Transfer

Bin das ich oder ist das nur mein Körper? Damir Lukacevic verhandelt in seinem philosophischen Science-Fiction-Film komplexe Themen wie Identität und Ausbeutung.

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Die christlich-abendländische Kultur hat den Geist stets über den Körper gestellt. Bei Platon ist Letzterer bloß eine Hülle, ja ein Gefängnis der Seele. Entscheidenden Teilen des Christentum ging es darum, die Bedürfnisse des Körpers zu überwinden, in sinnlicher Askese alle Konzentration auf Gott zu lenken und sich für das (notwendige) Scheitern dieses Versuchs physisch oder psychisch zu kasteien. Doch kann ein Individuum allein über sein Inneres definiert werden? Macht nicht auch unser Äußeres, mit dem wir die Welt erfahren, einen entscheidenden Teil unserer Identität aus?

Diesen philosophischen Fragen nähert sich das deutsche Science-Fiction-Drama Transfer, indem es eine Welt in der nahen Zukunft zeigt, in der es möglich ist, den eigenen Geist in einen anderen Körper zu übertragen.

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Regisseur Damir Lukacevic spitzt seine filmische Diskussion der Identitätsfrage politisch zu, indem er sie mit dem Problem der Nord-Süd-Ausbeutung verbindet. In Transfer werden junge, frische Körper als käufliche Objekte gehandelt: In Katalogen bieten sich vor allem Afrikaner ihren wohlhabenden, zumeist weißen Kunden aus der westlichen Welt an, um durch den Erlös ihre verarmten Familien zu unterstützen. Das reiche Rentnerpaar Hermann (Hans-Michael Rehberg) und Anna (Ingrid Andree) steht kurz davor, die soziale Notlage von Apolain (B.J. Britt) und Sarah (Regine Nehy) auszunutzen, um ihre längst vergangene Jugend wiederzuerlangen und den Beschränkungen des Alters zu entkommen. Anna zögert, wird von Zweifeln und Skrupeln geplagt – bis sie einen Herzinfarkt erleidet.

Nach dem Transfer erfreuen sich die beiden an der wieder gewonnenen Gesundheit sowie der erneuerten Freude an Sex und Sport. Nur die Zurückweisung durch den eigenen Hund und einige Freunde, die im verjüngten, schwarzen Paar Fremde sehen, trübt das Glück etwas. Zudem erfahren die Senioren in ihren jugendlichen Körpern rasch, wie sehr sie von ihren Wirten abhängig sind. Laut Vertrag dürfen Apolain und Sarah nachts vier Stunden lang ihre Körper bewohnen – während Hermann und Anna schlafen, schleichen die zwei Fremden durch die Villa. Was, wenn sie die nicht mehr ihnen gehörenden Körper nachts verletzten?

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Als Anna/Sarah schließlich schwanger wird und sich zu dem Problem der Identitätsvermischung noch die Frage gesellt, wessen Kind da heranwächst, wird die Situation immer dramatischer. Apolain und Sarah suchen nach einem Weg zurück in ihre Körper, während Hermann und Anna sich überlegen müssen, ob sie die neuen Gefäße ihrer Existenz behalten und ihre alten Körper verbrennen lassen wollen. Interessant ist dabei, wie Regisseur Lukacevic scheinbar feststehende Rollenzuschreibungen immer mehr veruneindeutigt. Aus den weißen Ausbeutern werden Aktivisten, die sich für das Wohl der Hinterbliebenen Apolains und Sarahs sowie für Immigranten allgemein einsetzen. Der anfangs etwas plakativ dargestellte Rassismus Hermanns verwandelt sich über die Auseinandersetzung mit seinem Wirt in Verständnis für und Identifikation mit Apolain. Aus Anna und Sarah scheint ein gemeinsames „Wir“ zu entstehen, nachdem die zwei Frauen beginnen, über ein Tagebuch miteinander zu kommunizieren. Und so wird auch für den Zuschauer immer unklarer, wessen Geist da jeweils in dem gerade sichtbaren Körper steckt.

Überhaupt fordert Transfer seine Zuschauer geistig heraus: Nicht nur gilt es, im realen Körper eines Schauspielers eine fiktive Figur zu imaginieren, sondern hier wird das Spiel mit der Fantasie einen Schritt weiter getrieben, wenn im selben Körper je nach Szene unterschiedliche Charaktere stecken. Zwischendurch lässt Lukacevic auch immer wieder Hans-Michael Rehberg und Ingrid Andree auftreten.

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Mit dieser Vermischung zweier Persönlichkeiten in einem Körper spielt der Film immer wieder gern, so zum Beispiel, wenn in einer Sepia-farbenen Sequenz Erinnerungen von Hermann und Apolain zu einem einzigen Stream of Consciousness fusionieren – oder wenn wir den  Moment des Erstaunens direkt nach dem Transfer aus der Point-of-View-Perspektive Hermanns erleben, während er sich erstmals in Apolains Körper sieht. Bemerkenswert ist, dass Transfer bei all den übernatürlichen Entwicklungen des Plots kaum einmal auf Special Effects oder Computer-generierte Bilder zurückgreift.

Inhaltlich wirkt der Film manchmal etwas überladen. So streift die Handlung neben den beiden zentralen Diskursen zu Identität und Ausbeutung nebenbei auch noch die Debatten zur Präimplantationsdiagnostik und zur Migrationsproblematik im Zeitalter der Globalisierung. Wie viele als Warnungen fungierende Werke des Science-Fiction-Genres ist auch Transfer von einer eher konservativen Haltung gegenüber wissenschaftlich-technologischem Fortschritt geprägt, welche die daraus entstehenden Gefahren weitaus stärker in den Fokus rückt als die Chancen. Jeanette Hain verkörpert dabei das Klischee der eiskalten Wissenschaftlerin, die sich ausschließlich in kühlen Farben kleidet und in einer klinisch sterilen, lebensfeindlich wirkenden Umwelt aus Metall, Glas und Beton arbeitet.

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Schließlich fällt auch die Tonspur des Films mehrfach negativ auf: Die Notwendigkeit einer atmosphärisch störenden Synchronisation hätte man durch eine auf eine einzige Sprache reduzierte Produktion umgehen können. Die mitunter etwas schwülstig-pathetischen Texte verstärken die Unnatürlichkeit der synchronisierten Dialoge noch, während das Hörbar-machen von Erinnerungen eine etwas ungelenke Strategie ist, die von wenig Vertrauen in die schauspielerische Leistung des Ensembles zeugt.

Insgesamt aber ist Transfer inhaltlich so faszinierend und komplex, dass man über solche Schwächen hinweg sehen kann. Immerhin erreichen nur selten Filme das Kino, die philosophische Themen durch eine unterhaltsame und zugleich tiefgründige Inszenierung dermaßen greifbar machen.

 

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Kommentare


Tom

Dieser Film ist einfach nur platt und klischeehaft. Selten so etwas ausgesprochen Blödes gesehen!






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