Utopians

Utopians ist eine bedrückende Charakterstudie von drei Individuen auf der Suche nach sich selbst.

Utopians 1

Roger (Jim Fletcher) leitet eine Yoga-Gruppe, deren bereits geringe Teilnehmerzahl noch zu schwinden droht. Er predigt die innere Selbstfindung, die ihm selbst nicht gelingt. Er kommt zu spät, wirkt unkonzentriert und ist daher keine führende oder zumindest begleitende Instanz. Das Prinzip seiner Figur besteht aus ihrem Selbstwiderspruch. Maya (Lauren Hind) wird uns in ähnlich paradoxen wie auch kunstvoll arrangierten Bildern näher gebracht. Die ehemals Schizophrene balanciert auf dem kalten Geländereiner Nervenklinik; durch die raumhohen Fenster scheint das Sonnenlicht direkt in die Linse der Kamera, blendet uns, prophezeit uns den bevorstehenden Ausbruch aus der Isolation. Maya gilt als geheilt und darf zurück in die Freiheit, unter Menschen. Die dritte Person ist die soeben aus dem Irak zurückgekehrte Soldatin Zoe (Courtney Webster). Sie ist noch jung und hitzköpfig, und ihr Krieg ist längst nicht zu Ende. Zuerst „rettet“ sie – noch in Uniform – ihre Freundin Maya aus der Psychoanstalt, nur um später mit der Alltagswelt brutal zu kollidieren. So ist es gerade der hilfsbereite Roger, den sie wie aus einem Reflex fast umbringt.

An dieser Stelle bedient Utopians eindeutige, stimmungsdefinierende Charakterbilder: Unkontrollierbarkeit, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit. Diesen Bildern werden aber keine Gegenentwürfe beigetragen, die es dem Betrachter ermöglichen würden, in Schemata oder Mustern zu sehen. Die Charaktere stehen für sich selbst. Dies gibt dem Film jedoch seine spezifische Anziehungskraft, er zieht den Zuschauer mitten in sich hinein und konfrontiert ihn direkt mit seinen Figuren.

Utopians 2

Roger ist noch der Greifbarste des Dreigestirns, ihm wird auch als Einzigem ein Gegenpart, verkörpert durch einen anderen, erfolgreicheren Yoga-Lehrer, zugestanden. Er bringt Zoe und Maya dazu, mit ihm einen kurzen Teil seines Lebens zu gehen. Eine Campingtour im Wald, ein Renovierungsauftrag in einem Landhaus – Roger trotzt seinem Mangel an Führungsqualität und muss schließlich doch scheitern. Maya ist drogenabhängig, das weiß auch er. Gegenüber der affektiven Zoe, die jenes Problem ignoriert, vermag er sich aber nicht durchzusetzen. Die Gruppe will in ihrem Zusammenkommen ihre Stärke beweisen, zerbricht aber bereits früh an dem Eigenwillen der Individuen.

Utopians bietet Ansätze, die häufig nicht weiter ausgeführt werden. Der vibrierende Score von Harvey Valdez schwebt stimmungsvoll, häufig aber zu selbstbezogen, sodass er von den Bildern ablenkt. Metaphern wie das sorgfältige Schälen eines Apfels oder das Abschmirgeln von Holz sollen zweifelsohne das Abblättern eines äußeren Schutzmantels symbolisieren, bis der Kern („die Maserung“, wie Roger es nennt) als wahres Inneres sichtbar wird. Ob dieses Innere nun die menschliche Psyche oder aber möglicherweise das Herz als Sinnbild der Nächstenliebe sein soll, lässt der Film unbeantwortet. Auch in ihrer Aussage relevante Kunstwerke von Jack Warren (Oblique Narrative, 2007) und besonders Tom Fruin (Lightbox Head, 1997 und Lilian Wald Houses, 2005) finden Eingang in die Komposition der Filmbilder, allerdings bleibt ihr Kontextbezug fragwürdig, stehen sie doch genauso wie die Hauptfiguren fast ausschließlich für sich und lassen sich nicht in die Erzählstruktur einbetten.

Utopians 3

Diese baut – und das nicht gänzlich reizlos – fast ausschließlich auf Momentaufnahmen auf. Wir sehen die Protagonisten beispielsweise bei einer plötzlichen Autofahrt und erkennen erst viel später, dass sie jemanden verfolgen. Utopians zeigt dem Betrachter häufig vereinzelte Bilder und Sequenzen, die gerade wegen ihrer starken Figurenbezogenheit nur schwer zu einer Geschichte zusammengesetzt werden können. Bevor wir das Beziehungsgeflecht von Roger, Maya und Zoe verstehen, haben die Figuren bereits eigene Emotionen durchlebt, die wir im Moment der Darbietung aber noch nicht mitfühlen können. Die vielen Brüche in Form von Schwarzblenden untermauern diese Zusammenhaltlosigkeit. Eine Stringenz, gar eine Logik wird verhindert. Vielmehr werden die einzelnen Protagonisten auf ihrer Odyssee sporadisch porträtiert, mal vereint in der Gruppe, mal losgelöst von ihr und in selbst definierter Richtung. Ihnen auf ihrem Weg zu folgen, führt beim Zuschauer dann schon des Öfteren zur völligen Desorientierung. Aber das ist wohl so beabsichtigt.

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