Tom Meets Zizou

Aus der vielversprechenden Karriere des Fußballspielers Thomas Broich ist nie etwas geworden. Aljoscha Pauses Dokumentarfilm fragt nach den Gründen.

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Man muss schon ein großer Fußballfan sein, um zu wissen, dass Thomas Broich vor einigen Jahren zusammen mit den späteren WM-Helden Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger als Hoffnung der deutschen Fußballnation gehandelt wurde. Heute spielt Broich in der australischen Liga, für die A-Nationalmannschaft hat er dagegen kein einziges Spiel bestritten. Der Filmemacher Aljoscha Pause hat Broich während der sieben Jahre zwischen seinem Wechsel in die 1. Bundesliga und seiner aktuellen Station in Australien begleitet – und mit Broichs Gewinn der australischen Meisterschaft ein dramaturgisch gelungenes Happy End für Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen gefunden.

Dass Broich ein Fußballprofi der etwas anderen Art ist, wird von Beginn an klar. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen kann er sich präzise ausdrücken, während der Fahrten im Mannschaftsbus liest er Dostojewski, und während seiner Zeit beim 1. FC Köln lebt er in einer Studenten-WG. Seine Reflexionen sind mitunter zwar krude Mischungen aus gepflegtem Ausdruck und gestelztem Fußball-Vokabular, aber Scharfsinn, Humor und eine gesunde Skepsis gegenüber dem Bundesligageschäft machen ihn sympathisch. Zuweilen wirkt Broichs Nachdenklichkeit fast absurd. So redet er in der Phase seines größten Erfolgs über einen möglichen Einbruch, scheint die Krise schon zu erwarten und findet es bedenklich, wenn andere Spieler alles für die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft opfern. Natürlich sind diese für einen Fußballer ungewöhnlichen Sätze auch Teil einer Selbstinszenierung, zu der auch dieser Film gehört. So richtig übel nehmen will man es Broich aber nicht, der einem Johannes B. Kerner im Aktuellen Sportstudio erklärt, dass er überhaupt keine Lust habe, die Rolle eines Hoffnungsträgers auszufüllen. Noch in der gleichen Sendung (anno 2004) lässt er sich dann aber doch zu der Aussage verleiten, er gehe davon aus, dass sich der Bundestrainer im Laufe des nächsten Jahres bei ihm melden werde.

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Es sollte anders kommen – und Broichs Eigenarten haben einen großen Anteil an seinem Absturz, der mit einer „Fußballer-Depression“ begann und mit der Flucht ins Outback endete. Hauptthema von Tom Meets Zizou ist, wie die für einen Fußballer ungewöhnlichen Vorlieben mit zunehmendem Erfolg zu Bausteinen einer medialen Persönlichkeit werden. Von seinen Mitspielern schon seit den Anfängen bei Wacker Burghausen „Mozart“ genannt, sieht sich Broich in der Bundesliga mit dem Interesse an Homestorys und ausführlichen Interviews konfrontiert. Seine „authentische Persönlichkeit“ wird schnell zur Schublade, die gesunde Skepsis gegenüber dem Business und die Vorliebe für klassische Musik zum Image des feingeistigen Fußballstars. Die ständige Versicherung, auf dem Boden bleiben zu wollen, wird durch die mediale Aufmerksamkeit zum Ursprung einer Eitelkeit, die Broich letztlich doch abheben lässt – Jahre später gibt er zu, dass er die Storys über den „etwas anderen Fußballprofi“ zutiefst genossen hat. Doch mit ersten sportlichen Krisen – ein neuer Trainer kann nichts mit ihm anfangen, eine Verletzung wirft ihn aus der Bahn – bekommt Broich schnell die Schattenseite der Medien zu spüren, seine Andersartigkeit wird zum Fluch. Denn die im Sportgeschäft stets klare Einteilung in Sieger und Verlierer trifft jemanden wie ihn ganz besonders. In der Bundesliga ist der Erfolg auf dem Platz Voraussetzung für alles – auch dafür, anders sein zu dürfen. Das Mozart-Image, das ihn in guten Zeiten zum Genie erhoben hat, ist jetzt Anlass für Häme und Spott.

Der Filmtitel Tom Meets Zizou ist Broichs E-Mail-Adresse entnommen und drückt seine große Verehrung für die französische Legende Zinedine Zidane aus. Dieser wiederum steht im Mittelpunkt des vielleicht schönsten Fußballfilms überhaupt, dem hierzulande nur auf DVD erschienenen Zidane – Ein Porträt im 21. Jahrhundert (Zidane, un portrait de 21e siècle, 2006). Die Beziehung zwischen den beiden Filmen ist der zwischen den beiden Fußballern nicht unähnlich. Zidane, das große Idol der Fußballästheten, hat nie lange Interviews gegeben und sein Privatleben so weit wie möglich verborgen. Ähnlich reduziert ist auch der Film von Douglas Gordon und Philippe Parreno, die Zidane 90 Minuten lang mit 17 verschiedenen Kameras beobachtet haben. Broich ist kein so genialer Spieler wie Zidane, also formuliert er seine Vorstellungen vom guten Fußballspiel aus, macht sich zum Thema eines Dokumentarfilms, inszeniert sein Leben. Auch Tom Meets Zizou ist etwas zu lang und zu deutlich, will das Offensichtliche erklären und kommt filmisch nicht über die Qualität einer – wenn auch sehr inspirierten – TV-Reportage hinaus.

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Doch so wie Thomas Broich alles andere als ein schlechter Fußballer war, ist auch dieser Film trotz seiner Schwächen ein äußerst spannendes und kurzweiliges Erlebnis. Die Prognose des Bundesliga-Trainers und Broich-Vetrauten Thomas Oenning, Tom Meets Zizou werde die Fußballszene verändern, ist nach der Erfahrung rund um den Freitod von Torwart Robert Enke allerdings etwas zu viel des Guten. Von einem Dokumentarfilm kann keine ähnlich große Wirkung ausgehen wie von einer solchen Tragödie. Und wie wir wissen, hat selbst diese an den Einstellungen von Akteuren und Medien zum Sport nicht viel ändern können.

Trailer zu „Tom Meets Zizou“


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