Water Lilies
Mit strengen Wasserchoreografien, deprimierenden Partys und einem liebeskranken Mädchen, das im Müll seiner Angebeteten wühlt, inszeniert Céline Sciamma einen hypnotischen Trip über die schmerzhafte Erfahrung unerwiderter Liebe.
Coming-of-Age beschreibt im Englischen den Übergang vom Kind zum Erwachsenen und ist zugleich eine Genrebezeichnung für Bücher und Filme, die sich mit den Schwierigkeiten des Heranwachsens auseinandersetzen. Neben der formelhaften Weise, mit der die Probleme der Adoleszenz in vielen amerikanischen Teeniefilmen behandelt werden, setzen sich Independent- und Arthouse-Produktionen meist ernsthafter und differenzierter mit diesem Thema auseinander. Zu letzteren lässt sich auch der Debütfilm Water Lilies (Naissance des pieuvres) zählen, in dem die französische Regisseurin Céline Sciamma anhand einer unerfüllten Liebe eine klassische Coming-of-Age-Geschichte erzählt.
Mittelpunkt der Handlung ist die fünfzehnjährige Marie (Pauline Acquart), ein stilles, unscheinbares Mädchen, dessen einzige Freundin die infantil trottelige Anne (Louise Blachère) ist. Bei einer Schulaufführung der Synchronschwimmtruppe verliebt sich Marie in Floriane (Adèle Haenel), den Star der Mannschaft. Als es Marie nach einigen Anlaufschwierigkeiten gelingt, sich mit dem unnahbaren Mädchen anzufreunden, sie von dieser zunächst aber nur ausgenutzt wird, entwickelt sich zwischen den beiden eine seltsame Freundschaft, die immer wieder von erotischen Spannungen bestimmt wird. In Florianes Müll sucht Marie nach Reliquien, auf die sie ihre Sehnsucht projizieren kann, und ist gleichzeitig unfähig, der Freundin ihre Liebe zu gestehen. Diese ist ohnehin mehr mit dem Schwimmer François (Warren Jacquin) beschäftigt.
Wenn von der ersten Liebe gesprochen wird, ist damit meist ein positiv besetzter Initiationsritus in eine neue Welt gemeint. Water Lilies entzaubert diesen romantisch verklärten Mythos und zeigt die erste Liebe als das, was sie auch sein kann: eine komplizierte und schmerzhafte Erfahrung. Jugend ist für Sciamma vor allem ein Zustand der Melancholie und der Überforderung von den eigenen Emotionen. So ernüchternd wie diese Einsicht ist die Inszenierung in Water Lilies aber keineswegs. Mit ätherischen Gitarrenklängen, unwirklichen Bildern von zuckenden Körpern unter Wasser und schwermütigen, mit Eurodance untermalten Partyszenen, in denen die Figuren um Liebe und Anerkennung ringen, inszeniert Sciamma Jugend als träumerisches Übergangsstadium zur Realität des Erwachsenseins.
Auch wenn der Film einen beobachtenden Standpunkt einnimmt und nicht die Perspektive Maries, wirkt es durch die schwerelose, tranceartige Stimmung so, als inszeniere Sciamma ihre subjektive Wahrnehmung. Gerade in der Behandlung des Grundkonflikts zeigt sich auch die Subtilität, mit der Sciamma ihre Geschichte erzählt, denn Maries unerfüllte Liebe zu Floriane wird den gesamten Film über nur auf nonverbaler Ebene behandelt. Die Befindlichkeit der Protagonistin wird ausschließlich über zaghafte Gesten der Annäherung, Verzweiflungstaten und filmische Stilisierungen vermittelt, die allesamt Maries Emotionen sinnlich erfahrbar machen.
Die introvertierte Marie, die attraktive, als Schlampe verschriene Floriane und die übergewichtige Anne, deren Tollpatschigkeit für eine Reihe von Witzen herhalten muss, scheinen zu Beginn durchaus den Stereotypen eines Teeniefilms zu entsprechen. Doch Sciamma versieht ihre Figuren mit zahlreichen Ecken und Kanten und zeigt ihre Abgründe, wodurch die Mädchen zu vielschichtigen Charakteren werden. Diese Komplexität und Sciammas stets sympathisierender Blick sorgen dafür, dass selbst Anne davor verschont bleibt, in der undankbaren Rolle des Pausenclowns zu verharren. Im Laufe der Handlung zeigt sich dann, dass die Mädchen gar nicht so unterschiedlich sind, wie zunächst angenommen. Innerhalb ihres Umfelds nehmen alle drei eine Außenseiterposition ein, auch wenn jede von ihnen anders mit dieser Rolle umgeht.
Water Lilies beschränkt nicht nur sein Handlungsgerüst auf das Wesentliche, auch der Blick auf die drei Figuren ist unheimlich fokussiert. Die Kamera folgt ganz den jugendlichen Heldinnen und lässt dabei Erwachsene wie Eltern oder Lehrer völlig außen vor. Keine äußeren Einflüsse lenken vom konzentriert beobachteten Beziehungsgeflecht der Mädchen ab, woraus eine in sich geschlossene Welt mit eigenen Regeln entsteht. Durch diese Reduktion auf das Elementare bleibt die Geschichte letztlich auch nicht an das Alter oder Geschlecht der Figuren gekoppelt, sondern wird zur universellen Erzählung über die Sehnsucht nach Liebe und den daraus resultierenden Enttäuschungen.
Filmkritik von Michael Kienzl
Veröffentlicht am 19.06.2008
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Film-Angaben
Titel: Water Lilies
Originaltitel: Naissance des pieuvres
Frankreich 2007
Laufzeit: 80 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Céline Sciamma
Drehbuch: Céline Sciamma
Produktion: Bénédicte Couvreur, Jérôme Dopffer
Bildgestaltung: Crystel Fournier
Montage: Julien Lacheray
Musik: Jean-Baptiste de Laubier
Darsteller: Pauline Acquart, Louise Blachère, Adèle Haenel, Warren Jacquin
Kinostart: 03.07.2008
Copyright Water Lilies
Fotos: © Pro-Fun Media
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