Black Souls

Blutfehde in Kalabrien. Francesco Munzi inszeniert eine Familientragödie in der archaischen Welt der ’Ndrangheta.

Schwarze Schatten 06

Zwei Brüder sitzen in einem schwarzen Mercedes. Luigi, gehüllt in eine schwarze Lederjacke, eine Goldkette und ausgestattet mit dem Lächeln der Überlegenheit, ist Beifahrer. Am Steuer sitzt sein Bruder Rocco (Peppino Mazzotta). An ihm ist nichts von der Überheblichkeit Luigis. Der hagere Mann mit Designerbrille wirkt gefasst und souverän. Beide sind Männer der ’Ndrangheta, der einflussreichsten Mafia-Organisation Europas. Anime nere – schwarze Seelen. Luigi schmuggelt, in Zusammenarbeit mit den Kartellen Südamerikas, Drogen über Amsterdam nach Europa. Roccos (Peppino Mazzotta) Geschäfte sind Geldwäsche und Schwarzarbeit. Beide leben in Mailand: Luigi als Junggeselle, Rocco mit Frau und Tochter in einer dekadenten, barocken Wohnung. Doch das Leben im modernen Mailand kann nicht über die Herkunft der Carbone-Brüder hinwegtäuschen. Auf der Landstraße hält Rocco den Wagen. Sein Bruder ist hungrig. Er will eine Ziege aus dem nahe liegenden Landhaus klauen. Es ist ein Spiel, eine Mutprobe unter Brüdern, die sie seit ihrer Kindheit vollführen. Rocco, Luigi und ihr älterer Bruder Luciano (Fabrizio Ferracane) stammen aus der archaischen Welt Kalabriens.

Kein Land für alte Männer

Schwarze Schatten 07

Aspromonte ist die Heimat der Familie. Ein dünn besiedelter Gebirgszug, am südlichsten Zipfel des italienischen Festlands. Hier führt Black Souls – unter diesem Titel läuft der Film hierzulande an – die Nachfahren des alten Bastiano Carbone und damit auch die moderne und die alte Welt der ’Ndrangheta zusammen: das milliardenschwere Geschäft mit der Gewalt und die alten Strukturen der Organisation, die auf Blutsverwandtschaft und die sieben Prinzipien gebaut sind. Luciano, der älteste der drei Brüder, lebt noch immer in den Bergen, zählt nicht, wie seine Brüder in Mailand, das Geld mit der Maschine. Seine Profession ist das Hüten der Ziegen und der Weinbau. Er lebt mitten im Herz der rauen Welt, die die ’Ndrangheta hervorbrachte. Die Welt, die bereits seinen Vater, der Ziegenhirte und ’Ndrangheta-Mitglied war, aus dem Leben riss. Als einziger der Carbone-Brüder lehnt er das Geschäft mit der Gewalt ab. „I’m not involved in their business“, entgegnet er kühl einem lokalen ’Ndrangheta-Boss, der nach den Geschäften seiner Brüder fragt. Doch Luciano kann mit seiner Absonderung den Kreis der Blutrache, der sich seit Jahren durch Aspromonte zieht, nicht durchbrechen. Sein Sohn Leo hasst das Leben als Ziegenhirte. Er bewundert seine Onkel, will in die Welt des Verbrechens einsteigen und seinen Großvater rächen. Die ’Ndrangheta rekrutiert ihre Mitglieder aus Blutsverwandten. Die Vendetta zwischen Clans und Familien setzt sich über Generationen fort. Die Gesetzte dieser biblischen Gesellschaft wirken so schroff wie die Berge Kalabriens, die, vor einer scheinbar stetigen Wolkendecke liegend, das Land in eine ständige Trübe tauchen. In dieser Welt vergisst niemand.

Gewalt ohne Glorie

Schwarze Schatten 05

Wie die Berglandschaft durchzieht auch die Innenräume ein fahles Licht, das die Familienmitglieder in Schatten taucht oder nur ihre Silhouetten zeigt. Die Welt des Verbrechens findet nicht draußen statt. Sie durchdringt in ihrer archaischen Kraft das Leben der Familie. Erstes Opfer sind die Frauen. In der Aristokratie der ’Ndrangheta sind sie stumme Zeugen, die sich den sieben Prinzipien der Organisation und damit auch den Männern der Familie unterwerfen. Ehefrauen werden mit beiläufigen Gesten von ihren Männern wieder ins Abseits gedrängt. Die Tochter eines befreundeten Dons wird Leo vorgestellt, um die Clans in einer Zwangsheirat zu vereinen. Die Gewalt steht in der Welt der Mafia hinter einem Lächeln, einem Handschlag, einem Kompliment. Francesco Munzi inszeniert diesen Gestus konsequent in der Form des Neorealismus. Black Souls ist mehr Familientragödie als Mafiafilm. Die klassischen Genremomente des amerikanischen Mafiakinos, die das italienische Kino bereits in Matteo Garrones Gomorrha (2008) verwarf, fehlen ebenso wie die Hintergründe, die auch bei Garrone noch eine entscheidende Rolle spielten. Gipfeltreffen zwischen den ndrinu bleiben kurze und banale Geschäftsabwicklungen. Keiner trägt maßgeschneiderte Anzüge oder speist in teuren Restaurants. Das Ikonische weicht dem Alltäglichen. Gerade die Abwesenheit der Sensation erzeugt die Beklemmung in der Geschichte der Carbone-Familie. Munzi verweigert dem Zuschauer das Spektakel der Brutalität und dessen kathartische Kraft. Vor dem tödlichen Kopfschuss schneidet er. Wir können den Schuss weder sehen, noch hören wir ihn. Munzi identifiziert in der blutigen Familiengeschichte keine Feinde, kein Ziel für die Blutrache. Nur so erlaubt er einen Blick, der sich aus der Welt der ’Ndrangheta löst und voll Mitleid die schwarze Seele einer Familie betrachtet.

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