„Sich von allen Bildern befreien“

Interview mit Luc und Jean-Pierre Dardenne zu L’enfant

Es ist die höchste Auszeichnung Frankreichs im Filmbereich, nach den Oscars vielleicht gar die höchste der Welt – wenn sie nicht gerade für politische Zwecke missbraucht wird, wie es im letzten Jahr Quentin Tarantino gelang, der mit der Belohnung Michael Moores Pamphletes Fahrenheit 9/11 gegen den amerikanischen Präsidenten Stimmung machen wollte. Dieses Jahr ging es ganz anders zu in Cannes. Die goldene Palme erhielten die bescheidenen, stillen Dardenne-Brüder, die mit ihren scheinbar „kleinen“ Filmen einen direkten Zugang zu ihren Protagonisten bieten. Nun läuft L’enfant in unseren Kinos an. Wir trafen auf dem Filmfest München, wo der Film deutsche Premiere feierte, die Regisseure zum Interview.

critic.de: Es heißt, bei Ihren letzten Dreharbeiten sei Ihnen eine Frau aufgefallen, die Sie zu der Geschichte von L’enfant inspiriert habe.
Luc Dardenne: Inspiriert ist vielleicht etwas zuviel gesagt. Es hat eher mit etwas zusammengepasst, das wir gerade planten. Wenn wir ein Drehbuch vorbereiten, dann diskutieren wir sehr viel. Wir haben immer Dinge, Geschichten, Figuren, Situationen, die wiederkehren. Und einmal haben wir über die Geschichte eines verkauften Kindes gesprochen, aber es war nicht unbedingt der Vater der sein Kind verkaufte, es konnte auch die Mutter sein, oder die Grosseltern. Und als wir darüber sprachen, haben wir uns daran erinnert, dass es während dem Dreh von Le Fils [Der Sohn, 2002, A.d.R.] diese Frau gab, die mit ihrem Kinderwagen spazieren ging, und einem Baby darin, das wahrscheinlich schlief, zumindest haben wir es nie gehört. Die Frau schob den Kinderwagen auf solch aggressive Weise, dass wir uns gedacht haben, sie scheint vor dem Baby flüchten zu wollen. So haben wir wieder über diese Frau gesprochen und ich glaube, das ist der Grund dafür, dass wir den Kinderwagen in den Film eingebaut haben. Und als wir von der Frau gesprochen haben, kamen wir natürlich auf das Baby zu sprechen und auf den, der gewissermaßen in dem Bild gefehlt hat, also der junge Mann, der Vater des Kindes und ihr Freund, den sie vielleicht gerade suchte. Dieses Bild von jemandem, der die Straße mit einem Kinderwagen entlang geht, und auch, dass man das Gefühl haben konnte, dass da gar kein Kind drin liegt, wie mit Bruno im Film. Das ist ein Bild, das uns interessiert hat und im Laufe von vielen Gesprächen zum Drehbuch geführt hat.

critic.de: L’enfant zeichnet sich durch eine sehr direkte, pure Sicht auf die Protagonisten aus. Wie gehen Sie vor, um dies zu erlangen?
Jean-Pierre Dardenne: Wir versuchen sehr einfach zu sein. Sehen sie, wenn man dreht und versucht so einfach wie möglich zu sein, dann ist es manchmal schwierig, sich von allem zu trennen, durch das man im Schlamm kleben bleibt, und wirklich zu versuchen, so simpel wie möglich zu sein. Ein sitzender Mann und hinter ihm eine Wand. So. Das ist so etwas Einfaches. Deswegen arbeiten wir viel mit Abschichtungen, in verschiedenen Stadien unserer Arbeit, entfernen wir viele Dinge. Es ist sehr selten, dass wir während dem Dreh oder bei der Überarbeitung des Drehbuchs etwas hinzufügen. Es ist eher das Gegenteil. Das ist die allgemeine Bewegung, um zu einem gewissen Zeitpunkt dort anzugelangen, dass wir sagen, das ist es jetzt und wir gehen zu etwas anderem über.

