Angels’ Share - Ein Schluck für die Engel

Proletariat und Whisky. Ken Loach hat eine Komödie darüber gedreht, dass sich Menschen wenigstens ein bisschen verändern können.

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Robbie (Paul Brannigan) sieht mit seinem verschmitzten Grinsen, dem unschuldigen Hundeblick und den Segelohren aus wie ein richtig netter Kerl. Man möchte meinen, dass so jemand keiner Fliege was zu Leide tun kann. Und doch steht er vor Gericht und muss sich wegen diverser Gewalttaten verantworten. Nicht zum ersten Mal, aber, wie er seiner schwangeren Freundin verspricht, definitiv zum letzten Mal.

Die Figur des Robbie ist für einen Film, der sich mit der sozialen Realität auseinandersetzt, typisch: Ein junger Mann aus der Unterschicht, der schon seit seiner Kindheit auf dem falschen Weg ist. Grob vereinfacht gibt es nun zwei Möglichkeiten, wie ein Spielfilm mit dieser Figur umgehen kann, wobei beide in ihrer Extremform ein Klischee sind. Entweder er zeigt, wie Robbie daran scheitert, der Spirale aus Gewalt und Verbrechen zu entfliehen. Oder er gesteht ihm zu, sich zum Besseren zu ändern. Ken Loach, dessen Werke von linker Gesinnung und tiefem Humanismus gekennzeichnet sind, entscheidet sich in Angels’ Share (The Angels’ Share) für Letzteres.

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Mit einigen anderen, liebenswert vertrottelten Gesetzesübertretern muss Robbie schließlich Sozialstunden absolvieren und lernt dabei den gutmütigen Betreuer Harry (John Henshaw) und mit ihm die Welt des Whiskys kennen. Im Film braucht es dafür nur eine gute Nase und ein paar Bücher aus der Bibliothek, um ihn in kürzester Zeit zum Experten auf diesem Gebiet zu machen. In mancher Hinsicht läuft in The Angels’ Share für die Hauptfigur vieles zu geschmeidig, erinnert fast schon an ein Märchen, wenn auch eines mit streng naturalistischer Ästhetik. Während einer Whisky-Verkostung, für die sich Loach ungewöhnlich viel Zeit nimmt, wird dann klar, dass sich Robbie in eine Domäne höherer Gesellschaftsschichten vorwagt. Der Traum von der eigenen Spirituosen-Brennerei ist entfacht.

Nun ist es aber so eine Sache mit Protagonisten, die auf den richtigen Pfad gelangen. Egal ob in Hollywood oder im Arthouse-Mainstream, viel zu oft scheinen solche naiven Wandlungen nur dazu da, um den Zuschauer mit einem guten Gefühl aus dem Kino zu entlassen. Und auch Loach beschränkt sich in seinem Film – abgesehen von wenigen Szenen, wie der Gegenüberstellung Robbies mit einem seiner Opfer – auf die sympathischen Seiten seiner Hauptfigur und auf die Hoffnung, dass alles besser werden kann, bis zum Happy End. Auf dem Weg dorthin werden die ernsten Themen immer wieder von reichlich comic relief ins Abseits gedrängt. Doch auch wenn Loach mit einigen Szenen und Figuren – etwa einem Pausenclown, der weder die Mona Lisa, noch Albert Einstein kennt – mit etwas zu billigen Mitteln um die Gunst des Zuschauers buhlt, ist The Angel’s Share eben doch mehr als ein Feel-Good-Movie, mit dem das Bürgertum sein schlechtes Gewissen beruhigen kann.

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So kommt es beispielsweise nicht zu einer unglaubwürdigen Wandlung des Protagonisten zum Vorzeige-Familienvater. Vielmehr vollzieht sich die Veränderung innerhalb seiner Möglichkeiten. Robbies Stärke lässt sich am besten mit dem englischen Begriff street smartness bezeichnen. Er ist jemand, der mangelnde Bildung mit Lebenserfahrung und sozialer Intelligenz ausgleicht. Schließlich findet er seinen ganz eigenen Weg, um ein besserer Mensch zu werden, ohne sich gleich an jedes Gesetz halten zu müssen. Weil er wegen seiner Vorstrafen keinen Job bekommt, nimmt er sich mit seinen Kollegen nicht weniger vor, als den teuersten Whisky der Welt zu klauen.

Gemeinsam mit seinem Stammautor Paul Laverty erzählt Loach eine Geschichte, die seltsam inkonsistent wirkt. The Angels’ Share ist zunächst noch Sozialrealismus in Reinform: In einem Glasgower Arbeiterviertel versucht Robbie, Frau und Kind zu ernähren, hat Stress mit der Verwandtschaft und müht sich, verfeindeten Schlägern aus dem Weg zu gehen. Mit der Zeit werden dann die sorgfältig eingeführten Konflikte und Figuren links liegen gelassen, der Realismus überhöht und der Film zur proletarischen Version eines Heist-Movies. Das ist zwar dann alles ein bisschen naiv, aber eben auch ein gelungener Weg, um die positive Veränderung der Hauptfigur nicht zum Rührstück werden zu lassen.

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Kommentare


Robert Heider

Meine Wenigkeit hat den Film gestern im Kino anschauen dürfen. Ich bin alles andere als ein bewanderter Cineast, aber dafür immerhin ein bekennender und praktizierender Schottland- und nicht zuletzt euch Wandlungsfähigkeits-Fan.
Zur großen Verwunderung der mich begleitenden sehr guten Freundin habe ich am Ende des Films - ziemlich untypisch für meine Person und wohl auch den theoretisch weitaus bewanderten Filmkritiker - einige Tränchen verdückt.
Also: Einfach mal unvoreingenommen anschauen und ebenso wirken lassen!
Für meinen Geschmack ist der Genuß ebenso groß wie der Anblick bestimmter Ecken der Highlands oder eben auch (idealerweise kombiniert) eines Schluckes besten Malz-Whiskeys :-)






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