The Purge - Die Säuberung

Die amerikanische Nacht: James DeMonaco fantasiert von neuen Formen der Gewalt mit bewährten Formen des Horrorfilms.

The Purge 01

Die Bilder unserer alltäglich gewordenen Aufzeichnungs- und Speichermedien scheinen das Grauen gepachtet zu haben. The Purge – Die Säuberung (2013) eröffnet mit fiktiven Aufnahmen von Überwachungskameras und zeigt Szenen einer Nation im Blutrausch. Wir dürfen einer Symphonie der Gewalt, der maßlosen und genussvollen Überschreitung, des von jeglichem Motiv befreiten Lustmords beiwohnen. Faustschläge, Fußtritte und Schüsse wechseln im Adagio von Debussys „Clair de Lune“ und werden zur grob aufgelösten Choreografie der Brutalität. Eine Vermutung zwängt sich bereits in den ersten Minuten von James DeMonacos Horrorthriller auf: Schon wieder Medienschelte? Nein, mehr noch.

The Purge 06

Kurz vor 19 Uhr bedient Familienvater James Sandin (Ethan Hawke) den Touchscreen seiner Sicherheitsanlage, und sogleich gleiten dicke Stahlwände die Fenster und Türen des Wohnhauses hinab. Die Purge Night wird ausgerufen, zwölf Stunden lang ist alles erlaubt. Raub, Vergewaltigung, Mord. Sanktionen müssen die Bewohner eines dystopischen Amerika der nahen Zukunft durch eine neue Gesetzgebung nicht fürchten. Die anderen 364 Tage des Jahres lebt man dank der Einführung der fragwürdigen Maßnahme nämlich in nie dagewesenem Frieden und beispielloser wirtschaftlicher Prosperität. Ein Hoch auf die Ventiltheorie!

Das erzählerische Prinzip, auf dem The Purge fußt, ist zugegebenermaßen sehr clever. Mit seiner Idee der legalisierten Pogromnacht, die wie eine Art Nationalfeiertag begangen wird, gelingt DeMonaco ein weitläufiger Rundumschlag gegen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Kapitalismus-, Religions- und Staatskritik werden dabei ebenso angekratzt wie moralische Fragen.

The Purge 08

Bei so vielen belangvollen Implikationen scheint Drehbuchautor und Regisseur DeMonaco auf Nummer sicher gehen zu wollen und buchstabiert seine gewichtigen Tadeleien mit allerlei Phrasen, Finten und unzweideutigen Bildern aus. Nachrichtenbeiträge erklären dezidiert das Wie und Warum der Nacht, die Gefahr, die sich zu Beginn durch einen obdachlosen Schutzsuchenden potenziert, ist nur eine vermeintliche, und das Oberhaupt der Familie darf eindeutig Stellung beziehen, wenn es den Kindern die Vorteile des Prozedere erläutert. Missverständnisse ausgeschlossen. Darüber hinaus meint es der Film wirklich ernst mit uns. Nach der Schockwirkung der einleitenden, Authentizität heischenden Monitorbilder operiert The Purge mit völliger Ironiefreiheit und bedrückendem Defätismus. Todernster Sozialpessimismus fürs Massenpublikum.

The Purge 03

Dass man mit Subtilitäten eher spart, mag man einem waschechten Genrewerk verzeihen. Was aber hat der Film sonst zu bieten? Leider nicht viel. Bald wird klar, dass DeMonaco ein wenig zu sehr auf seine Grundidee vertraut. Im Weiteren versucht er nur, das Horrorkino der jüngeren Zeit zu amalgamieren. Für die Spielereien des seit Jahren populären Medienhorrors zeigt der Regisseur eine besondere Schwäche. Neben den Monitorbildern darf man sich auch auf beliebte Elemente des aktuellen Geisterfilms gefasst machen. Denn auch wenn es The Purge wahrlich nicht auf metaphysischen Grusel abgesehen hat, bedient sich der Film der Ästhetik des zeitgenössischen gutbürgerlichen Haunted Houses, die man sich hier bemüht in eine brauchbare Form biegt. Eine kleine Drehbuchentscheidung in Gestalt eines mit Kameraauge ausgestatteten Tüftlerspielzeugs von Sohnemann Charlie (Max Burkholder) erlaubt es, unentwegt Zimmer und Flure zu erkunden und eine ordentliche Ausschlachtung der grauenhaft-grobkörnigen Paranormal Activity-Optik vorzunehmen.

Wenn das Eindringen der „Säuberer“ in die Keimzelle der Gesellschaft dann zum zentralen dramaturgischen Moment wird, verliert sich auch der moralische Zeigefinger, der nur am Ende noch einmal überdeutlich und schulmeisterhaft erhoben wird, in den düsteren Räumen des riesigen Anwesens. Vorbei das nationalistische Geplapper vom wiedererweckten Amerika, vorbei die penetranten Eindeutigkeiten der holzhammerschwingenden Sozialkritik. Home Invasion ist angesagt, und das Bildschirmgrauen vermengt sich mit unerbittlichem körperlichem Face-to-Face-Terror.

The Purge 10

Derartiges hat man in Genrebeiträgen wie The Strangers (2008) oder Panic Room (2002) aber schon ganz ähnlich und vor allem besser, weil konzentrierter gesehen. Während man sich dort stärker auf den Angriff des privaten Raums beschränkt, will The Purge etwas viel auf einmal. Ausschmückungen wie die stilsichere Kostümierung der Feiertags-Psychopathen erscheinen angesichts des vorher eingeführten, brachial moralisierenden Belehrungs-Duktus dann einfach nur beliebig. Kurzum: Bei einem wirklich guten Genrefilm stehen ästhetische Elemente, so plump sie auch sein mögen, im Dienste der Geschichte. In The Purge aber beugt sich die Erzählung den Motiven.

Trailer zu „The Purge - Die Säuberung“


Trailer ansehen (2)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.