critic.de: Sie haben jeweils Philosophie und Angewandte Theaterwissenschaften studiert. Wie sind Sie zum Filmemachen gekommen?
J.-P. D.: Ich habe an einer Theaterhochschule studiert und hatte in meinem letzten Studienjahr Armand Gatti zum Professor, ein französischer Theaterschriftsteller und -regisseur, der auch in Deutschland gearbeitet hat. Ich habe nach dem Studium weiter mit ihm als Assistent zusammengearbeitet und mein Bruder ist bei einer der Kreationen, die wir mit ihm gemacht haben, zu uns gestoßen. Wir haben Gatti vor allem geholfen, zugesehen und beobachtet, wie er arbeitet. Er hat ein Video-Team kommen lassen. Das war noch ganz in den Anfängen, in den 70er Jahren, als Video noch nicht verbreitet war. Es gab Videokameras und ein Aufnahmeband, das sich in einem kleinen Koffer drehte. Es hat uns interessiert, dem Team bei der Arbeit zuzusehen und als Gatti nach Frankreich zurückgekehrt ist, haben mein Bruder und ich uns überlegt, wir könnten uns doch auch so ein Videogerät kaufen und damit arbeiten. Und wenn wir in Arbeiterviertel gingen, könnten wir Portraits der Leute machen, die es den Menschen vielleicht ermöglichen würden, das dachten wir, den Menschen die nicht mit einander sprechen, dass sie sich bei Vorführungen dieser Videobänder, die wir organisieren würden, kennen lernen. So haben wir angefangen. Ich habe meine Schule abgeschlossen und mein Bruder sein Philosophie-Studium fortgeführt.

critic.de: Denken Sie, dass ihr Philosophie-Studium Ihre heutige Arbeit beeinflusst hat?
L. D.: Das ist schwierig zu sagen. Es gibt natürlich Verbindungen mit Philosophen wie Emmanuel Lévinas und dem, was er über das Bild und das Gesicht geschrieben hat, aber auch die Weise wie er Kunst als Karikatur kritisiert hat. Als Karikatur des Lebens, die es verhindert an das Leben heranzukommen. Das sind Dinge über die ich mit Jean-Pierre geredet habe und ich glaube schon, dass es nährt. Aber man muss aufpassen; wir versuchen, wenn wir einen Film vorbereiten, ein Maximum im Film zu sein, in der Materie und nicht mit einer Idee zu kommen – diesen falschen guten Ideen, wie man sagt. Das sind komplizierte Bezüge, es gibt sie, aber ich versuche sie nicht zu sehr zu erklären und explizit zu machen, es nicht zu sehr zu theoretisieren, es eher in den Verben zu lassen. Ich glaube, wie der Dichter Henri Michaux sagte, der Künstler ist nicht Herr in seinem Haus, ich glaube er sollte vor allem auch nicht glauben er könnte es sein. Man muss bescheiden bleiben. Es gibt immer Räume, die man nie betreten wird und die man dennoch sein lassen muss.

critic.de: Haben Sie Vorlieben, was die Schauspieler betrifft, mit denen Sie arbeiten oder arbeiten möchten? Müssen sie eine bestimmte Beziehung zur Kamera haben?
L. D.: Die Schauspieler und Schauspielerinnen mit denen wir arbeiten haben alle eines gemeinsam. Sie müssen in der Lage sein neutral zu sein, wenn sie spielen. Sie werden sagen, alle großen Schauspieler können das. Das stimmt fast. Das ist es, worum wir die Schauspieler bitten, in der Lage zu sein einfach vor der Kamera zu sein, ohne anzufangen die Lippen zu bewegen, die Augenbrauen, die Augen, den Blick, den Nacken. Und wenn wir das spüren, dass der Schauspieler, ob professionell oder nicht, es schafft das alles sein zu lassen, um einfach da zu sein, dann sagen wir uns, den müssen wir halten. Wir kennen aber natürlich auch welche, die das können und mit denen wir nie gearbeitet haben. Selbstverständlich ist es auch die Frage, ob sie gut sind oder nicht. Dann spielt auch das Physische eine Rolle. Es gibt einfach manche Physis, die nicht passt, und es gibt auch noch andere Gründe. Aber die wichtigste Qualität, die der Schauspieler haben muss, ist in der Lage zu sein, sich von allen Bildern, die um ihn herumschwirren zu befreien, um zu sein.

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