The Villainess

Fantasy Filmfest: Jung Byung-gils inszeniert die Liebe so virtuos wie die Gewalt. Genießbar ist diese Virtuosität aber nur, wo sie blutig wird.

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Ein Album mit dem besten Song zu beginnen, birgt die Gefahr, dass man über die restliche Laufzeit der Virtuosität, mit der man eingestiegen ist, nur noch hinterherrennt. The Villainess beginnt mit einem siebenminütigen Remix der berühmten ausgedehnten Plansequenz aus Oldboy (2003), in der ein Flur voller namenloser Gangster niedergemäht wird. Die lange Kamerafahrt aus Park Chan-wooks Film wird hier aus der Egoperspektive inszeniert und der Blutzoll noch einmal ordentlich angehoben. Regisseur Jung Byung-gil verfällt also bereits in der Eröffnungsszene jenem Exzess, der dem koreanischen Genrekino mitunter zum Verhängnis wird.

Verliebt ins Melodram

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Sook-hee ist die Solistin dieses in CGI- und Kunstblut getränkten Exzesses, und am Ende steht ihre Verhaftung. Allerdings will der staatliche Geheimdienst ihre Talente nicht hinter Schloss und Riegel gesperrt sehen, sie vielmehr erneut auf die Welt des organisierten Verbrechens loslassen. So wird Sook-hee ein Teil des Trainingsprogramms für weibliche assassins, und dank staatlich angeordneter plastischer Chirurgie ein potenziell freier Mensch (der Eingriff macht es auch möglich, dass aus Min Ye-ji, die anfangs Sook-hee spielt, Kim Ok-bin wird). Die unter Kriminellen aufgewachsene Kämpferin muss ihre Suche nach dem Mörder ihres Vaters für zehn Jahre unterbrechen, darf vorerst nur für den Staat morden, um ihre Freiheit und die Freiheit ihrer neugeborenen Tochter zu erlangen.

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Der aus dutzenden Genrevorgängern, vor allem aus Nikita (La femme Nikita, 1990) bekannte Plot dient jedoch nicht nur als Vehikel für die Actionsequenzen des Films, die fraglos das Herzstück von The Villainess darstellen. Jung Byung-gil scheint regelrecht verliebt in die melodramatischen Begegnungen zwischen Sook-hee und ihrem nur scheinbar gewöhnlichen Nachbarn Hyun-soo (Jun Sung), der uns bereits zu Beginn als Regierungsagent vorgestellt wird. Doch wirkliches Potenzial als Fundament der virtuosen Action-Arien vermag die Liebesgeschichte nicht zu entfalten. Jung hebt der Geschichte Flashbacks aus Sook-hees früherem Leben unter. In ihnen werden Gewalt- und Liebeserfahrungen aus der Vergangenheit als Spiegel für eine Gegenwart inszeniert, in der ähnliche und mit vergangenen Traumata verknüpfte Szenarien durchgespielt werden. Schließlich wuchern Beziehungsgeflecht und Vergangenheitsbewältigung so sehr aus, dass der Plot sich zu weit verästelt – und die aufeinanderfolgenden Schicksalsschläge kaum spürbar sind. Der Versuch, die als B-Movie angelegte Geschichte derart hochzuskalieren ist eine ebenso gängige wie reizvolle Spielart des koreanischen Genrefilms, aber ein wirkliches Epos will aus The Villainess nicht werden. Jungs Liebesgeschichte fehlt die formale Finesse, die seine Actionsequenzen auszeichnet. Perfekte Match Cuts, Kamerabewegungen die nahtlos auf die nächste Szene überleiten: All das wirkt ohne Blutvergießen fehl am Platz.

Kamera mit Eigensinn

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Bei jedem vergossenen Blutstropfen entwickelt Byung-gil Jungs formale Virtuosität dann aber eine Energie, die Nikkatsu-Exploitation, koreanische Rachefantasien und die allgemeine Akribie des asiatischen Actionkinos – das hier durch den reichlichen Einsatz von Schusswaffen auch durchaus an die Blütezeit des Heroic Bloodshed erinnert – eindrucksvoll verbindet. Die von Kwon Gui-duck (The Wailing – Die Besessenen) choreographierten und von Park Jung-hun gefilmten Actionparts wachsen zu Sequenzen, in denen die Kamera fast gleichberechtigt neben den Protagonisten agiert. Sie geht ihren eigenen Weg, schaut um die Ecke, schlüpft in Sook-hees Perspektive, um mit ihr durch ein Fenster zu springen und weiß nach einem schweren Aufprall zunächst selbst nicht, wo oben und wo unten ist. Das Zusammenspiel aus Choreographie, Kamerabewegung und Computereffekt erschafft einen perfektionistischen Fantasiereichtum, den Jung, wie schon in seinem letzten Film Confession of Murder (2012), besonders gern auf der Straße auslebt. Mit einem Katana-Duell auf dem Motorrad und einer Verfolgungsjagd, die Sook-hee von der Motorhaube ihres Autos in einen Bus voller namenloser Gangster befördert, spielt The Villainess noch einmal als ausufernde Action-Ballade auf – die aber eben leider nie wieder so gut klingt wie am Anfang.

Trailer zu „The Villainess“


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