Satansbraten

Sex, Mord, Kunst und viele tote Fliegen.

Satansbraten 7

„Geld, Geld! Oh, ist das geil. Spritz ab!“ Die Frau in Dessous kniet vor dem Mann im Anzug mit Knarre. Der Scheck ist unterschrieben, der Schuss fällt. Ein als Sado-Maso-Akt inszenierter Raubmord stellt gleich in den ersten Minuten die untrennbare Verbindung von Sex, Geld und Macht her, von der bei Fassbinder oft die Rede ist und die in Satansbraten im Gewand einer Komödie besonders brutal daherkommt. Ohne Rücksicht auf melodramatische Gefühle dürfen hier die Figuren bei ihren Tauschgeschäften aufeinander losgehen, triebhaft-regressiv und kalt berechnend zugleich, so selbstsüchtig wie selbstzerstörerisch, geil und ausbeuterisch und dabei ohne wirkliches Interesse aneinander.

Einzig bei Ernst (Volker Spengler), dem geistig zurückgebliebenen Bruder des Protagonisten, ist die Regression so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr in berechnendem Sinne bösartig ist. Er sammelt tote Fliegen, die er, wie er mit kindlicher Freude und in endloser Repetition verkündet, „ficken“ will, fällt aber auch über jede Frau grabschend her, die in der Wohnung auftaucht. Oder spuckt sie an, je nach Geschmack. Die anderen Figuren um ihm skandieren neben dem F- (oder B-)Wort immer wieder auch „Geld! Geld! Geld!“ – das eine ist ohne das andere Grundbedürfnis nicht mehr zu haben.

Satansbraten 4

Mittelpunkt der illustren Runde ist der Schriftsteller Walter Kranz (Kurt Raab), einstiger Revolutionsdichter der 68er, der seit zwei Jahren unter Schreibhemmungen leidet und daher dringend Geld und Selbstbestätigung braucht. Bevor er am Ende mit einem literarischen Loblied auf den Faschismus („Keine Feier für den toten Hund des Führers“) beides bekommt und zugleich in körperlicher und seelischer Erniedrigung sein Glück findet, begeht er den eingangs erwähnten Mord an einer reichen Nymphomanin (Katharina Buchhammer), beginnt ein Interviewbuch mit Nutten und hält sich zwischenzeitlich für den deutschen Großdichter Stefan George. Die schwulen Jünglinge, die ihn in dieser Rolle anhimmeln, muss er freilich bezahlen, seine einzige echte Bewunderin im Film ist eine verrückte alte Jungfer namens Andrée, die er in den Keller sperrt. Seine Frau beschwert sich über Sexentzug, sein Selbstversuch in homosexueller Praxis mit einem Stricher scheitert kläglich, und neben dem Gerichtsvollzieher und der Polizei rückt ihm noch ein aus politisch bewegten Zeiten bekanntes Pärchen auf die Pelle, das zwar sexuell freizügig, aber ökonomisch unerbittlich ist. Zuletzt war dann alles nur Theater.

Satansbraten 5

Boshaftigkeit nach allen Seiten, gegen alles und jeden. Fassbinders einzige Komödie ist zugleich sein vielleicht misanthropischster Film, das cineastische Äquivalent zu einem Kotzschwall. Es gibt sehr wenig in Satansbraten, was auch nur den Hauch von Empathie erzeugt – Kranz’ allmählich zugrunde gehende Frau Luise (Helen Vita) bildet zumindest am Filmende, als ihr furienhaftes Geschimpfe stiller Traurigkeit weicht, eine kleine Ausnahme. Sympathien fasst man vor allem für die aus den Nähten platzende Energie aller Beteiligten, ein unter Volldampf stehendes Ensemble um den furios aufspielenden Kurt Raab, dessen wüstem Gebaren zuzusehen und zuzuhören eine Freude ist – auch wenn das zum Lachen höchstens zwanzig Minuten taugt und danach eher Stresssymptome verursacht. Und Bewunderung hegt man für den Willen zur Form, der Fassbinder etwa inmitten des schäbigen Chaos jäh das Tempo drosseln lässt, um mit Orchestermusik und schwelgerischer Kamera eine Dramensequenz mit Raab und Ingrid Caven in mondäner Villa am See als buchstäblich „großes Kino“ zu inszenieren.

Satansbraten 3

Satansbraten wurde als Satire auf die bundesrepublikanische Linke und ihre Anbiederung an den Kulturbetrieb schon hinreichend beschrieben. Vieles, was hier zeitgenössischen Rezipienten sicher augenblicklich ins Gesicht sprang, ist heute nur noch mittelbar zugänglich. Aber auch allgemeiner verstanden kann man die Botschaft, dass jeder korrumpierbar ist und selbst der größte Idealist sich für ’nen Appel an die Reaktion prostituiert, als etwas platt empfinden (wenn auch angesichts der einen an jeder Ecke angrinsenden „Ihre Meinung zu BILD“-Promis nicht unbedingt als falsch).

Reizvoller an Satansbraten sind die Elemente, die für den politischen Subtext nicht unbedingt nötig wären oder darüber hinausweisen, die sich um Kunstschaffen und Kunstrezeption und die damit verbundenen (Selbst-)Ausbeutungsprozesse drehen. Da ist zum einen die Figur der Andrée, die vielleicht enigmatischste Gestalt des Films, eine alles andere als unschuldige „alte Jungfer“, hinter deren devoter Bewunderung für Kranz sich auch recht materielles Kalkül verbirgt. Mit den hinter runden Brillengläsern absurd vergrößerten Augen auch optisch eine der seltsamsten Rollen, die Margit Carstensen je gespielt hat.

Satansbraten 2

Und da ist vor allem der zentrale Strang um Kranz’ Alter Ego. Dass Fassbinder den Ex-Revoluzzer mit Kostüm und Perücke ausgerechnet in die Rolle des Erzreaktionärs Stefan George schlüpfen lässt, ist zwar auch eine ätzende politische Pointe – aber nicht nur das. Wie Kranz inmitten eines niedrigen Alltags ein groteskes Imitat des elitären George-Kreises auf die Beine stellt, das erzählt eben auch von dem Versuch einer künstlerischen Selbstermächtigung unter widrigsten Umständen. Wenn man annehmen darf, dass Fassbinder sowohl von Georges Kunstwillen wie von dessen theatralischer Selbstinszenierung im Kreis einer sich absolut unterordnenden Anhängerschaft auch fasziniert gewesen ist, und wenn man sieht, wie hemmungslos er solch Auftreten in Satansbraten zugleich der totalen Lächerlichkeit preisgibt: Dann versteht man, wer das erste und letzte Ziel der verbittert-zynischen Attacken dieser sogenannten Komödie war.

Übrigens: Dass Kranz’ vermeintlich eigenes Gedicht Der Albatros sich sehr schnell als ein Werk Georges entpuppt, ist im Film kein großer Aufreger. Selbst die ihm am wenigsten wohlgesinnten Figuren nehmen ihm die Urheberrechtsverletzung nicht weiter übel. Das Wilde’sche Diktum „Talent borrows, genius steals“ war 1974 offenbar noch weiter verbreitet als heute.

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