Take This Waltz

Eine Frau will tanzen: Michelle Williams inmitten großer Flächen leuchtender Primärfarben. 

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Vor dem Walzer: Einen Schauspieler peitschen, über Hitler lesen, sich kerngesund im Rollstuhl zum Flugzeug fahren lassen, eine Sicherheitsnadel zum Liebespendel umfunktionieren, jeden Tag Hühnchen essen. Den Ehemann nicht küssen wollen, sich von hinten aber an ihn klammern. Sich gegenseitig mit Gewaltfantasien die Liebe erklären. Um fünf Uhr morgens aufstehen, um dem Nachbarn über den Weg zu laufen, wenn er seine Rikscha zieht. Die Angst vor der Angst verdrängen. Stärke vorspielen … Alles reflektieren, diskutieren, auch mal ohne Rücksicht auf Altersfreigabe eine Sexszene explizit ausbuchstabieren, samt Samenerguss.

Die Anzeichen trügen nicht: Sarah Polley hat mit Take this Waltz einen waschechten Independent-Film gedreht, mit Textur, Konsistenz und Geruch. Sarah Polley meets Miranda July? Von den Eigenarten und Unwägbarkeiten einer jungen, künstlerischen Erwachsenen-Generation, im fertilen Alter, faktisch sorgenfrei, aber in Selbstbezüglichkeit erstickend. Ja, vergleiche The Future (2011). Und nein, Polley ist keine July, als Regisseurin ist sie freier, offener, weniger Nabelschau-gefährdet. Vor allem ist sie eine begnadete Schauspielführerin.

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Michelle Williams ist so ziemlich alles zuzutrauen, schon längst (ein kurzer Blick in die Vita genügt: Brokeback Mountain, Blue Valentine, Meek’s Cutoff ...), aber spätestens jetzt, nachdem sie eine eigenständige und aufregende Interpretation von Marilyn Monroe abgeliefert hat. Take this Waltz führt sie ebenfalls in eine Doppelrolle, sie spielt immer gleichzeitig die Figur selbst, Margot, und wie diese im Kontakt mit der Welt Gesichter überstülpt. Sie will stärker sein, als sie kann, sie will liebenswerter sein, näher und nahbar, fröhlich, ernst zu nehmen, sie will umgarnt werden und sich nichts zuschulden kommen lassen. Es allen recht machen und sich selbst dabei nicht verlieren. Eine Frau kurz vor dem Seitensprung.

Polley reduziert den Rahmen ihres Liebesdramas auf wenige Schauplätze, führt das Abstrakte der Modellkonstellation von einer Frau zwischen zwei Männern zusammen mit dem Konkreten ihres intimen Umfelds, kombiniert das Surreale absurder Situationen mit einer ständigen emotionalen Anspannung. Und sie lässt Raum für den Alltag, Alltag einer Beziehung, die gesund, geerdet und liebeserfüllt scheint, Alltag einer Familie, in zwei beeindruckend montierten Szenen, die Gemeinschaftsleben und Solidarität, Vertrautheit, Freude und Lebensqualität erfahrbar machen. Bestechende Momente und zärtlich überwältigende Gefühle, das sind die Stärken Polleys, darüber möchte man gerne das überkandidelte Setting, den ständigen Drang zum Anderssein, zum Spezifisch-Abstrusen in Dialog und Interaktion vergessen. Absurder Humor braucht einen Nährboden, einen neutralen Körper oder ein Gegengewicht.

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Vielleicht war es abzusehen, dass Seth Rogen mit ein paar Pfund weniger in Hollywood leicht von Hampelmann-Rollen und peinlichen Slackerfiguren aufsteigen könnte in die Riege der Darsteller, die ein Drama ausfüllen und emotional tragen. Eine erste Chance dazu gab ihm Judd Apatow in Wie das Leben so spielt (Funny People, 2009) an der Seite eines depressiven Adam Sandler. Doch es ist die Kanadierin Sarah Polley, die ihm nun für eine schauspielerische Weiterentwicklung sondergleichen den Raum bietet, und das, obwohl er im Dreigespann von Take this Waltz an den Rand gedrängt wird. Noch nie war Rogen so verletzlich und authentisch zu sehen, ohne Grimassen, ohne Zoten. Erst im Zusammenspiel mit seinem Lou geht Michelle Williams ganz zur Blüte auf, wird ihre Margot zur mitreißenden Heldin, deren Schicksal so schlicht wie selbstbestimmt ist. Er bietet ihr diesen Nährboden, auch den, der ihr den Fortgang erlaubt. Umso peinlicher wirkt daher die als Montagesequenz inszenierte Zelebrierung von freier Liebe. Denn eins scheint am Ende von Take this Waltz klar: Nichts ist frei an der Liebe. Nur vielleicht kann sie ein bisschen befreien.

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Kommentare


Sophie

Take this waltz - die Regisseurin Sarah Polley hat den Blick aufs besondere Detail gelegt. Ihr Film ist voler warmer, heller und bunter Aufnahmen, die das Leben von Margot (Wunderbar: Michelle Williams) erzählen, wie sie sich unverhofft zwischen zwei Männern findet: Ihrem sympathischen Ehemann und dem interessanten Künstler, den sie im Flugzeug kennengelernt hat und der jetzt auch noch dirket gegenüber wohnt. Der Film ist sehr ehrlich inszeniert, verfällt nicht in Klisches und hat dazu noch einen exzellenten Soundtrack. Sehr zu empfehlen!






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