Weiter als der Mond
Dieser außerordentlich anspruchsvolle und mehrfach preisgekrönte Kinderfilm folgt den Erlebnissen der neunjährigen Caro in einem holländischen Dorf der späten 60er Jahre.

Im Holland der späten 60er Jahre lebt die neunjährige Caro (Neeltje de Vree) mit ihren Eltern und vier Geschwistern in einem kleinen Dorf. Die sozialen Umwälzungen der Zeit haben den kleinen Ort bislang allenfalls gestreift. Eine reichlich fremde Welt tut sich da auf, in der sich der Riss zwischen der von Religiosität und Traditionen bestimmten Vergangenheit und einer veränderten Zukunft nur ganz langsam und in Andeutungen sichtbar wird. Caro, die sich sehr ernsthaft auf ihre Erstkommunion vorbereitet, fragt sich, ob Gott wohl die bevorstehende Mondlandung zulassen wird – und wo sich denn dann der Himmel und das Paradies befänden?
Weiter als der Mond – der Titel ist zugleich Antwort auf diese Frage – bleibt aber nicht bei diesen eher metaphysischen Schwierigkeiten stehen: Caros eigentliche Probleme sind sehr diesseitiger Natur. Ihr Vater Mees (Huub Stapel) ist Alkoholiker, ihm gelingt es nicht, obwohl er dies seiner Frau Ita (Johanna ter Steege) und Caro mehrfach verspricht, auf das Trinken zu verzichten. Seine Schweinezucht wirft zudem kaum genug Geld ab, um die Familie zu ernähren.

Immer wieder scheint sich Mees’ Verhalten zu bessern, immer wieder wird es unerträglich, wenn er sich wieder betrunken hat. Huub Stapel erweist sich dabei als präziser Charakterdarsteller, der seiner Figur große Komplexität verleiht; seine Figur wird, trotz aller Fehler, in Weiter als der Mond nicht einfach als Alkoholiker diskreditiert. Im typischen Auf und Ab einer Alkoholismus-Erkrankung wird nicht nur deutlich, wie Mees zum Trinker geworden ist, er zeigt sich auch als liebevoller und sorgender Vater, dem es nicht gelingt, über seinen eigenen Schatten zu springen. Wie sehr dies Caro zusetzt, wird spätestens dann deutlich, wenn sie zu ihrer Tante Connie (Anneke Blok) flieht oder sich beim Überqueren der Straße und im Schwimmbad in Lebensgefahr bringt.
Der Film bleibt sehr dicht an den Erlebnissen Caros und ihrer Wahrnehmung der Welt; es ist zuallererst die außerordentliche Leistung Neeltje de Vrees, die die zunehmende Entfremdung Caros von ihrem Vater und ihre Enttäuschung über sein Verhalten spürbar macht. Während Weiter als der Mond so einerseits ein einfühlsames und bemerkenswert ehrliches Portrait eines Kindes ist, das seine Kindheit hinter sich zu lassen beginnt, gelingt ihm außerdem eine klare Studie der späten 60er Jahre auf dem Land – einer Welt, in der die Pille, John Lennon und Jassir Arafat zwar vorkommen, aber nur als fremdartige, fast außerirdisch anmutende Bilder und Zeichen aus einer fernen Welt.

Der inzwischen mehrfach preisgekrönte Kinderfilm Weiter als der Mond von Regisseur Stijn Coninx, der zuvor insbesondere mit dem auch für einen Oscar nominierten Film Daens (1993) über den ‚Arbeiter-Priester’ Adolf Daens aufgefallen war, ist bemerkenswert und erfreulich anspruchsvoll. Auf anschließende Nachfragen der jüngeren Zuschauer – freigegeben ist der Film ab 12 Jahren – sollte man sich, nicht zuletzt aufgrund des fast schon schockierenden Schlusses, durchaus gefasst machen.
Filmkritik von Rochus Wolff
Veröffentlicht am 10.05.2005
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Film-Angaben
Titel: Weiter als der Mond
Originaltitel: Verder dan de Maan
Niederlande, Belgien, Deutschland, Dänemark 2003
Laufzeit: 99 Minuten
Regie: Stijn Coninx
Drehbuch: Jacqueline Epskamp
Produktion: Els Vandevorst, Ineke van Wierst
Darsteller: Neeltje de Vree, Johanna Ter Steege, Huub Stapel, Nyk Runia, Yannic Pieters, Anneke Blok
Kinostart: 12.05.2005
Copyright Weiter als der Mond
Fotos: © Movienet Film
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