Sofia's Last Ambulance

Während Bulgariens Bevölkerung weiter in den Straßen protestiert, gewährt diese Dokumentation im Inneren einer Ambulanz Einblicke in die sozialen Missstände des Landes.

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Ein Arzt und ein Rettungswagenfahrer plaudern über Serienkiller. Der Fahrer Plamen berichtet, es gebe in Bulgarien angeblich nicht so viele, die meisten würden sich eher in den USA verwirklichen und seien häufig Soziopathen, besäßen also kein Mitgefühl mit anderen Menschen. Der Arzt Krassi behauptet daraufhin, demnach könne auch er ein Serienkiller sein, denn er besitze ebenfalls kein Mitgefühl mit seinen Patienten. Wenige Szenen zuvor verriet sein Gesichtsausdruck allerdings das Gegenteil: Das Rettungsteam hatte nach einer Irrfahrt in der Einöde eine Frau tot in ihrem Haus vorgefunden, die nach ihrem Zustand zu urteilen schon für längere Zeit unentdeckt an einem Gehirntumor gestorben war, ihr halber Kopf bereits von Würmern zerfressen. Die entstellte Tote bleibt gänzlich im Off, die Beschreibung und das mitgenommene Gesicht des Arztes genügen, um die Grausamkeit des Anblicks bildhaft werden zu lassen.

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Sofia’s Last Ambulance (Poslednata lineika na Sofia, 2012) erzählt viel über die Gesichter seiner Protagonisten, die nicht selten genervt und gestresst, müde oder frustriert wirken, aber trotz der katastrophalen Arbeitsumstände für Ambulanzkräfte in Sofia nie abgestumpft und gefühllos. Krankenschwester Mila, die Plaudertasche und Hobbyhellseherin des dreiköpfigen Teams, macht sich einen Spaß daraus, bei ihren Einsätzen Diagnosen vorherzusagen, und nennt ihre Patienten vorzugsweise „Liebster“ oder „Schatz“, während sie beruhigend auf sie einredet. Tröstende Worte brauchen die Kranken nicht nur wegen ihrer körperlichen Schmerzen, sondern auch weil die Ambulanz bei ihren Fahrten durch Sofia ständig mit riesigen Schlaglöchern zu kämpfen hat, die sich nicht unbedingt gesundheitsfördernd für die Insassen auswirken. Die Straßenverhältnisse in Bulgariens Hauptstadt sind offensichtlich genauso marode wie das nationale Gesundheitssystem.

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Nach der Wiedereinführung des Kapitalismus in der ehemaligen Volksrepublik Bulgarien begann 1990 auch die Privatisierung der zuvor staatlich finanzierten kostenlosen Sozialsysteme. Seitdem haben sich die Gesundheitsversorgung für breite Bevölkerungsschichten und die Arbeitsbedingungen für medizinisches Personal dramatisch verschlechtert. Während 1999 ein Arbeitnehmer nur ein Viertel des Krankenversicherungsbeitrages trug und der Arbeitgeber drei Viertel, zahlt Ersterer inzwischen die Hälfte der Kosten. Der durchschnittliche Anteil, den private Haushalte für Gesundheit ausgeben, hat sich seit Ende der 1990er Jahre mehr als verdoppelt. Für ärmere Schichten wird der Zugang zu ärztlicher Behandlung zunehmend schwieriger. Obwohl der Staat gesetzlich verpflichtet ist, die Krankenkassenbeiträge unter anderem für Arbeitslose und Arme zu übernehmen, entzieht er sich häufig seiner Verantwortung.

