Der Marsianer – Rettet Mark Watney

Ridley Scott glaubt wieder an Science Fiction: Der Marsianer ist ein sentimentales Raumfahrt-Epos, in dem sich eine kosmopolitisch gewordene Menschheit selbst feiert.

Der Marsianer 03

Die Menschheit hat derzeit kein gutes Standing: Verteilungskämpfe, ewige Kriege, Klimawandel – die Liste der humanen Verfehlungen wird länger und länger, und Lösungen sind rar. Da ist es vielleicht kein Zufall, dass ein Topos wieder Hochkonjunktur hat, dessen Tage man schon gezählt glaubte: die Raumfahrt. Alfonso Cuaróns Gravity (2013) und Christopher Nolans Interstellar (2014) sind zwei jüngere Beispiele für überaus erfolgreiche Science-Fiction-Filme, die beide auf ihre Weise nach einer neuen Idee des Menschen suchen. Der Informatiker Andy Weir allerdings wurde mit seinem Roman Der Marsianer lange Zeit bei den Verlagen abgelehnt. Schließlich stellte er ihn 2011 frustriert ins Internet – gratis. Daraus wurde bald ein Internet-Hype, und mittlerweile ist das Buch ein millionenschwerer Bestseller. Nun hat ausgerechnet Ridley Scott höchstpersönlich den Stoff auserkoren und wagt sich nach langer Zeit wieder in sein ureigenes Hoheitsgebiet: Science Fiction. Der Marsianer – Rettet Mark Watney erzählt seine Geschichte ähnlich wie Cuarón und Nolan: Der Mensch muss gerettet werden, wenn möglich irgendwo aus dem oder irgendwo im Weltraum; und vor allem vor sich selbst.

ABBA auf dem Mars

Der Marsianer 10

Dass es ein Mensch eines Tages zum Mars schaffen könnte, das ist beinahe 50 Jahre nach der Mondlandung der gedankliche Jungbrunnen aller Raumfahrt-Visionäre. Und so wirkt die Crew, die zu Beginn des Marsianers den roten Planeten betritt, unwahrscheinlich frisch, fast wie eine neue, unfehlbare Spezies, umgeben von futuristischem Hightech. Doch schnell, sehr schnell zieht ein tiefschwarzer Sturm auf, der in aller digitalen Erhabenheit die Geröllwüsten hinabzieht. Die Besatzung schafft es gerade noch ins Raumschiff und flieht in letzter Sekunde vom Planeten. Allerdings ohne Watney, der von einem Metallteil fortgeschleudert und forthin für tot gehalten wird.

Das Eigentümliche an Scotts Film ist nun, dass es nach dem pompösen, aber kurzen Beginn zunächst fast ausschließlich um Watneys künftiges Überleben geht: die ersten Gehversuche nach dem Sturm, die Überlebensplanung auf einem Planeten ohne Wasser, erste botanische Erfolge im Gewächshaus. Hier liegen eindeutig die Stärken des Films. Watney notiert in einer Art visuellem Tagebuch für uns Zusehende seine Befindlichkeiten als einziger Mensch auf einem ganzen Planeten. Diese Reduktion ist eigentlich eine Schöpfungsgeschichte: Der Mars wird urbar gemacht, äußere Einflüsse gebändigt, Essen rationiert, Biokartoffeln angebaut – eine mustergültige Robinsonade. Ein paar Running Gags dürfen auch sein: Die einzigen MP3s im Raumschiff sind abgehalfterte Discotracks von Commander Lewis (Jessica Chastain) – ABBA auf dem Mars, eine wirkliche Skurrilität. Dieser Esprit hält ungefähr so lange an, bis auf der Erde durch ein zufällig entstandenes Satellitenbild jemand den folgenreichen Schluss zieht: Watney ist noch am Leben. News that shook the world.

