The Revenant – Der Rückkehrer

Wo Lederstrumpf zu Rambo wird. Alejandro González Iñárritu lässt rachsüchtige Trapper ums Überleben kämpfen.

The Revenant 02

Ein Trappercamp in Nordamerika. Männer kauern um ihre Feuerstellen, inmitten des ausgedünnten Waldrandes. Blut rinnt von den Pelzen, denen die Jäger noch die letzten Fleischstücke von der Haut kratzen. Dann fliegt der erste Pfeil in das Camp, durchschlägt den Hals eines Jägers. Die Männer springen auf, suchen verzweifelt Schutz zwischen den kahlen Baumstämmen. Die Kamera bewegt sich geschmeidig durch die Panik, folgt einem flüchtenden Trapper, bis er von einem Indianer niedergeritten wird, heftet sich an den Reiter, den kurz darauf ein Schuss vom Pferd reißt. Noch immer ohne Schnitt folgt die Kamera der Schlacht bis zum Fluss, in dem die Boote der Trapper liegen. Nicht mal ein Dutzend Siedler sehen, wie der Sturz eines brennenden Baumes den Schlussakkord der beeindruckenden Action-Mise-en-Scéne des Indianerangriffs setzt.

Die tödliche Schönheit Nordamerikas

The Revenant 03

Für die überlebenden Trapper beginnt nun die Flucht. Hugh Glass (Leonardo DiCaprio), der die Trapper unter dem Kommando von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson) durch die Wildnis führt, ist, wie Coopers Lederstrumpf, ein Wandler zwischen den Welten. Einst verheiratet mit einer Pawnee-Indianerin, die dem Massaker eines französischen Armeeregiments zum Opfer fiel, steht er nun mit seinem Sohn Hawk als Scout im Dienste einer Pelzhandelsgesellschaft. Ihre Flucht inszeniert Iñárritu im Panorama der tödlichen Schönheit des nordamerikanischen Winters. Bilder von Lawinen, Visionen von Meteoreinschlägen und Luftaufnahmen des gewaltigen Cheyenne River finden immer wieder ihren Weg in die Menschenjagd, die allen Handlungssträngen in The Revenant zugrunde liegt. Als Ersten trifft es dabei Glass selbst, der, als er sich vom Camp der Trapper entfernt, von einem Bären angegriffen wird. Der gewaltige Grizzly überrennt ihn, wirft ihn hin und her, zerfetzt mit seinen Pranken Schulter und Kehle des Scouts. Wieder zeigt Emmanuel Lubezkis Kamera den Kampf nahezu ohne Schnitt, bis der tödlich verwundete Bär sein Opfer schließlich in einer letzten Umarmung unter sich begräbt. Die Gruppe um Captain Henry schleppt den sterbenden Glass noch einige Zeit durch den Wald, bis der kriminelle John Fitzgerald (Tom Hardy) abgestellt wird, ihm ein christliches Begräbnis zu geben. Von diesem zurückgelassen, beginnt für Glass der Überlebenskampf, der ihn in der amerikanischen Folklore unsterblich machte.

Kino der Urinstinkte

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Der halbtote Scout kriecht fortan auf der Suche nach Rache, die in The Revenant stets die treibende Kraft für die Menschenjagd ist, durch Wald, Fluss und Steppe. Iñárritus Inszenierung des Überlebens in der Wildnis lässt in ihrer direkten Darstellung viele Genreverwandte wie Kostümfilme wirken. Im Bart des Protagonisten sammeln sich Rotz, Geifer und Blut. Die Kamera beschlägt vom ständigen Röcheln seines kehligen Atems. Unablässig stöhnt und grunzt er unter den Schmerzen seiner Verletzungen. Dem Tode nahe, verschlingt er lebendige Fische, frisst rohe Stücke aus einem von Wölfen gerissenen Büffel, die er direkt wieder hochwürgt. Doch er lebt. So ausführlich und unmittelbar Iñárritu den Todeskampf des Scouts darstellt, so absurd wirken dessen Überlebensprüfungen in ihrer Aneinanderreihung. Zwischen den ständigen Bedrohungen des Erfrierens und des Verhungerns und der tödlichen Begegnung mit den Indianern wandelt sich Glass von Lederstrumpf zu Rambo. Offene Wunden werden mit Schießpulver verödet, Feinden entkommt er trotz gebrochenem Bein zu Wasser, zu Fuß oder zu Pferd. Felsenklippen werden in vollem Galopp genommen. Hugh Glass ist der nicht aufzuhaltende Racheengel, der sich sterbend durch Nordamerika schleift. Seine Heldenreise windet sich dabei immer um den historischen Kontext der Erzählung. Es ist die Zeit der Erschließung des amerikanischen Westens und der Verdrängung der amerikanischen Ureinwohner. Doch Iñárritus Protagonisten halten sich fern von den Schrecken der Geschichte. Sie waten an verbrannten Indianersiedlungen vorbei, werden Zeugen von Vergewaltigungen junger Squaws und Hinrichtungen unschuldiger Indianer, bleiben dabei jedoch entweder unbeteiligt oder unbeeindruckt. Ihr Geschäft ist das Überleben und die Rache, an deren authentischer Darstellung Iñárritu in den zweieinhalb Stunden Laufzeit so fanatisch festhält, dass Genozid und Gräueltaten eine schlichte Randnotiz bleiben.

The Revenant 01

In seinen besten Momenten ist The Revenant Kino der Urinstinkte: kraftvoll, roh und ungebrochen. Doch wenn die direkte Bedrohung des Lebens einmal ausbleibt, gibt es keine Reflexion über die Rache und den Tod, keinen Wahn, kein Abdriften in den Albtraum, kein Herz der Finsternis, nichts, was einen Kontrast zur unablässigen, von Vergeltung getriebenen Widerstandskraft von Glass’ Körper stellen könnte. „Die Rache gehört Gott“ bleibt die einzige Losung, die das Konzept der Überlebensarie transzendiert.

Trailer zu „The Revenant – Der Rückkehrer“


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