreibweise ist mir die Verrenkung, die das Medienboard affirmativ in seiner infantilen Pressemitteilung doppelt, nicht wert). Da versteht man auch, wieso sie den Studierenden der verschiedenen Filmhochschulen Deutschlands auf dem genannten Berlinale-Empfang empfohlen haben soll, nach dem Studium nicht nach Berlin zu kommen.

Kommentare zu „Die fragwürdige Neubesetzung der dffb-Direktion“


ule

zum kotzen: Das Prekariat übernimmt


Reini Urban

"Till, ich beneide dich, ich versuche zu lernen."
Was gut ankommt, muss ja gut sein.

Da es ja kaum schlechter werden kann, hoffen wir mal, dass er manches von der dffb lernen kann. Vielleicht sogar umgekehrt.






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