Willfährige Massen von Spacejunkies

Der Marsianer 16

Im zweiten Teil setzt dann eine recht konventionelle Rettungsaktion ein, Das ist nicht gerade neu und, schlimmer noch, der Ausgang ist ohnehin klar. Hier verliert sich Der Marsianer in weitschweifigen technischen Details und Machbarkeitsanalysen darüber, wie die Rettung letztendlich ablaufen soll. Alles natürlich unter den Argusaugen der Weltöffentlichkeit, deren Journalisten die NASA-Chefs auf den Pressekonferenzen, so scheint es, am liebsten auffressen würden. Als dächte der ganze Planet: Es ist egal, was hier auf der Erde passiert, solange da oben ein Typ auf einem fremden Planeten gestrandet ist. Die NASA erscheint dabei als ein Club von Workaholics, eine willfährige Masse von Spacejunkies, die keine schlechte Laune und keinen Zweifel kennt. Das ist vielleicht wenig plausibel, aber natürlich wünschen wir Zusehenden uns auch (und werden vom Film entsprechend emotionialisiert), dass der eigentlich joviale und wirklich sympathische Watney nicht einsam und verlassen zu marsianischem Wüstensand zerfallen möge.

„Endlich sind wir wieder wer

Die schließliche Rettung Watneys im Weltraum durch Commander Lewis ist wie ein tänzelndes Tête-à-Tête choreographiert, das unzweideutig sexuell aufgeladen ist – eine Urszene sondergleichen. Die Erde hat Watney wieder, der verlorene Sohn ist zurück. So ist Der Marsianer letzten Endes ein fast frömmelndes Loblied auf den Menschen selbst: „Endlich sind wir wieder wer!“ Und tatsächlich, die Natur wurde wieder einmal bezwungen, der Traum des Technooptimismus, er darf wieder geträumt werden, und die USA als Nation hat wieder alles im Griff. Aber immerhin: Ohne die großzügige Hilfe Chinas, die der nervösen NASA im rechten Moment zur Hilfe kommt, wäre Watney noch immer auf dem Mars. So gehen kosmopolitische Blockbuster im Jahr 2015 eben: Am Ende feiert die Welt die Rettung, einträchtig vereint und verbrüdert – eine sentimentale Utopie.

Trailer zu „Der Marsianer – Rettet Mark Watney “


Trailer ansehen (2)

Kommentare


fifty

Wer sich in so einer misslichen Lage befindet, wie die Hauptfigur des Films, der muss ein ganz besonderes Heimweh haben. Erst recht weil der Mars durchaus an eine abgestorbene, staubige Version unseres eigenen Planeten erinnert. Leider wird das Potential der Geschichte total verzockt. Was zu ergründen gewesen wäre, wird nicht ergründet. Nämlich wie verfilmt man den wohl einsamsten Menschen im Universum so berührend und glaubwürdig wie möglich? Ob die Figur in der Buchvorlage wohl auch so selbstherrlich und Sprüche klopfend dem eigenen Tod entgegenblickt? Kaum eine Träne fließt, kaum ein Moment wirklicher Verzweiflung oder Angst, sondern alles nach dem Motto: Familie NASA nebenan klingelt gleich und bringt den Kuchen, das letzte Proviant in den Bauch rein, rettende Idee aus dem Bauch raus, ein bisschen körperliche und geistige Fleißarbeit hinterher und fertig. An "Moon", Soderberghs "Solaris" oder auch "Cast Away" kommt der Film jedenfalls nicht heran. Selbst der reißerische "Gravity" mit seinen fehlbesetzten Hauptdarstellern enthielt da mehr psychologischen Tiefgang und Angebote für ein Nachdenken über die Existenz von Menschen im lebensfeindlichen Universum. Zugute halten muss man dem Film, dass die Marslandschaft sehr schön anzusehen war. Werde jetzt noch mal „Alien 1“ rauskramen, der war zwar nicht schöner, aber besser.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.