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2010 wurden die Gelder für das Gesundheitsministerium um 22,7 Prozent gekürzt, die höchste Kürzungsrate aller Ministerien, sodass zahlreiche Krankenhäuser pleite und nicht mehr in der Lage sind, ihre Ausgaben zu finanzieren. Obwohl die Versorgung in Notfallstationen offiziell kostenlos ist, wird in der Praxis selbst Schwerkranken die Hilfe verweigert, wenn sie nicht zuvor einige Hundert Lewa für ihre Behandlung hinblättern. Hinzu kommt ein dramatischer Mangel an Ärzten, die aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und miesen Gehälter immer häufiger ins Ausland abwandern. Die Anzahl der Spezialisten in Bulgarien sank in den letzten Jahren von 1500 auf 600. Der Arzt Krassi in Sofia’s Last Ambulance arbeitet für geringe 350 Euro im Monat, Überstunden und Sonderschichten inklusive. Und er sitzt zwar nicht in der letzten Ambulanz von Sofia, wie es der Filmtitel suggeriert, aber in einer von insgesamt nur noch 13 Wagen, nachdem es einmal 140 waren, die für zwei Millionen Einwohner zuständig sind und manchmal erst dann eintreffen, wenn der Patient bereits tot ist. Wer in Bulgarien einen Herzinfarkt erleidet, muss, wenn er Pech hat, für fünf Stunden auf den Notarzt warten.

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Konkrete Zahlen und Fakten zum verheerenden Zustand des Gesundheitswesens klammert der bulgarische Autor und Regisseur Ilian Metev in seinem mehrfach preisgekrönten ersten Langfilm allerdings fast vollständig aus. Die Gespräche des Teams und die Krankenfälle der Patienten offenbaren jedoch eindringlich die Mängel in der Krankenversorgung und die Armut der Bevölkerung: Ein Drogenabhängiger hat sich schon einmal gemahlene Ziegelsteine gespritzt, weil reines Heroin für ihn unerschwinglich ist; eine Frau hat die Abtreibung ihres Kindes eigenhändig vorgenommen, da sie das Geld für eine professionelle nicht aufbringen konnte; und bei dem Fall eines Mannes, dessen Frau behauptet, er habe einen Schlaganfall erlitten, weigert sich das Team zunächst, ihn mit ins Krankenhaus zu nehmen, mit der resignativen Begründung: „Wer soll sich da um ihn kümmern?“

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Bis auf eine Ausnahme bleiben die Patienten im Film vollständig im Off, nur ihre Stimmen sind zu hören. Der Regisseur konzentriert sich überwiegend auf das Innere der Ambulanz, die er für die Dreharbeiten zwei Jahre lang begleitete, zeigt wiederholt die Straße aus der Perspektive des Fahrers und vor allem die vielsagenden Reaktionen und Mimiken von Krassi, Plamen und Mila. Die verlieren hin und wieder ihre Nerven und ihre Geduld, wenn sie auf der Fahrt zu einem Notfall von einem anderen Wagen gerammt werden und dadurch vier Stunden zu spät eintreffen, oder wenn sie ihre Zentrale für 30 Minuten telefonisch nicht erreichen können, weil die Leitungen aufgrund des Personalmangels überlastet sind. Einen gesunden Galgenhumor haben sich die drei aber trotz allem erhalten. Zwischen den Einsätzen wird über schwachsinnige Geldausgaben von Neureichen oder das verrostete Auto eines Polizisten gelästert und am Straßenrand Obst von einem Baum gepflückt.

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Die Kamera bleibt meist dicht bei den Protagonisten, verharrt oft lange auf deren Gesichtern, verhält sich auch bei dramatischen Ereignissen stets ruhig und verzichtet gänzlich auf hektische Action. Sofia’s Last Ambulance erzählt in seiner schlichten, reduzierten Form einsichtig und eindringlich vom Arbeitsalltag dreier Ambulanzkräfte, die nicht nur täglich um das Leben ihrer Patienten kämpfen, sondern auch gegen die eigene Resignation und Verbitterung, um ihr Bewahren von Menschlichkeit und Mitgefühl. Mila, die im Handlungsverlauf zunehmend ihre gute Laune einbüßt, scheint diesen Kampf am Ende aufgegeben zu haben, wie ihr leerer Platz im Wagen es nahelegt. Krassi guckt nicht zum ersten und wohl auch nicht zum letzten Mal sorgenvoll, doch der Blick aus dem Fahrerfenster zeigt einen blauen Himmel – ein wenig Optimismus am Horizont?

Trailer zu „Sofia's Last Ambulance“


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